„Nur wenn wir träumen, sind wir frei“: Der Spruch auf einem Foto ist das einzige, was Susanne (Marlene Burow), von allen nur Suzie genannt, von ihrer verstorbenen Mutter geblieben ist. Doch mit der Freiheit ist es im Sommer 1989 nicht weit her in der DDR. Als die 18-Jährige mit systemkritischem Aufnäher und indizierter Literatur (ausgerechnet George Orwells „1984“, diese grelle Satire und Generalabrechnung mit dem Sozialismus) erwischt wird, kann sie sich ihr Literaturstudium abschminken.

„In einem Land, das es nicht mehr gibt“: Eine ganz persönliche Geschichte

Zur Strafe wird sie von der Schule verwiesen und muss in einer Fabrik malochen. Weit draußen im Kabelwerk Oberspree, um sich so als würdiges Mitglied der sozialistischen Gesellschaft zu erweisen. Der real existierende Rigorismus des Arbeiter- und Bauernstaats. In der Fabrik wird ihr allerdings gleich bedeutet wird, dass sie hier nicht dazu gehört: „Du bist keine von uns.“

Doch da erscheint wie im Märchen ein Prinz. Er kommt nicht hoch zu Ross angeritten. Er steht nur mit einem Fotoapparat an einer Haltestation, als Suzie mit der Tram zur Fabrik fährt. Doch Coyote (David Schütter) macht einen Schnappschuss von dem schönen, traurigen Mädchen. Kurz darauf sieht Suzie sich im DDR-Magazin „Sibylle“ großflächig abgebildet. Und wird auch bald eingeladen von der „Zeitschrift für Mode und Kultur“.

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Das ist zwar so gar nicht ihre Welt. Die Chefredakteurin Elsa (Claudia Michelsen) gibt sich so launisch-streng, als sei sie „Der Teufel trägt Prada“ auf sozialistisch. Und die anderen Models - die damals noch Mannequins hießen - wittern Konkurrenz. Und machen gleich klar, dass sie auch hier nicht dazu gehört. Doch der exzentrische Stylist Rudi (Sabin Tambrea) gibt Suzi zu verstehen: Wenn die Chefredakteurin, wenn die „Sibylle“ sie will, dann muss sie nicht mehr zur Brigade. So wird diese elitär-anarchische Künstler-Parallelwelt zum Rettungsanker, in der Suzie erstaunliche Freiheiten findet. Und wieder zu träumen wagt.

Die Regisseurin hat selbst als Mannequin für die „Sybille“ gearbeitet

„In einem Land, das es nicht mehr gibt“ spielt in der Modewelt in der DDR. Und erzählt aus einer interessanten anderen Perspektive die letzten Monate vor Mauerfall. Ihten Film aus dem Jahr 2022 stellt Aelrun Gotte nun noch einmal vor: In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die die Berliner Morgenpost an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Film zeigt.

Es ist kein Film über die berühmte Frauenzeitschrift „Sibylle“. Darüber gab es ja auch schon 2001 den schönen Dokumentarfilm „Träume nicht, Sibylle“. Es ist die persönliche Geschichte der Filmemacherin Aelrun ­Goette. Die Grimme-Preisträgerin machte erst mit Dokumentarfilmen wie „Feldtagebuch – Allein unter Männern“ (2002) über die ersten Rekrutinnen in der Bundeswehr von sich reden, dann auch mit Sozialdramen wie „Keine Angst“ (2009) über die Kinderarmut in Deutschland. Hier aber verarbeitet sie ihr eigenes Erwachsenwerden.

Mehr zum Thema: Sabin Tambrea über seine Rolle in „In einem Land, das es nicht mehr gibt“

In einem Land, das es nicht mehr gibt
In einem Land, das es nicht mehr gibt© Tobis | Tobis

Sie selbst, 1966, fünf Jahre nach Mauerbau, in Ost-Berlin geboren und aufgewachsen, wurde noch kurz vor Mauerfall ein Fotomodell und zierte tatsächlich, allerdings schon 1986, den Titel einer „Sibylle“-Ausgabe. Und auch die anderen Figuren ihres Drehbuchs basieren auf realen Vorbildern: der Fotograf auf Sven Marquard, der nicht nur als Fotograf, sondern auch als Türsteher des Technoclubs Berghain bekannt wurde.

Den aufrechten Gang lernen: für den Catwalk wie fürs Leben

Und der Stylist auf den Ost-Punk Frank Schäfer, der noch heute einen kultigen Friseursalon „Frank & Amanda“ in Prenzlauer Berg betreibt (und sein Alter Ego für die Dreharbeiten frisiert hat). Wobei auch das für ihren Film spricht, dass Goette mit diesen Namen (und ihren alten Freunden) nicht hausieren geht, sondern es bei fiktiven Figuren belässt.

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Als Mannequin lernt Goettes Alter Ego nicht nur, wie man sich auf dem Laufsteg bewegt („Rücken gerade, Brust raus!“), sondern auch, wie man aufrecht und mit der richtigen Haltung durchs Leben geht. Und dieser Grat ist deutlich schmaler als der Catwalk. Hier gibt es zwar Eleganz statt Tristesse, Weitblick statt Enge, Kreativität statt Angepasstheit.

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Die Regisseurin Aelrun Goette als Titelmodel einer Ausgabe der „Sibylle“ von 1986.
Die Regisseurin Aelrun Goette als Titelmodel einer Ausgabe der „Sibylle“ von 1986. © Ute Mahler | Ute Mahler

Aber so sehr sich die grauen Staatsfunktionäre mit der volkseigenen Modewelt schmücken und auch gern, ja lüstern mit Mannequins umgeben, versuchen sie auch, diese Subkultur zu kontrollieren. Coyote darf offiziell nicht fotografieren, weil er den Kriegsdienst verweigert hat. Und der unangepasste, schwule, exotische Rudi wird immer wieder verhaftet und verhört. Am Ende will die Stasi auch Suzie zwingen, gegen ihre neuen Freunde auszusagen. Doch da hat sich das schüchterne Entlein längst in einen selbstbewussten Schwan verwandelt.

Bei diesen Menschen ist die Mauer schon vor dem Mauerfall längst überwunden

Die Ziegler Filmproduktion hat schon „Jenseits der Mauer“ und „Weißensee“ produziert und zeigte auch mit diesem Film, dass noch lange nicht alle Geschichten über die DDR erzählt worden sind. „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ lebt von dem ungewöhnlichen Blick in eine subkulturelle Nische. Zeigt den Spagat zwischen Anpassung und Aufbegehren.

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Claudia Michelsen als Chefredakteurin, die ihre Schäfchen hütet, aber auch den Druck des Regimes aushalten muss.
Claudia Michelsen als Chefredakteurin, die ihre Schäfchen hütet, aber auch den Druck des Regimes aushalten muss. © Tobis | Tobis

Und die Ambivalenz von der Macht der Bilder: Hier der Fotograf, der für eine Fotostrecke Suzie in Haute-Couture vor Arbeiterinnen in der Werkskluft kombiniert, da die Stasi, die die Freigeister überwachen und heimlich knipsen.  Der Film lebt auch von starken Schauspielern. Allen voran Sabin Tambrea, der hier schrille Auftritte absolviert, und die Neuentdeckung Marlene Burow, die kurz darauf gleich noch in einem anderen, ungewöhnlichen Film über die DDR-Zeit, „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ brillierte.

Die interessanteste Rolle ist aber wohl die von Claudia Michelsen als  Chefredakteurin, die, wenn auch streng, ihre schützende Hand über ihre Schäfchen hält, zugleich aber auch die Skrupellosigkeit der Modenbranche durchschimmern lässt und auch noch den Druck des Regimes aushalten und gegen die Mühlen der Zensur kämpfen muss.

„In einem Land, das es nicht mehr gibt“ endet, noch bevor die Mauer fällt. Und erspart sich erklärende Worte, was danach geschah. Die Protagonisten, um die es geht, haben die Mauer für sich da schön längst überwunden.

Zoo Palast, 4. November, 20 Uhr, in Anwesenheit der Filmemacherin Aelrun Goette. Karten gibt es hier.