Berlinale-Tickets sind immer heiß begehrt. An sie ranzukommen, wird dagegen immer schwieriger. Seit man sie nicht mehr an Ticket-Countern erstehen kann, sondern nur noch im Netz, mehren sich die Klagen, dass da offensichtlich irgendwelche Bots tätig sind, die Tickets horten und dann zu horrenden Preisen im Internet weiterverkaufen. Aber selbst wer Tickets ergattern kann, kann immer nur einen Ausschnitt des Festivals sehen. Denn das Angebot ist einfach viel zu groß. In diesem Jahr waren es 240 Filme. Bei zehn Festivaltagen (den Publikumstag nicht mitgerechnet) sind das stattliche 24 pro Tag. Das kann natürlich keiner schaffen.
Schon eine kleine Tradition: Höhepunkte der Berlinale als Sommer-Event
Wie schön, dass es da noch eine Möglichkeit gibt, zumindest ein paar Filme nachzuholen. Und das nicht im kalten Februar, sondern im schönen, warmen Sommer. Open Air in lauschiger Kulisse im Volkspark Friedrichshain. Es ist schon eine kleine Tradition, dass das dortige Freiluftkino in der schönsten Jahreszeit eine Sommer-Berlinale veranstaltet. Und dafür auch einen roten Teppich ausrollt. Das macht Spaß. Und auch ein bisschen melancholisch. Weil man eine Ahnung bekommt, wie schön das früher gewesen sein muss, als das Filmfestival tatsächlich noch im Sommer stattgefunden hat. Und dabei auch oft zu Open-Air-Veranstaltungen geladen hat.
Lange her. Seit 1978 läuft die Berlinale in der dunklen Jahreszeit. Den Zauber des Sommerfestivals konnte man indes 2021 noch einmal erleben, als corona-bedingt das Festival im Februar nur digital ablief, dafür aber ein Sommer Special fürs Publikum eingerichtet wurde: auch das Open-Air. Das war noch mit großem Abstand zum Nachbarplatz und daher nur ein sehr selektiver Spaß. Aber immerhin: Das Berlinale-Intro zum Sonnenuntergang, das ist schon was.
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Und das kann man nun auch in diesem Sommer wieder erleben. Ganz ohne Distanzvorschriften. Zumindest für vier Abende lang. Weil vom 8. Bis 11. Juli sind aus dem ersten Programm unter der neuen Berlinale-Chefin Tricia Tuttle vier ausgewählte Filme zu sehen, die alle auch buchstäblich ausgezeichnet sind, also mit einem Preis gekürt wurden.
Abenteuerreise durch einen sehr queeren Weltraum
Den Anfang macht der schräge Film „Lesbian Space Princess“, der in der Sektion Panorama lief. Ein durchgeknalltes, knallbuntes Animationsweltraum-Märchen aus Australien. Mit grellem Humor. Und weiblicher Selbstfindung. Denn da geht es um Saira, eine Prinzessin von einem fernen Planeten namens Clitopolis (!), die in einer inter-gay(!)-laktischen Mission ihre Ex-Freundin Kiki befreien muss. Aus den Händen der sehr quadratischen und sehr weißen Straight White Maliens.

Donnerstag
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Eine gewollt krawallige und knallbunt animierte Abenteuerreise durch die Weiten eines sehr queeren Weltraums, die auch ein Publikumsliebling des 75. Festivals war. Die Regisseurinnen Emma Hough Hobbs und Leela Varghese wurden dafür mit dem Teddy, dem schwullesbischen Filmpreis für den besten Spielfilm, ausgezeichnet.
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Nach dem Spaß folgt am 9. Juli ein Film mit einer ganz anderen Gefühlslage. Der Dokumentarfilm „Holding Liat“ handelt einer der Geiseln, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas aus ihrem Kibbuz entführt wurden. Schon kurz darauf nahm der US-Regisseur Brandon Kramer Kontakt mit der Familie von Liat auf. Und durfte mit der Kamera dabei sein, wie diese versucht, mit ihren Ängsten umzugehen. Und über Behörden Einfluss zu nehmen auf das Schicksal ihrer verschleppten Tochter und deren Mann.
Wobei Liats Vater Yehuda, trotz seines Schmerzes, die Rolle Israels im Nahostkonflikt äußerst kritisch sieht und für Aussöhnung wirbt. Ein Film, der sehr nah geht. Und weh tut. Der Beitrag, der in der Sektion Forum lief, gewann zu Recht den Berlinale-Dokumentarfilmpreis.
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In der Jugendsparte Generation begeisterte das irische Drama „Christy“ von Brendan Canty. Die Geschichte eines 17-Jährigenmm der in der Arbeiterstadt Cork bei seiner Pflegefamilie rausfliegt und bei seinem älteren Bruder einziehen muss. Der Bruder sieht das nur als Übergangslösung, während Christy sich bei ihm wohlfühltl.
Nach Jahren der Trennung müssen sich die ungleichen Brüder auch ihrer Vergangenheit stellen. Und entscheiden, welche Weichen sie für ihre Zukunft stellen. Ein starker Debütfilm, der den Großer Preis für den Besten Film in der „Generation 14plus“ erhielt und nun am 10. Juli gezeigt wird.
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Zum Abschluss einen Tag später läuft dann „O último azul (The Blue Trail)“ des Brasilianers Gabriel Mascaro, einer der heimlichen Höhepunkte des Festivals, der im Wettbewerb lief, der die Frage, wie wir mit unseren älteren Mitmenschen umgehen, auf originelle Art verhandelt. Weil er in einer nicht allzu fernen Zukunft spielt, in der ältere Menschen weggesperrt werden, damit Jüngere sich nicht mehr um sie kümmern müssen und effizienter für die Gesellschaft arbeiten können.
Alle Filme werden persönlich von den Sektionsleitern vorgestellt
Bis sich eine 77-Jährige ihrem Schicksal nicht ergeben will und mitten im Amazonas auf eine gefährliche Odyssee begibt. Das Drama rührte nicht nur wegen dieses späten Kampfs um Eigenständigkeit und Autarkie, sondern vor allem auch wegen des Spiels der großartigen Hauptdarstellerin Denise Weinberg. Die Leserjury der Berliner Morgenpost vergab dafür den Publikumspreis im Wettbewerb. Und nannte den Film ein „hoffnungsvolles Juwel des Festivals. Und die Internationale Jury um den Jurypräsident Todd Haynes den zweitwichtigsten Bären, den Großen Preis der Jury.
Alle Filme laufen ab 21.30 Uhr. Und das hat nicht nur den Segen des Festivals, die Leiter der jeweiligen Sektionen sind auch selbst anwesend und geben eine kleine Einführung in den Film. Am 8. Juli kommt also Panorama-Chef Michael Stütz, am 9. Juli Forums-Chefin Barbara Wurm, am 10. Juli Generationsleiter Sebastian Markt. Und zum Abschluss lässt es sich die Berlinale-Chefin nicht nehmen, selbst zu kommen. Wer auch Tricia Tuttle noch nicht erlebt haben sollte – hier kann man die Frau kennen lernen, die so frischen Wind ins Festival bringt.
Sommer-Berlinale im Freiluftkino Friedrichshain. 8.-11. Juli, je 21.30 Uhr. Programm und Tickets gibt es hier.





