Wie sie sich fühlte nach ihrer ersten Berlinale, wurde die Festivalintendantin Tricia Tuttle bei der Preisverleihung am Samstagabend gefragt. „Großartig. Erschöpft.“ Davor, auf dem roten Teppich, wurde sie uns gegenüber etwas deutlicher: Jetzt habe sie noch Kraft, „aber morgen kollabier‘ ich.“ Sie werde erst mal viel schlafen.

Immer wieder hieß es bei den Dankesreden: „Danke, Tricia“

Und das hat sich die 55-Jährige redlich verdient. Denn die neue Intendantin war wirklich überall, um Gesicht zu zeigen. Und brachte neuen Schwung und Elan in das Festival. Sie begnügte sich nicht mit der Rolle der Gastgeberin, die am Teppich die Filmemacher begrüßt.

Sie hat auch, einmalig in der Festivalgeschichte, Pressekonferenzen selbst moderiert. Und auch hinter den Kulissen für gute Laune gesorgt. Kein Wunder, dass es bei den Dankesreden nicht nur „Danke, Berlinale“ und „Danke, Jury“ hieß, sondern immer wieder auch: „Danke, Tricia.“

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Der norwegische Produzent Hege Hauff Hvattumon mit dem Goldenen Bären für seinen Film "Drommer - Dreams (Sex Love)". © AFP | Tobias Schwarz

Die US-Amerikanerin, die seit April Intendantin der Berliner Filmfestspiele ist, hat einen schwerfälligen Tanker übernommen in stürmischer See, in einer sich brachial wandelnden Branche. Und sie muss dabei nicht nur mit künftigen Problemen umgehen – ob der Vertrag am Potsamer Platz verlängert wird oder das Festival sich einen neuen Standort suchen muss.

Drängende Probleme der Zukunft und Altlasten der Vorgänger

Nein, sie hat auch mit den Altlasten der Vorgänger zu kämpfen. Bei der Preisverleihung 2024 hatten gleich mehrere Preisträger ihre Solidarität mit Palästina bekundet, ohne auf die Gräueltaten der Hamas am 7. Oktober 2023 einzugehen, hatten teils sogar von „Genozid“ und „Apartheid“ gesprochen, was im Nachhinein zu einer großen Kontroverse geführt hat. Die alte Berlinale-Leitung musste sich sogar vor dem Kulturausschuss des Bundestags verantworten, zu dem auch Tricia Tuttle, schon ernannt, aber noch nicht im Amt, erschien.

Tuttle wollte vieles besser machen. Und gedachte bei dieser Berlinale etwa auch des israelischen Schauspielers David Cunio, der 2013 auf der Berlinale einen Film vorgestellt hatte und dann 2023 als Geisel genommen wurde. Im Vorjahr hatte man noch versäumt, an ihn zu erinnern, nun lief sogar ein Film über ihn: „A Letter to David“. Und bei der Eröffnung stand Tuttle mit Stars wie Andrea Sawatzki und Ulrich Matthes in einer Reihe, um mit einem Bild an Cunio zu erinnern.

75. Berlinale - Eröffnung
Tuttle (2.v.r.) gedachte bei der Eröffnung mit Stars und Menschenrechtsaktivisten der israelischen Geisel David Cunio. © DPA Images | Christoph Soeder

Bei der Eröffnungsgala schien auch alles perfekt. Und Ehrenbär-Preisträgerin Tilda Swinton hielt eine viel beachtete Rede an die Menschlichkeit. Einen Tag später indes bekundete sie einmal mehr ihre „große Bewunderung“ für den BDS, der den Staat Israel isolieren will und auch zum Boykott gegen die Berlinale aufgerufen hat. Womit Swinton der Berlinale einen Bären-Dienst erwies.

Die CDU fordert, kein Geld mehr für das Festival beizusteuern

Prompt schrieb die „Jüdische Allgemeine“, man mache genau da weiter, „wo das Filmfestival im vergangenen Jahr aufgehört hat“. Und nur einen weiteren Tag später las der chinesische Regisseur Jun Li eine Rede seines Schauspielers Erfan Shekarriz vor, in dem es hieß, die deutsche Regierung und ihre Kulturinstitutionen, einschließlich der Berlinale, leisteten ihren Beitrag zur Apartheid und zum Völkermord des palästinensischen Volkes. Zudem wurde die verbotene Parole „From the River to the Sea“ skandiert, mit der die Auslöschung Israels propagiert wird.

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Daraufhin nahm der Staatsschutz Ermittlungen auf. Tuttle entschuldigte sich umgehend und bedauerte den Vorfall. Der Berliner CDU-Fraktionschef Dirk Stettner bekundete daraufhin, er habe „die ständigen am Antisemitismus kratzenden bis offen judenfeindliche Äußerungen gründlich satt“, und forderte, der Senat solle kein Geld mehr für das Festival beisteuern. Ein durchschaubares wahltaktisches Manöver.

BESTPIX: Honorary Golden Bear Press Conference - 75th Berlinale International Film Festival
Sie erwies dem Festival mit ihrem erneuten Bekenntnis zum BDS einen Bären-Dienst: Ehrenbär-Preisträgerin Tilda Swinton. © Getty Images | Andreas Rentz

Es blieben glücklicherweise die einzigen Misstöne dieses Festivals, von dem sich Tuttle erhofft hatte, dass nicht nur über Politik gesprochen werde, sondern vor allem wieder über die Filme selbst. Für ihren Einstand konnte sie eine Reihe an großen internationalen Stars gewinnen, die für Glanz und Glamour am roten Teppich sorgten, von Jessica Chastain bis Rose Byrne (die sogar als beste Schauspielerin geehrt wurde), von Timothée Chalamet bis Robert Pattinson.

330.000 verkaufte Tickets: Ein erfreulicher Zuwachs an Zuschauern

Dass man dafür einen Film wie „Like a Complete Unknown“ mit ins Programm aufnahm, der schon auf anderen Festivals zu sehen war und in den USA längst im Kino läuft – geschenkt. Diesen Trumpf ließ sie sich nicht entgehen. Mit dem Science-Fiction-Film „Mickey 17“, dem ersten Film von Kultregisseur Bong Joon Ho seit seinem Oscar-Erfolg „Parasite“, konnte sie dann sogar eine Weltpremiere präsentieren, auf die alle gewartet haben.

Und mit 330.000 verkauften Tickets konnte am Festivalende auch ein erfreulicher Zuwachs an Zuschauern vermeldet werden. Der Beweis: Die Berlinale ist nicht nur die größte Kulturveranstaltung Deutschlands, sondern noch immer das größte Publikumsfestival der Welt, das auch dankbar angenommen wird.

75. Berlinale - Abschlussgala
Hollywoodstar Rose Byrne erhielt den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle für ihre Ausnahmeperformance in „If I Had Legs I'd Kick You“. © DPA Images | Christoph Soeder

Der einzige Schwachpunkt der ersten Tuttle-Berlinale war ausgerechnet der Wettbewerb, für den sie, außer den Dauergästen Richard Linklater und Hong Sangsoo, keine großen internationalen Filmemacher gewinnen konnte. Die gehen lieber nach Cannes und Venedig, offensichtlich auch deutsche Regisseure wie Fatih Akin und Christian Petzold, deren neue Filme längst fertig sind.

Der einzige Schwachpunkt des Festivals war ausgerechnet der Wettbewerb

Und warum ein so wichtiger und wertiger Film wie „Heldin“ über den Pflegenotstand in Krankenhäusern nur als Special lief, nicht aber im Bärenrennen, dort aber eine chauvinistische und ultrabrutale Agentensatire wie „Un reflet dans un diamant mort“, der Tiefpunkt des Wettbewerbs, versteht niemand.

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Auch wenn Tuttle eine größere Vielfalt filmischer Formate und Stimmen in den Wettbewerb bringen wollte und somit auch Genrefilme wie „La tour de glace“, die doch Fremdkörper blieben. Der Wettbewerb sah nicht viel anders aus als in den Vorjahren unter Chatrian. Am Ende hat die Jury unter Todd Haynes nicht unbedingt die beste Wahl getroffen bei ihrer Bärenvergabe. Auch das hat eine gewisse Tradition.

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Der brasilianische Regisseur Gabriel Mascaro erhielt den Großen Preis der Jury für „O último azul“. © DPA Images | Ronny Hartmann

Die Frage ist: Konnte Tuttle nicht anders? Oder wollte sie nicht? Die eine Lesart: Nach dem Eklat des Vorjahres hat sie nicht jeden Film bekommen, den sie wollte. Eine andere: Sie trat erst im April ihr Amt an, hatte also kein ganzes Jahr, um das Festival zu gestalten. Eine dritte: Sie ist noch nicht gut genug vernetzt im internationalen Filmbetrieb. Doch hier heißt es Abwarten. Die Berlinale 2025 war ihr Einstieg. Bewähren muss sie sich mit ihrer zweiten Ausgabe im nächsten Jahr. Und daran wird sie dann gemessen werden.

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Bleibt noch das Jubiläum. Daraus hat Tuttle überraschenderweise gar nichts gemacht. Vielleicht ist das auch ein bisschen zu viel verlangt bei einem Einstand, mit der langen Geschichte des Festivals kann die Amerikanerin sich naturgemäß noch nicht so auskennen. Und doch darf man ja stolz sein auf diese 75 Jahre. Und hätte das mit ein paar Veranstaltungen – und wären es auch nur Wiederaufführungen der ersten Berlinale-Siegerfilme gewesen – gebührend feiern können.

Aber das sind Peanuts. Tuttle hat mit ihrem ersten Festival gezeigt, dass sie viel will. Und sie sorgt für einen neuen Schwung, den das Festival dringend braucht. Die Berlinale, sie wird frischer durch „Tricia“.