Draußen auf der Straße, unterm U-Bahn-Viadukt, hängen sie ab. 16- und 17-Jährige, die Boogie tanzen. Schabernack treiben. Und sich Mutproben auferlegen. Etwa die, eine Laternenbirne mit einem Stein zu zerschmeißen. Aber da bildet sich dann schnell eine aufgebrachte Menschenmenge um sie herum, die die Polizei ruft und johlt, als die Jugendlichen abgeführt werden: „Das ist richtig, dass die Lausejungs mal bestraft werden!“

Donnerstag
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„Berlin – Ecke Schönhauser“ war 1957 für den Osten der Stadt das, was „Die Halbstarken“ mit Horst Buchholz ein Jahr zuvor für den Westen war: die filmische Bestandsaufnahme einer aufmüpfigen Jugend, die auf die bürgerlichen Werte pfiff. Und auf keinen Fall so werden wollte wie die Eltern. Die sich lieber ein Vorbild an der amerikanischen Jugendkultur nahm, allen voran an Marlon Brando, dem Revoluzzer in Leder aus dem Film „Der Wilde“ (1953), oder James Dean als „Rebel Without a Cause“ (1955).
Der Film wurde einfach ohne die nötige Dreherlaubnis gedreht
Wild wollen sie auch sein. Und ecken damit an. Im Osten freilich noch etwas mehr als im Westen. Weil sie auch auf die sozialistische Staatsräson pfeifen. Umso mutiger war es, diesen Film zu drehen. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat veranstaltet, darf dieser Film deshalb nicht fehlen.
Längst gilt er als einer der größten DEFA-Klassiker. Und doch muss man staunen über den Mut, den Regisseur Gerhard Klein und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase damals aufbrachten. „Berlin – Ecke Schönhauser“ war schon ihr dritter gemeinsamer Berlin-Film, nach „Alarm im Zirkus“ (1954) und „Eine Berliner Romanze“ (1956). Und darin zeigten sie die DDR nicht so, wie sie gern gesehen werden wollte, sondern wie sie wirklich war. Mit einer Jugend, die mit dem neuen Staat nichts anfangen kann. Und sich lieber draußen herumtreibt als zuhause bei den Eltern nützlich zu machen.
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Einer von ihnen, Kohle (Ernst-Georg Schwill), flüchtet ins Freie, um den Schlägen seines alkoholsüchtigen Stiefvaters zu entgehen. Eine andere, Angela (Ilse Pagé), wird von der eigenen Mutter weggeschickt, wenn deren Chef, mit dem sie ein Verhältnis hat, sie besucht.
Ein weiterer, Dieter (Ekkehard Schall), gerät immer wieder mit seinem älteren Bruder, einem Volkspolizisten, bei dem er lebt, seit er seine Eltern im Krieg verloren hat, aneinander. Dieter geht zwar schon arbeiten, beweist sich auf dem Bau sogar als Retter, als ein Bagger einen Blindgänger freilegt. Von der FDJ lässt er sich jedoch nicht anwerben und legt sich dafür fast mit seinen Kollegen an.
Aufbegehrende Jugendliche und Eltern, die nicht als Vorbild taugen
Und Karl-Heinz (Harry Engel) ist schon auf die schiefe Bahn geraten. Die Schule hat er längst geschmissen, weil seine Eltern rübermachen wollen, sich aber nicht von ihren geerbten Häusern trennen können und die Flucht immer wieder hinausschieben. Dafür dreht Dieter krumme Dinger, klaut etwa Peronsalausweise, die er dann im Westen verscherbelt. Und zieht dabei auch Dieter mit hinein.
Das sind ganz ungeschönte Geschichten aus dem Nachkriegs-Berlin. Die nicht nur eine vermeintlich verlorene Jugend ohne Ideale zeigt. Sondern auch Eltern, die alle mit eigenen Traumata kämpfen, ohne dass sie das je benennen oder gar bekennen würden. Und die darum kein Vorbild abgeben. Gebrochene Figuren in einer Stadt im Umbruch, in der es noch viele kriegsbedingten brachen gibt, in der aber auch viel gebaut und gegraben wird, wobei auch noch Bomben aus dem Krieg zutage treten. Eine hochexplosive Gemengelage. Und man staunt heute noch über einige Sätze im Film wie die von Dieters Vater: „Psychologisch ist der Westen im Vormarsch. Dieses ganze System wird zusammenbrechen.“
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Dass dieser Film 1957 in den Kinos der DDR lief, war nur dem politischen Tauwetter jener Jahre zu verdanken. Damit sollte es aber schon bald vorbei sein. Nur ein Jahr später, im Juli 1958, rechnete die SED auf einer dreitägigen Filmkonferenz mit dem „Revisionismus“ ab. Dabei wurde das Verdikt herausgegeben, „dass Naturalismus und kritischer Realismus völlig ungeeignet sind, die sozialistische Wirklichkeit darzustellen“. Das zielte uch auf die Berlin- Filme von Klein und Kohlhaase, die ein erster Versuch waren, eine neue Lebensidentität abzubilden. Deren ächstes gemeinsames Filmprojekt, „Berlin um die Ecke“, wurde 1965, vier Jahre nach Mauerbau, vom berüchtigten XI. Plenum des Zentralkomitees der SED vorzeitig abgebrochen und – wie fast die gesamte Jahresproduktion der DEFA - verboten.
Aber auch „Berlin – Ecke Schönhauser“ hatte bereits zu kämpfen. Die Hauptverwaltung Film (HV), die beim Ministerium für Kultur für das gesamte Filmschaffen der DDR zuständig war, beanstandete schon bei dem Skript, es thematisiere nur „die negativen, problematischen, eine kritische Auseinandersetzung geradezu verlangenden Erscheinungen unseres Lebens“. Sie gab deshalb auch keine Produktionsgenehmigung, so dass der Film eigentlich gar nicht hätte gedreht werden dürfen. Gerhard Klein tat es dennoch, unter anderem Titel: „Wo wir nicht sind…“.
Das Ministerium für Kultur war empört, die Zuschauer waren begeistert
Klein und Kohlhaase bekannten sich zum italienischen Neorealismus. Sie suchten deshalb, wie die berühmten Vorgänger, die Themen auf der Straße. Und drehten auch dort. An der Dimitroff-, der heutigen Danziger Straße, an der titelgebenden Ecke zur Schönhauser Allee, am damaligen U-Bahnhof Dimitroffstraße (heute Eberswalder Straße). Aber auch, die Sektorengrenzen waren ja noch offen, an der Gedächtniskirche und im Wedding.
Sie drehten teils mit Laiendarstellern, wie das auch die Neorealisten getan hatten. Mit einem Schlosser wie Ernst-Georg Schwill, der schon in den früheren Berlin-Filmen des Regie-Autoren-Duos mitgewirkt hatte, aber erst danach Schauspielunterricht nehmen sollte. Für die weibliche Hauptrolle wurde eine Schülerin entdeckt, die später Karriere machen sollte: Ilse Pagé, die aus dem Westen kam, was ebenfalls kritisiert wurde, zumal sie auch noch mit West-Geld bezahlt wurde. Der Star des Films aber war ein Jungschauspieler, der fünf Jahre zuvor von Brecht persönlich ans Berliner Ensemble geholt wurde und einer der prägendsten Figuren des Hauses werden sollte: Ekkehard Schall.
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Mit ihnen drehte Klein den Film, den er sich vorgestellt hatte, ohne jede Konzession. Selbst die Begutachtung des Rohschnitts fand auf sein Betreiben hin ohne die HV statt. Die bekam ihn erst in der Endfassung zu sehen und protestierte umgehend und scharf, er würde „schädlich auf unsere Menschen wirken“ und sei angetan, „den Feinden unserer Republik in ihrer Hetze zu helfen“. Doch als der Film dem FDJ-Zentralrat vorgeführt wurde, kam dieser zu einer ganz anderen Einschätzung: dass der Film „bei der Masse richtig ankommen werde“, ja mehr noch: „Er wird ein Signal sein, mitzuhelfen.“
Einer der erfolgreichsten DEFA-Filme: Millionen Zuschauer in wenigen Wochen
Tatsächlich gibt es darin auch eine Art Vaterfigur, einen Volkspolizisten, der sich um die vermeintlich verkommenen Jugendlichen sorgt, und das deutlich mehr als deren Eltern. „Ich hatte damals viele Polizeiakten gelesen und auch mit Leuten geredet, denn der Stoff, der sich in Aktenlagen und in Delikten zeigte, hatte sehr viel mit der allgemeinen Realität zu tun“, erzählte später Wolfgang Kohlhaase, der große filmische Berlin-Chronist, der vor zwei Jahren gestorben ist: „Wenn man mit Leuten von der Volkspolizei sprach, traf man Realisten, die waren auf der Straße und wussten, es hilft ihnen oft wenig, was im ‚Neuen Deutschland‘ steht. Ich wollte Leuten wie diesen gerecht werden und mir kein Zaubermärchen ausdenken.“
Nur dank der positiven Einschätzung der FDJ kam der Film schließlich doch ins Kino. Und erlebte seine Premiere, am 30. August 1957 im Babylon-Kino, mit drei Monaten Verspätung. Die Prognose, der Filme werde bei der Masse ankommen, wurde mehr als bestätigt: Bereits drei Monate später hatten ihn über 1,5 Millionen Zuschauer gesehen. Damit war „Berlin – Ecke Schönhauser“ einer der erfolgreichsten Filme der DDR überhaupt.
Zoo Palast, 6. August, 20 Uhr in Anwesenheit von Philip Zengel von der Defa-Stiftung. Tickets gibt es hier.





