Nachruf

Zum Tod von Wolfgang Kohlhaase: Er war Berlin

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Schon zu Lebzeiten war er eine Legende: der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase.

Schon zu Lebzeiten war er eine Legende: der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase.

Foto: David Heerde

Niemand schrieb so viele und so schöne Berlin-Filme wie Wolfgang Kohlhaase. Nun ist der Drehbuchautor mit 91 Jahren gestorben.

Er war einer der wichtigsten Drehbuchautoren des deutschen Films. Ein subversiver Poet. Und schon zu Lebzeiten eine Legende. Und er war nicht nur ein Ur-Berliner – er war Berlin. Wolfgang Kohlhaase schrieb die Drehbücher zu einigen der schönsten Berlin-Filme. Und die lebten vor allem von seinen Dialogen. Klassische Berliner Schnauze, immer vorlaut, aber wohldosiert eingesetzt. Er hat den Berlinern genauer aufs Maul geschaut, keiner beherrschte diese Kunst besser.

Nun ist diese Position verwaist. Der Drehbuchautor ist am Mittwoch im Alter von 91 Jahren gestorben. Das teilte die Akademie der Künste unter Berufung auf seine Ehefrau, die Tänzerin und Choreografin Emöke Pöstenyi, mit.

„Berlin um die Ecke“: So wie sein früher Defa-Klassiker aus dem Jahr 1965 hätten eigentlich alle seine Filme heißen können. Warum immer wieder diese Stadt? Das haben wir ihn einmal gefragt. Und die Antwort war ganz simpel: „Es ist halt meine“, verriet Kohlhaase. „Und die Freiheit, etwas zu schreiben, entsteht erst, wenn du zehn Mal mehr weißt, als du brauchst.“ Das war pure Untertreibung. Als ob die Geschichten auf der Straße lägen und man nur rausgehen müsse, um sie aufzulesen. Nein: „Das Bücken“, gestand Kohlhaase auf die für ihn typisch verschmitzte Weise, „macht schon viel Arbeit.“

Kohlhaases Kunst: Geschichten erspüren und den Berlinern auf Maul zu schauen

Dass er schreiben wollte, war für den 1939 in Berlin-Adlershof geborenen Kohlhaase immer klar. Zum Kino aber kam er eher per Zu-, wenn nicht Unfall. Zunächst schrieb er für Zeitungen. Als dort ein Filmkritiker wegen Krankheit ausfiel, sprang er ein. Und musste zu einem Termin nach Babelsberg, zur Defa. Da schnupperte er erstmals in die Welt des Films.

„Die Schauspieler“, schwärmte er noch später, „rochen wunderbar nach dem Staub, den das Scheinwerferlicht verbrannte.“ Damit war es um ihn geschehen. Er blieb bei der Defa. Erst als Dramaturgie-Assistent. Aber zwei Jahre später schon als Drehbuchautor. Sein erstes Skript „Die Störenfriede“ (1953) schrieb er vor fast 70 Jahren noch mit zwei anderen Autoren zusammen, seinen zweiten Spielfilm „Alarm im Zirkus“ (1954) dann schon alleine.

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Es war der erste von vielen Filmen, die er mit seinem Freund, dem Regisseur Dieter Klein, drehte. Ungeschönte Geschichten aus dem Alltag im damaligen Ost-Berlin, ähnlich den neorealistischen Filmen aus Italien. Aber bei allem Drama immer auch tragikomisch, weil sie diesen unnachahmlichen Berliner Witz hatten. Mit dem man sich auch in Momenten, die alles andere als komisch waren, behaupten konnte.

Es waren Generationenporträts, über junge Menschen der jungen DDR, Revoluzzer und Halbstarke, die durchaus was verändern wollten im Sozialismus, aber auch auf Missstände hinwiesen und aufbegehrten. Was den SED-Oberen sauer aufstieß. „Berlin Ecke Schönhauser“ (1957) mit Ekkehard Schall als Rebell wurde eine zu negative Sichtweise konstatiert, „Berlin um die Ecke“ dann 1965 auf dem berüchtigten XI. Plenum des Zentralkomitees der SED verboten – wie fast die gesamte Jahresproduktion der DEFA. Der Film wurde erst 1987 vollendet.

Drei kongeniale Verbindungen: Mit Gerhard Klein, Konrad Wolf und Andreas Dresen

Das Generalverbot lähmte das Kino der DDR über Jahre, ja Jahrzehnte. Auch Kohlhaase zog sich zunächst aus dem Filmgeschäft zurück und verlegte sich auf die Schriftstellerei. Aber es währte nicht lange, bis er wieder Skripts entwarf, nun für einen anderen Regisseur, mit dem er kongenial zusammenarbeitete: Konrad Wolf.

Mit ihm entstanden Klassiker wie „Ich war neunzehn“ (1968), „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ (1973) und natürlich „Solo Sunny“ (1980), bei dem Kohlhaase auch Ko-Regie führte. Wieder das Porträt einer rebellischen Jugend, diesmal gar einer jungen Frau, die nicht in der Fabrik versauern will, die lieber eine ungewisse Karriere als Sängerin anstrebt. Und sich gegen die Männergesellschaft behaupten muss.

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Bis heute hat der Film nichts von seiner Kraft verloren. Das lag auch an den heimlich gedrehten Bildern von Altbauten, die die DDR sprengen ließ, um Platz für Plattenbauten zu schaffen. Das lag vor allem an der großartigen Hauptdarstellerin, der vor zwei Jahren gestorbenen Renate Krößner, die dafür als erste Schauspielerin der DDR auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann. Und es lag an den pointiert verknappten Dialogen von Kohlhaase.

Das schönste Beispiel für seine Sprachkunst findet sich in diesem Film: Wenn Krößner als selbstbewusste Sunny einen Mann für eine Nacht zu sich nach Hause nimmt, ihn aber am nächsten Morgen abserviert, meint sie knapp: „Ist ohne Frühstück“, und, als sanfter Widerspruch aufkommt: „Ist auch ohne Diskussion.“ Ein Zweizeiler, der immer wieder angeführt wird, wenn es um die Kunst von Kohlhaase geht.

Eine fast nahtlose Karriere auch nach dem Mauerfall

Der Mauerfall war für viele Filmkünstler der DDR eine tiefe Zäsur. Auch für Kohlhaase. Der arbeitete erstmals fürs Fernsehen: an einer Neuverfilmung von „Der Hauptmann von Köpenick“ (1993) mit Harald Juhnke“ oder einer seiner wenigen Dokumentararbeiten „Victor Klemperer – Mein Leben ist so sündhaft lang“ (1999).

Aber mit dem neuen Jahrtausend kamen auch wieder Kinofilme, wie „Die Stille nach dem Schuss“ (2000) von Volker Schlöndorff, dem Wessi, der Babelsberg retten sollte, aber dennoch viele langjährige Defa-Angestellte verbitterte, oder „Sommer vorm Balkon“ (2005) von Andreas Dresen, der noch aus der Defa-Tradition kam.

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Dresen sollte, nach Klein und Wolf, Kohlhaases dritte starke Achse werden, mit ihm drehte er auch „Whisky und Wodka“ (2009) und „Als wir träumten“ (2015). Immer wieder arbeitete Kohlhaase auch mit jungen, neuen Regisseuren, wie Philipp Stölzl an seinem ersten großen Film „Baby“ (2001). Er hatte da keine Berührungsängste, es schien ihn eher jung zu halten. Er hat aber auch mit einem Altmeister wie Matti Geschonneck „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2017) adaptiert.

Der letzte Film, bei dem sein Name noch im Vorspann stand, führte aber schmerzlich vor, dass nur Kohlhaase einen Kohlhaase-Stoff adäquat bedienen konnte. Das Holocaustdrama „Persischstunden“ (2020) entstand nach einer Erzählung von ihm. Das Drehbuch aber schrieb ein anderer. Und ließ die große Sprach- und Dialogkunst des Autors schmerzlich vermissen. Schon da war zu erahnen, welche Leerstelle Kohlhaase einmal hinterlassen würde.

Zuletzt machte sich der 91-Jährige rar

Im vergangenen Jahr feierte Kohlhaase noch seinen 90. Geburtstag – und wurde von allen Seiten gewürdigt. Im November 2021 erhielt er noch vom damaligen Regierenden Bürgermeister Michael Müller den Landesverdienstorden von Berlin. Eine letzte Würdigung, nachdem der Ehrenbär der Berlinale und die Ehren-Lola des Deutschen Filmpreises längst auf seinem Kamin standen.

Vor zwei Monaten kam der Autor noch zur Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preises (den er selbst schon 1990 bekam). Und am 2. Oktober gab er noch eine Lesung im Schloss Neuhardenberg. Es waren die letzten großen Auftritte in der Öffentlichkeit, wo er sich immer rarer gemacht hat. Mit ihm ist nun ein ganz Großer von uns gegangen. Ist ohne Zweifel. Ist auch ohne Diskussion.