Vielleicht musste es so kommen. Vier Oscars, ein Goldener Löwe in Venedig und ein Hit bei Kritik und an der Kinokasse zugleich: Auf das schräge Frankenstein-Märchen „Poor Things“ mit Emma Stone konnten sich Anfang des Jahres fast alle einigen. So viel Einverständnis war dem griechischen Regisseur Yorgos Lanthimos offensichtlich suspekt, aber der 50-Jährige hatte vorgesorgt und gleich parallel ein weiteres, deutlich sperrigeres Werk gedreht, mit dem er nun, nur wenige Monate später, nachlegt und gegensteuert.
„Kinds of Kindness“: Ein Triptychon über Macht und Kontrollmechanismen
„Kinds of Kindness“, der im Mai beim Filmfest in Cannes Weltpremiere feierte, ist ein 165-minütiger Brocken, an dem einige „Poor Things“-Fans schwer zu schlucken haben dürften, weil er mit seinem sarkastisch-kühlem Sezieren menschlichen Verhaltens und absurden Wendungen bewusst irritieren und eben nicht gefällig sein will. Auch wenn Lanthimos seine Versuchsanordnung diesmal in Dosen verabreicht.
„Kinds of Kindness“ besteht aus drei je knapp einstündigen Episoden, in sich abgeschlossen, Anfangstitel und Abspänne inklusive, aber doch miteinander verbunden, thematisch und ästhetisch ebenso wie durch die Schauspielenden, die in jedem Teil neue Figuren darstellen. Ein Triptychon über Macht und Kontrollmechanismen, um Menschen, die sich verblendet unterjochen lassen und daran verzweifeln. Oder ausrasten.
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In der ersten Variation, „Der Tod von R.M.F.“, führt der Angestellte Robert (Jesse Plemons) ein scheinbar zufriedenes Leben mit seiner Frau Sarah (Hong Chau), was er alles seinem Gönner und Boss Raymond (Willem Dafoe) zu verdanken hat. Der schreibt ihm jedes Detail vor, was er zu essen und wann er mit seiner Frau zu schlafen hat. Und Robert fügt sich pflichtbewusst, er würde alles, wirklich alles tun.

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Bis er eines Tages einen tödlichen Autounfall verursachen soll und an der Aufgabe scheitert. Als Robert all seinen Mut zusammennimmt und sich weigert, die Tat zu wiederholen und zum erwünschten Ende zu bringen, serviert ihn Raymond kalt ab. Und Roberts Existenz implodiert. Bis er Rita (Emma Stone) begegnet, Raymonds neue Untertanin, und Robert zum Äußersten geht.
Blutig, grotesk und jenseits gängiger Geschmacksgrenzen
Im Mittelteil, „R.M.F. fliegt“, spielt Plemons einen Polizisten, dessen lange verschwundene Frau (Stone) wieder auftaucht, die nicht mehr ganz die alte zu sein scheint. In seiner Paranoia testet er die vermeintliche Hochstaplerin, lässt sie als Leibesbeweis erst ihren eigenen Daumen amputieren und später noch extremere Selbstverstümmelungen durchführen. Und in „R.M.F. isst ein Sandwich“ schließlich geben Plemons und Stone zwei Mitglieder einer Sekte, in denen sie vom Guru (Dafoe) dazu gebracht werden, absonderlichste Handlungen zu vollführen.
Das ist oft blutig, grotesk und jenseits gängiger Geschmacksgrenzen, aber auch mit sichtlicher Freude an der Überschreitung und dem Spiel mit moralischen Haltungen. Und schließt damit an frühere Filme Lanthimos‘ an, vor seinen Hollywood-Erfolgen mit der historischen Monarchiesatire „The Favourite“ und jüngst „Poor Things“.
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Das liegt nicht zuletzt am Wechsel des Drehbuchautors. Die beiden letzteren hatte der Australier Tony MacNamara verfasst, „Kinds of Kindness“ ist nun erneut zusammen mit Landsmann Efthymis Filippou entstanden, mit dem er seine früheren Filme wie „Dogtooth“, „Alpen“ und „The Lobster“ schrieb. Damit ist er wieder näher an der Sperrigkeit seines Frühwerks angesiedelt, mit denen die beiden in den 10er-Jahren maßgeblich das neue griechische Kino, die sogenannte „Greek Weird Wave“, prägten.
Disparate Versuche, den eigenen Fallen zu entkommen
Wieder widmen sie sich fasziniert zwischenmenschlichen Abgründen, die sie mit bisweilen drastischen Mitteln darstellen. Trotz seiner Länge ist „Kind of Kindness“ ein kleiner, schnell während der sich hinziehenden Postproduktion von „Poor Things“ entstandener Film, auch wenn er das Drehbuch selbst seit 2017 immer wieder überarbeitet wurde, aber eben ganz ohne Effekte, fantastischen Firlefanz und historische Settings.
Das Triptychon-Konstrukt hat dabei etwas strukturell Theatralisches, das den Effekt der kühlen Distanzierung, die Lanthimos durch seine Inszenierung und Schauspielführung etabliert, weiter verstärkt. Nahe gehen die Figuren nicht, man sieht ihnen eher wie hinter einem Laborglas zu bei ihren desparaten Versuchen, den eigenen Fallen zu entkommen.
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Durch die personellen Überlagerungen beginnt man als Zuschauer unwillkürlich Vergleiche zu ziehen und rote Fäden zwischen den Figuren und ihren Geschichten. Lanthimos inszeniert das präzise, jede Bildkomposition, jede Geste drückt das Machtgefüge der Handelnden aus, doch letztlich gelingen diesmal die Versuchsanordnungen nicht so stimmig, sitzt der böse Witz nicht so treffsicher wie etwa noch in „The Killing of the Sacred Deer“.
Ein Erfolg für Jesse Plemons, dem Neuen in der Lanthimos-Familie
Bei der Uraufführung im Mai in Cannes waren die Kritiken entsprechend durchwachsen. Mit dem „Poor Things“-Rückenwind dürfte sich für Disney die erneute Zusammenarbeit mit Lanthimos dennoch auszahlen, zumal die Cannes-Jury am Ende Jesse Plemons für seinen Dreifachauftritt als besten Schauspieler auszeichnete.
Nach Jahren meist in Nebenrollen, zuletzt oscarnominiert in Jane Campions Westerndrama „The Power of the Dog“ an der Seite seiner Frau Kirsten Dunst, sowie in Martin Scorseses postkolonialem Epos „Killers of the Flower Moon“, könnte der 36-jährige Texaner mit „Kinds of Kindness“ endgültig in Hollywoods A-Liga angekommen sein. Und auch Teil von Lanthimos‘ Filmfamilie ist er nun.
Dessen nächstes Projekt ist bereits angekündigt. Wieder mit Emma Stone und Jesse Plemons. Und wieder schräg: eine Science-Fiction-Komödie über das Verhör eines Mannes, der für einen Außerirdischen gehalten wird.
Drama, USA 2024, 164 min., von Yorgos Lanthimos, mit Emma Stone, Jesse Plemons, Willem Dafoe, Hong Chau




