Man könnte ja einmal nachschauen, unter der Böckmannbrücke. Im äußersten Südwesten der Stadt führt sie über den Teltowkanal. Im Februar 1540, als dort noch eine kleine, enge Brücke aus Holz stand und diese statt des Kanals noch den Bäkefließ überspannte, verschwand dort ein Schatz. Im Schlick auf dem Grund des Kanals könnte sie vielleicht noch liegen, eine wohl mehrere Kilo schwere Münze, ein „Silberkuchen“, dessen Metall aus dem Mansfelder Bergwerk im Süden des Harzes stammte. Von dort aus war an einem späten Nachmittag jenes Jahres der „Churfürstliche Factor“ Conrad Dratzieher unterwegs, auf dem Heimweg nach Berlin, um die kostbare Fracht im Schloss zu übergeben.

Donnerstag

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Es dämmerte bereits, als vor dieser Brücke zwei Männer lauerten. Ihnen war die Nachricht vom Silbertransport zu Ohren gekommen. Der eine ein entlassener Soldat und heruntergekommener Abenteurer, der sich durch Gaunereien über Wasser hielt: Georg Nagelschmidt. Der andere ein bis vor wenigen Jahren noch sehr wohlhabender und wohlbeleumundeter Kaufmann aus Berlin, ein Familienvater, der jetzt als heimatloser, von den Häschern mehrerer Landesherren verfolgter Racheengel das halbe Land befehdete. Man könnte heute sagen: Er war der meistgesuchte Terrorist westlich der Oder. Sein Name: Hans Kohlhase. Nun stand er vor der letzten seiner unzähligen, schweren Freveltaten.

Hans Kohlhase war längst auch in Berlin berüchtigt

Die beiden Männer stoppten den Silber-Kurier, hielten seine Pferde fest, traktierten den armen Mann und jagten ihn zum Teufel. Dann versteckten sie den Silberschatz unter der Brücke und verkrümelten sich. Doch es dauerte nicht lange, da war es zwischen Potsdam und Berlin kein Geheimnis mehr, wer den Geldboten überfallen hatte. Allzu bekannt war Kohlhase da schon in ganz Ostdeutschland, in Sachsen sowieso, wo er länger sein Unwesen getrieben hatte. Berüchtigt inzwischen aber auch in Berlin.

Dort tobte jetzt der Kurfürst in seinem Schloss. Joachim II. war wegen seiner verschwenderischen Hofhaltung sowieso ständig in Geldnot. Und nun war auch noch das so viele Taler schwere Silberstück weg. Joachim II. war Anhänger der Schwarzkunst, und so beauftragte er einen Zauberer damit, durch seine geheimen Kräfte Kohlhase nach Berlin zu locken. Hans hieß er, und nebenbei war er auch noch Scharfrichter.

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Mads Mikkelsen in Arnaud de Pallières Film „Michael Kohlhaas“ (2013).
Mads Mikkelsen in Arnaud de Pallières Film „Michael Kohlhaas“ (2013). © picture alliance / dpa | Cannes Film Festival

Wie er das fertigbrachte, ist unbekannt, doch Carl August Hugo Burkhardt geht in seiner 1864 erschienenen, fein recherchierten Chronik über die letzten Jahre Kohlhases davon aus, dass Henker Hans erfolgreich war. Dingfest hatte man Kohlhase damit noch nicht, es war nur klar, dass er nun in der Doppelstadt an der Spree war, in Berlin oder Cölln, seiner Heimat.

Aber wo genau hielt er sich dort auf? „Als gewisse Kundschaft seiner eingebracht war, ließ der Churfürst Haussuchungen anstellen und bedrohte Jeden durch öffentliche Ausrufer mit Todesstrafe, der den Kohlhasen bergen würde“, schreibt Burkhardt. Die Bürger Berlins hatten allen Grund, diese Warnung ernst zu nehmen. Es ist aus heutiger Sicht absurd, aus welchen Gründen noch zu beginnender Neuzeit Missetäter geköpft, gevierteilt, gerädert, verbrannt, lebendig eingemauert, geschleift oder auf vielfach andere, qualvolle Weise vom Leben zum Tode befördert wurden. Da reichte bisweilen schon der einfache Diebstahl.

Dabei wollten die beiden Straßenräuber – für sich selbst jedenfalls – eigentlich genau das Gegenteil erreichen mit ihrer Tat an jener Brücke. Die Begründung, mit der Kohlhase von seinem Kumpanen zu diesem Coup überredet worden war, liest sich abenteuerlich, ist allerdings aus damaliger Sicht vielleicht ein wenig verständlich. Nagelschmidt war der Meinung, dass sich Kohlhase ausgerechnet durch diese Tat die Unterstützung des Kurfürsten von Brandenburg ergaunern konnte bei seiner jahrelangen Fehde gegen den Kurfürsten von Sachsen, Johann Friedrich – und gegen die halbe Welt.

Hans Kohlhase: Seine Pferde wurden beschlagnahmt

Hans Kohlhase war – das vermuten jedenfalls die meisten Historiker – bitteres Unrecht geschehen, als er siebeneinhalb Jahre zuvor, im Oktober 1532, auf dem Weg von Cölln nach Leipzig war, um dort auf dem Michaelismarkt Ware anzubieten. Bei einer Rast in Wellaune bei Bad Düben bezichtigten ihn unversehens mehrere Untertanen des Grundherren, die zwei Pferde, die seine Pakete trugen, gestohlen zu haben, und beschlagnahmten sie kurzerhand. Es kam zu Handgreiflichkeiten, Kohlhase zog das Messer, schließlich musste er zu Fuß weiterziehen.

Auf dem Rückweg dann konnte der Handelsmann die Wellauner überzeugen, dass es sich um seine Pferde handelte. Man war auch bereit, sie zurückzugeben. Doch das war nur der Anfang eines jahrelangen Streits. Zum Ausgleich nämlich verlangten die Nordsachsen Geld für das Pferdefutter für all die Tage, Kohlhase dagegen drang auf Ausgleichszahlungen für seine Verspätung und seinen Schaden auf dem Michaelismarkt. Man verhandelte, man einigte sich, man widerrief. Mal ging es um wenige Groschen, mal um 1200 Gulden, der sächsische Kurfürst schaltete sich ein, zerriss die Vereinbarungen.

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Heinrich von Kleist (1777-1811) nahm Hans Kohlhases Geschichte zur Vorlage seiner berühmten Novelle „Michael Kohlhaas“ (1808).
Heinrich von Kleist (1777-1811) nahm Hans Kohlhases Geschichte zur Vorlage seiner berühmten Novelle „Michael Kohlhaas“ (1808). © picture-alliance | akg-images

Schließlich verfasste Kohlhase einen Fehdebrief, bedrohte den Sachsenherrscher und seine Untertanen. Nachdem es anfangs nur Gerüchte waren, dass der eine Brand oder der andere Überfall vom Cöllner Kaufmann verübt worden war, wurden die Indizien immer dichter. Kohlhase machte ernst, er verheerte Anwesen, ging über Leichen, heuerte Mordbrenner an, nahm Geiseln und erpresste.

Die Sachsen baten den Brandenburger Kurfürsten um Amtshilfe, der verweigerte sie, gestattete aber dem Nachbarland, „Justizdelegationen“ in den eigenen Herrschaftsbereich zu schicken, die dort als mobile Gerichte – angebliche – Unterstützer Kohlhases verhafteten, verurteilten und köpften oder hängten dutzendweise. Unterdessen gingen Verhandlungen Kohlhases mit seinen Widersachern weiter.

Bisweilen stellte er sich – mit freiem Geleit – Verhandlungen auf sogenannten „Rechtstagen“, er bat sogar Martin Luther um Vermittlung. Kohlhases Landesherr, der Brandenburger Kurfürst, nahm eine unentschlossene Haltung ein. Zuletzt, 1539, sah es eher so aus, dass auch er einer Verhaftung und Auslieferung zustimmen würde. Der Diebstahl der Silbermünze, so meinten Nagelschmidt und Kohlhase, sollten ihn deshalb an seine Verantwortung gegenüber dem Untertanen gemahnen. Die Rechnung ging nicht auf.

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„Hans Kohlhase bei Luther“, Radierung von Gustav König (1847).
„Hans Kohlhase bei Luther“, Radierung von Gustav König (1847). © picture alliance | akg-images

Er wählte die grausamste Hinrichtungsmethode „Nach langem Suchen fand man ihn unweit der St.-Nicolai-Schule, in dem Hause des Thomas Meißner in einem Kasten. Als man den Deckel öffnete, sprang er behände heraus, und indem er ihn zuschlug, sagte er unverzagt: ‚Hier bin ich und trage in der Jopen, damit ich büßen und bezahlen kann, was ich mißhandelt“, heißt es bei Burkhardt. Offenbar war er noch von einer Geldstrafe ausgegangen. Doch er wurde zum Tode durch das Rad verurteilt, eine der grausamsten Hinrichtungsarten. Als man ihn „begnadigen“ wollte und anbot, ihn stattdessen zu köpfen, lehnte er ab. Wenn man seinen Spießgesellen Nagelschmidt rädere, sagte er, solle dies auch mit ihm geschehen. Auch sein Freund Meißner, der ihn versteckt hatte, wurde, wie angedroht, aufs Rad geflochten.

Der Ortsteil Kohlhasenbrück erinnert noch heute an ihn

Der Fall war eine Mischung aus Justiz und Selbstjustiz, Verhandlungen und Richtsprüchen, Druck und Gegendruck. Dies im Übergang vom Mittelalter mit seinem nur rudimentären Rechts- und teilweise ungeklärten Machtverhältnissen, bei denen man Glück oder – wie meist – Pech haben konnte, hin zur beginnenden Neuzeit mit seinen absolutistischen Herrschaftssystemen. In denen dann wenigstens schon vieles an Bestimmungen ausformuliert und die Zuständigkeit geordnet wurde, auch die territoriale Machtbasis. Selbst wenn Gerechtigkeit noch lange nicht erreicht war.

Diese Mischung schließlich ließ dann 1808 den Dichter Heinrich von Kleist bei Lektüre des Falles hellhörig werden. In seiner Novelle „Michael Kohlhaas“ setzte er dem Cöllner Kaufmann ein bis heute bekanntes Denkmal. Und noch mehr erinnert an den so unglücklichen Kohlhase. Viele Jahre lang hieß jene Steinbrücke, die anstelle des alten Holzsteges an seinem letzten Tatort gebaut wurde, „Kohlhasenbrück“. Gehen wir also hin, schauen wir nach, unten im Schlick, vielleicht mit einem Metalldetektor. Die Brücke heißt jetzt anders, dafür trägt nun der ganze umliegende Ortsteil diesen Namen.