An der Oberseestraße 60 in Lichtenbergs Ortsteil Hohenschönhausen ist hoher Besuch standesgemäß. Das vormalige Landhaus Lemke, zwischen 1932 und 1933 von Ludwig Mies van der Rohe für das kinderlose Druckereiehepaar Karl und Martha Lemke errichtet, ist der einzige authentische Berliner Ort aus der Bauhauszeit und zugleich Mies van der Rohes letzter Bau in der Stadt vor seiner Emigration in die USA. Heute ist das Haus mit seinen lichtdurchfluteten Räumen, wechselnden Kunstausstellungen und herrlichem Garten nicht nur für Architekturfreunde ein gern gewähltes Ausflugsziel. Es ist vor allem eine Erinnerung an die Eleganz und Modernität, die Deutschland mit dem Kulturbruch des Nationalsozialismus abhanden kam.

Ohne den jahrzehntelangen Einsatz der Direktorin des Mies van der Rohe Hauses, Wita Noack, gäbe es das architektonische Kleinod in dieser Form nicht – und auch nicht ohne die Unterstützung des Fördervereins, der 1999 gegründet wurde. Karl und Martha Lemke verließen das Haus 1945. Die Rote Armee nutzte es zunächst als Garage, die DDR als Wäschedepot, Hausmeisterwohnung und Küche für die Staatssicherheit. Engagierte Bürgerinnen und Bürger sorgten in der Zeit der Wende dafür, dass das Haus in die Trägerschaft des Bezirks gelangte. 2000-2002 wurde es, in den Jahrzehnten nach seiner Errichtung durch An- und Umbauten deutlich verfremdet, denkmalpflegerisch instandgesetzt.

Für den lebhaft an der architektonischen Moderne interessierten Scholz ist es, wie er bei seiner kurzen Ansprache auf der Terrasse sagte, auch ein Beleg, „wie wichtig Freiheit für die Kunst ist. Es ist ein Zeichen dafür, wie sehr wir die Freiheit benötigen und dass wir sie auch verteidigen müssen.“ Wita Noack und der Vorsitzende des Fördervereins, Ingolf Kern, machten auch auf ein Problem des Hauses aufmerksam: Für die immer größer werdende Schar der Gäste wird dringend ein Besucherzentrum benötigt. Eine Lösung dafür ist in Sicht, aber sie ist noch nicht finanziell abgesichert. Bleibt zu hoffen, dass der Besuch des Kanzlers hier auch für die Bezirkspolitik ein Signal gesetzt hat.



