Hohenschönhausen

Landhaus Lemke: Im Zeichen des Bauhauses

Das Landhaus Lemke am Obersee in Hohenschönhausen ist das letzte Wohngebäude, das Mies van der Rohe vor seiner Emigration entwarf.

Das zu DDR-Zeiten heruntergewirtschaftete Haus erstrahlt seit 2002 wieder in frischem Glanz.

Das zu DDR-Zeiten heruntergewirtschaftete Haus erstrahlt seit 2002 wieder in frischem Glanz.

Berlin. Idyllisch ist es am Obersee. Von Hektik fehlt jede Spur. Ebenso wie von Plattenbauten, die den Ortsteil ansonsten flächendeckend prägen. Dass Hohenschönhausen jenseits der Satellitenstädte noch ein anderes Gesicht hat, ist schnell vergessen. Eigentlich schade, schließlich bietet das pittoreske Viertel rund um Ober- und Orankesee schöne Wege zum Spazierengehen. Genauso wie ein Museum, das sich zu entdecken lohnt – und das nicht nur, weil es im Zeichen des Bauhauses steht, jener avantgardistischen Kunst- und Architekturrichtung, die ihr 100-jähriges Jubiläum feiert.

Das Mies-van-der-Rohe-Haus liegt unmittelbar am Ufer des Obersees. Bereits von außen wird deutlich, dass das Landhaus ein besonderer Ort ist und sich deutlich von den umliegenden Gebäuden abhebt. Die Fassade des l-förmigen Flachbaus ist mit roten Mauerziegeln verkleidet. Die geradlinige Fassade wird von zahlreichen, teils bodentiefen Panoramafenstern durchbrochen, die den Blick freigeben auf den akkurat gepflegten Garten sowie das anliegende Gewässer.

Im Inneren sitzt Wita Noack und blickt durch die große Glasfassade auf den Obersee. „Das Haus ist mittlerweile 85 Jahre alt“, sagt sie und fügt hinzu: „Das muss man sich angesichts dieser zeitlosen Architektur immer wieder deutlich machen. Es scheint fast so, als würde es mit der Zeit mitwachsen.“ Noack kennt sich gut aus mit dem Kleinod. Seit 1992 leitet sie die vom Bezirk getragene Institution.

Zu DDR-Zeiten verfiel das Haus und diente zuletzt als Waschküche

Das Gebäude wurde ursprünglich für das Fabrikantenehepaar Martha und Karl Lemke gebaut, die das See-Grundstück 1930 erwarben und nach einschlägigen Empfehlungen Mies van der Rohe (1886–1969) als Architekten engagierten. Die Unternehmer bezogen das Haus 1933. Fünf Jahre später verließ van der Rohe Nazi-Deutschland und emigrierte in die USA. Allein für die Neue Nationalgalerie, für die van der Rohe im stolzen Alter von 76 Jahren den Auftrag erhielt, kehrte der Architekt nach Deutschland zurück. Die Lemkes wiederum mussten ihr Anwesen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges räumen. Der Roten Armee diente das Haus fortan als Garage, Abstelllager, Kantine und zuletzt als Waschküche. „Als ich die Stelle antrat, war das Haus in einer furchtbaren Verfassung“, erinnert sich Noack. Erst die Sanierung zwischen den Jahren 2000 und 2002 versetzte das Gebäude zurück in den Originalzustand, in dem es heute besichtigt werden kann.

Rund 18.000 Besucher jährlich nutzen dieses Angebot. Sie kommen aus zwei Gründen: Zum einen wollen sie die Architektur des Hauses entdecken und van der Rohes Arbeit kennenlernen, zum anderen möchten zahlreiche Gäste die wechselnden Kunst-Ausstellungen erleben.

„Das Gebäude steht für die Öffnung von Raum“, sagt Noack. „Es sperrt nicht ein, sondern gibt Weite.“ Die Architektur steht für das Kuratorenteam, bestehend aus zwei festangestellten Mitarbeitern und einem Volontär, im Mittelpunkt. Dafür spricht die Ursprünglichkeit, mit der es das Haus präsentiert. Die Möbel des Ehepaars Lemke finden sich heute im Kunstgewerbemuseum. „Dort sind sie sehr gut aufgehoben, zumal das der Wunsch der Eheleute war“, sagt Noack. Zurück bleibt der pure Raum, die zentralen Achsen, die riesigen Fenster, die Türen mit ihren geschwungenen Griffen. Von innen wie von außen erlebbar.

Gerade in diesem Jahr ist das Interesse am Mies-van-der-Rohe-Haus besonders groß. Das verwundert nicht, van der Rohe war dritter Direktor des Bauhauses und als solcher neben Walter Gropius stilprägend im Bereich der Architektur. Einmal im Monat findet eine Führung statt, die sich explizit der Entstehung des Hauses und seiner Form widmet.

Auseinandersetzung mit dem Bauhaus ist Leitthema für die vier Ausstellungen

Die Auseinandersetzung mit dem Bauhaus ist auch das Leitthema für die vier Ausstellungen, die Wita Noack und ihr Team für 2019 unter dem Begriff „Avanti-Avanti-100“ geplant haben. Jeweils drei Künstler stellen je Ausstellung ihre Arbeiten vor. Die Themen heißen „Beglückung der Welt“, „Bewegung als Traum“, „Neuheiten und Rezepte“ und „Weiße Kiste“. Noch bis zum 14. April können die ersten Arbeiten dieses Zyklus’ entdeckt werden, die von Joachim Grommek, Jan van der Ploeg und Jill Baroff stammen.

Jeder der drei Künstler hat im Mies-van-der-Rohe-Haus einen eigenen Raum. Joachim Grommek (*1957) spielt im ehemaligen Wohnzimmer der Lemkes mit den Möglichkeiten der Malerei und Rhythmik. Seine Farbstudien sehen aus, als wären sie mit Klebestreifen unter Zuhilfenahme eines Druckers erstellt worden. Sein niederländischer Kollege Jan van der Ploeg (1959) präsentiert im ehemaligen Flur ein großflächiges Design, das in Rot und Blau gehalten ist und „auf dem Rückgrat des Hauses“ aufgetragen wurde, wie Noack es nennt. „Es ist erstaunlich, wie die Arbeit mit der Architektur interagiert. Die Rundungen der Grafik finden sich auch an den Verzierungen der Türklinke wieder“, so Noack.

Im ehemaligen Schlafzimmer wiederum versucht die US-Amerikanerin Jill Baroff die Ruhe des Raumes zu brechen und ihn in Bewegung zu bringen. Hierfür nutzt sie Installationen, die aus Mammutbaum-Holz bestehen, dessen Maserung auf verschiedene Gelb-, Rot- und Blautönen trifft. „Alle drei Künstler suchen einerseits den Rückblick auf die Moderne, andererseits sind ihre Arbeiten eine Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Kunstströmungen“, erklärt Wita Noack. Die Leiterin des Hauses freut sich auch schon auf die Folgeausstellung. „Weiße Kiste“ feiert am 28. April Vernissage. Bis zum Sommer erobern dann Arbeiten von Thomas Rentmeister, Rakuko Naito und Michel Verjux das Mies van der Rohe Haus.

Museums-Info

Mies van der Rohe Haus, Oberseestraße 60, Hohenschönhausen, Di.-So. 11-17 Uhr, Tel. 97000618, www.miesvanderrohehaus.de, Eintritt frei

Öffentliche Führungen: An jedem ersten Sonntag im Monat findet um 11.30 Uhr die Führung "Mies verstehen" durch Haus, Garten und Ausstellung statt. Karten kosten 5 Euro

Aktuelle Ausstellung: "Beglückung der Welt", bis 14.4., mit Werken von Joachim Grommek, Jan van der Ploeg und Jill Baroff

Kommende Ausstellung: "Weiße Kiste, 28.4.7.7., mit Thomas Rentmeister, Rakuku Naito, Michel Verjux