Er hatte doch schon 2013 seinen Rückzug erklärt. Mit Berlinale-Gewinner „Chihiros Reise ins Zauberland“, „Prinzessin Mononoke“ oder „Das Schloss im Himmel“ Meisterwerke des Anime-Films hinterlassen, die die Hollywood-Größen der Branche von Pixar bis Disney immer wieder als Vorbilder ob ihrer flächigen Perfektion, ihrer Kreation märchenhafter Welten und der Tiefe der innen liegenden Botschaften als Vorbild genannt haben.

„Der Junge und der Reiher“: Die Mutter als Feuergöttin

Und dann hat Hayao Miyazaki, Mastermind des „Ghibli“-Studios in Tokio, doch den Rückzug vom Rückzug gemacht. Sich für „Der Junge und der Reiher“ vom gleichnamigen Roman von Genzaburo Yoshino inspirieren lassen, der vom Teenager Mahito erzählt, der beim Bombenhagel im Pazifikkrieg 1943 seine Mutter Hisako verliert.

Der dann hofft, diese in einem verfallenen Turm mit Hilfe eines sprechenden Graureihers wiederzufinden, aber letztlich in einer Totenwelt landet mit einer Armada von Geisterschiffen, Ruderern mit schwarzen Gesichtern und Pelikanen, die in diesem düsteren Paralleluniversum gefangen sind.

Wo Mahito dann tatsächlich mit der Feuergöttin Himi eine frühe Inkarnation seiner Mutter wiederfindet, aber auch deren Großonkel als weisen Magier, der mit einem wackligen Turm aus unterschiedlichsten Bauklötzen die Balance der Welt zusammenhält. Die aber stets von einer Armee böser Riesensittiche bedroht wird. Uff!

Fangen wir also an zu sortieren: Zunächst fällt es nicht schwer, autobiografische Züge in dieser derart komplexen Märchenreise zu entdecken. Sichtbar hat der heute 82-jährige Miyazaki zunächst hier das Trauma des Krieges verarbeitet.

Ein Junge, der im Bombenhagel seine Mutter verliert und dazu noch seinen erfolgreich in der Rüstungsindustrie arbeitenden Vater an deren jüngere Schwester Natsuko, ist völlig allein gelassen und fremd in einer für ihn unverständlichen Welt.

Die findet Ausdruck in dem Reiher, der sich alsbald als verkleideter Gnom entpuppt und Führer in eine Traumwelt, die wie so häufig bei Miyazaki vor Allegorien, Dopplungen und Querverweisen nur so strotzt.

„Der Junge und der Reiher“: Riesensittiche gegen Großmagier

Die alten runzligen Hausdamen auf Natsukos Anwesen, in das Mahito nach dem Krieg mit dem Papa zieht, finden sich hier genauso in anderer Gestalt wieder wie die Mama. In einer Welt, in der der König der Riesensittiche und der Großonkel-Magier mit den gezackten Haaren um die Herrschaft ringen – als Allegorie der Vernunft hier und der Stärke dort.

Es fällt auch nicht schwer, in diesem erratischen Bildertraum einen letzten kreativen Wurf des Anime-Großmeisters zu sehen, in dem er seine großen Themen frei schwebend lustvoll variiert: eine bildgewaltige Abenteuerreise als Initiation seines Helden, als Spiegelung von Kriegsgräuel und großes Fantasyepos über eine zerbrochene, chaotische Welt mit zahllosen gebrochenen Figuren.

„Der Junge und der Reiher“: Miyazakis ungebändigte Kreativität

Das ist ohne Computertechnik perfekt in 2-D animiert mit klaren Konturen, traumhaften Landschaften voller raffinierter Schattenspiele und ausgelassener Freude an der Gestaltung von Fantasy-Figuren, deren Sinn man bitteschön nicht verstehen, sondern Ungewöhnlichkeit genießen sollte. Genauso wie die Tatsache, dass sich hier ein Großmeister ein letztes Mal in seiner Kreativität ausgelebt hat.

Animation Japan 2023, 123 min., von Hayao Miyazaki