Es ist kein tosendes Rauschen, eher ein sanfter Muschelton, diese Melodie des Meeres in Tomm Moores Animationsfilm, dem neben „Alles steht Kopf“ schönsten, wenn auch gänzlich anderen Trickfilm des Jahres. Nur wahrnehmen werden ihn weit weniger Zuschauer, denn leider gelten für Animationsfilme dieselben Regeln wie fürs Realkino: Die Großen ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich. Ghibli

Aber es muss nicht immer Disney, Pixar oder das Ghibli-Studio aus Japan sein, auch der gerade in Berlin mit dem Europäischen Filmpreis als bester Animationsfilm ausgezeichnete „Die Melodie des Meeres“ ist bezaubernd, spannend und gute Unterhaltung, nicht nur für Kinder.

Noch sind sie glücklich: Ben und seine Eltern
Noch sind sie glücklich: Ben und seine Eltern © dpa | Ksm-Film

Wie schon in seinem Debütfilm „Brendan und das Geheimnis von Kells“ entwickelt der Ire Moore seine Geschichte aus Figuren und Motiven der keltischen Folklore. Zunächst tauchen die Fabelwesen nur in den Sagen auf, die die Mutter ihrem kleinen Sohn Ben erzählt.

Als sie nach der Geburt eines zweiten Kindes, Saoirse, in den Tiefen des Meeres verschwindet, macht Ben jahrelang das Schwesterchen dafür verantwortlich. Darüber ist die inzwischen Sechsjährige stumm geblieben, in all der Zeit hat das kleine Mädchen nie ein Wort gesprochen.

Ben und Saoirse glücklich bei ihrem Vater. Die Oma will sie aber bei sich in Dublin haben.
Ben und Saoirse glücklich bei ihrem Vater. Die Oma will sie aber bei sich in Dublin haben. © dpa | Ksm-Film

Niemand ahnt, dass sie von ihrer Mutter nicht nur eine magische Muschel, sondern auch eine besondere Gabe geerbt hat. Sie ist ein Selkie, ein Wesen aus der nordischen Mythologie, das im Meer die Gestalt einer Robbe annimmt und sich an Land für eine Zeit in einen Menschen verwandelt.

Der nun alleinerziehende Vater, ein wortkarger Leuchtturmwärter, ertränkt seinen Kummer im Alkohol und stimmt schließlich zu, dass die strenge Großmutter die Kinder von der angeblich gefährlichen Küste nach Dublin nimmt.

Geisterwesen auf der Flucht

Doch in der Großstadt wird das Mädchen krank ,und so machen sie sich bald heimlich auf den Weg zurück ans Meer und zum Leuchtturm auf der kleinen Insel, wo der rettende Pelzmantel der Mutter liegt. Davon hängt nicht nur Saoirses Leben ab, sondern auch das der magischen Geisterwesen, denen sie auf ihrer Flucht begegnen.

Moores Figuren sind klar und einfach gezeichnet und bewegen sich in fein detaillierten und gemäldeartigen Bildern, deren Tiefenperspektive nicht durch 3D-Computereffekte, sondern sich überlagernde Schichten und dem Spiel mit Licht entstehen. Diese fast schon nostalgische Anmutung verleiht dem Film eine Melancholie, die perfekt mit der Geschichte um Verlust, Trauer und Identitätssuche korrespondiert.

Stilistisch erinnert es immer wieder an Ghibli-Filme, aber auch an Werke von Kandinsky oder Schiele. Ein kleines Märchenmeisterwerk, das alte Legenden und Alltagsrealität verbindet und dabei einen ganz eigenen Sog entwickelt, dem sich Kinder ebenso wenig entziehen können wie Erwachsene.