Trickfilm

Und alle Striche leben

Der Gründer des Anime-Studios Ghibli hat seinen letzten Film gezeichnet: „Die Legende der Prinzessin Kaguya“

Es war im Frühjahr in Paris. Der große Anime-Regisseur Isao Takahata hielt Hof, um eine Handvoll Journalisten zu empfangen. Man wollte dem bald 80-Jährigen keine Rundreise durch die Metropolen zumuten. Er hat ja auch wirklich Besseres zu tun, zum Beispiel, ein Meisterwerk nach dem anderen zu drehen. Das dauert seine Zeit. „Meine Nachbarn die Yamadas“ liegt 14 Jahre zurück; „Pom Poko“ weitere fünf.

In „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ lebt ein alter Mann, der auch so heißt, Okina, mit seiner Frau Ōna („alte Frau“) in einer kleinen Hütte in der Nähe eines Bambuswalde. Eines Tages findet er dort in einem Stamm eine winzige Frau. Okina und Ōna nennen ihr Ziehkind Takenoko („Bambussprössling“). Takenoko wächst so rasant wie eine Bambusstaude. Sie hat einen Freund, Sutemaru, der sie sehr liebt, aber bald verdirbt jäher Reichtum ihr Glück. Magische Bambusstauden schütten körbeweise Gold aus, ein andermal edle Tücher. Die alten Eltern deuten die himmlischen Zeichen; zweifellos wollen die Götter, dass der kleinen Prinzessin eine standesgemäße Erziehung in der Hauptstadt zuteil werde. Kaguyahime, wie sie inzwischen genannt wird, fügt sich. Ihre Schönheit ist bald legendär, ihr Zitherspiel wie von einem anderen Stern. Die Verehrer stehen Schlange. Sie weist alle ab, träumt von Sutemaru und dem Tollen im Wald. Ihre Widerspenstigkeit wird als Stolz ausgelegt. Fünf Prinzen reisen an und wetteifern in absurden Jagden um ihre Gunst. Sogar der Kaiser verliebt sich in das Bambusmädchen.

Weil kein Entrinnen mehr möglich scheint, weint Kaguya den Mond an, dessen Kaiser prompt eine Delegation entsendet, die entsprungene Prinzessin heimzuholen. Angeführt von Buddha, schweben eines Nachts die Mondwesen ein und entführen Kaguya, indem sie sie krönen und ihr eine Robe umlegen, die sie alles Irdische vergessen lässt.

Das ist die einfachste Geschichte der Welt. Nicht zufällig beginnt mit ihr das japanische Erzählen. Der Autor ist unbekannt; er soll um 900 gelebt haben. Jetzt steht sie auch am Ende einer japanischen Erzähltradition, als krönender Abschluss von Takahatas Arbeit, vielleicht gar vom Studio Ghibli, das nach Jahrzehnten voller Wunderwerke wie „Prinzessin Mononoke“ oder „Chihiros Reise ins Zauberland“ mit Takahata und Hayao Miyazaki das Pensionsalter erreicht. In Paris erzählt Takahata, er habe sein ganzes Leben an „Kaguya“ gearbeitet.

Das Projekt stockte immer wieder. Erst vor einigen Jahren überzeugten ihn seine Mitarbeiter, das Drehbuch fertigzustellen. Mit Riesenaufwand zeichneten sie jede Szene dutzende Male. Finanzier Ujiie starb 2011, erneut drohte der Film zu scheitern. Doch im vollen Bewusstsein, dass ein Flop sein Ruin wäre, erklärte sein Nachfolger, er ehre Ujiies Entscheidungen. Und würde gern wieder einen Takahata sehen. Das können nun auch alle anderen. „Kaguya“ ist ein Meilenstein der Illusionswissenschaft, in dem sich stärkster Ausdruck in Tupfern vermittelt und alle Striche leben.

Trickfilm: Japan 2014, 137 min., von Isao Takahata

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