An einem kleinen Tisch auf der Bühne sitzt die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, 102 Jahre alt, geboren am 5. November 1921 in Berlin. Vor mehr als 10 Jahren sei sie nach Deutschland zurückgekehrt, sagt sie – „damals war alles gut“. Das sei es inzwischen nicht mehr, nach dem Überfall der Hamas auf israelische Zivilisten am 7. Oktober, nach Antisemitismus auf Demonstrationen in Berlin und nach dem Brandanschlag auf eine Synagoge in der Hauptstadt: „Ich bin entsetzt, was sich jetzt aufgetan hat“. Friedländer findet die einfachsten und treffendsten Worte: „Es gibt kein christliches, muslimisches oder jüdisches Blut. Wir sind doch alle Menschen. Wir müssen achtsam sein. Wir müssen menschlich sein. Seid Menschen.“ Das Publikum im Großen Haus des Berliner Ensembles erhebt sich zu stehenden Ovationen.

Es ist ein bewegender und leider notwendiger Abend. Der Pianist Igor Levit hat befreundete Künstlerinnen und Künstler ins Berliner Ensemble eingeladen und für das Solidaritätskonzert die Überschrift „Gegen das Schweigen. Gegen Antisemitismus“ gewählt – Intendant Oliver Reese spricht dann in seiner Begrüßung auch von einem „unheimlichen Schweigen“, mit dem der deutsche Kulturbetrieb auf die grauenhaften Nachrichten vom 7. Oktober 2023 reagiert habe. Was diesem Schweigen zugrunde liegt und was man dagegen tun kann, muss gesondert diskutiert werden. An diesem Abend ging es um etwas anderes, um etwas Elementares: Um eine Geste der Menschlichkeit, um Empathie.

Das dreistündige Solidaritätskonzert sei innerhalb von vier Minuten ausverkauft gewesen, sagt Oliver Reese. Niemand erhält dafür eine Gage, alle Erlöse gehen an die Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung OFEK und die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus KIGA. Die künstlerische Vielfalt der Auftritte gab der Hoffnung Raum, dass es tatsächlich so etwas wie einen zivilgesellschaftlichen Konsens gegen den Hass geben könnte – auch wenn er sich viel zu lange nicht zu Wort gemeldet hat.

Denn eine so große Bandbreite musikalischer Stilrichtungen wird es so schnell nicht wieder auf einer deutschen Bühne geben. Die neue Konzerthaus-Leiterin und Pianistin Joana Mallwitz begleitete Tenor Simon Bode zu Gustav Mahlers „Wo die schönen Trompeten blasen“, Malakoff Kowalski sang zu Igor Levits Pianobegleitung Ehden Abez‘ wunderschönen Jazz-Klassiker „Nature Boy“, Wolf Biermann schrammelte seinen Evergreen „Ermutigung“ – gar nicht erst angefangen davon, dass die Schauspieler Paul Zichner und Alexander Scheer mit dem Tanzorchester des Berliner Ensembles das Haus rockten und auch Thees Uhlmann, die Toten Hosen und Sven Regener sehenswerte Auftritte hinlegten.
Dazwischen immer wieder kurze Lesungen. Maria Schrader trug Gedichte von Jehuda Amichai vor, Katharina Thalbach las Karl Valentins „Die Fremden“ und Luisa Neubauer Carolin Emckes Überlegungen zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Michel Friedman war mit seinem so persönlichen wie ergreifenden Text „Fremd“ präsent, den Ulrich Noethen las – und hielt selbst eine Rede. Er wünsche sich ein Land, sagte er, in dem sich niemand wegen seiner Identität verstecken müsse. Ein bisschen mehr Hoffnung darauf konnte man nach diesem Abend haben.



