Am Mittwochmorgen ist die Brunnenstraße rund um die Synagoge der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel weiträumig abgesperrt: „Tatort nicht betreten“. Die Polizeipräsenz ist massiv, Transporter, Einsatzfahrzeuge, Polizeibeamte lassen niemanden durch. Der tatsächliche Schaden am Gebäude oder Personen: zum Glück keiner.

Berlin, die Stadt, aber auch das ganze Land kann aufatmen, dass die Täter in der Nacht zu Mittwoch keinen Erfolg hatten. Nie wieder, so der allgemeine gesellschaftliche Konsens, sollten jüdische Gotteshäuser in Berlin, der Hauptstadt des für den Holocaust verantwortlichen Deutschland, brennen. Und doch war es genau das, was zwei Unbekannte mit der Synagoge der jüdischen Gemeinde nahe der U-Bahnstation Bernauer Straße in Berlin-Mitte vorhatten. Nur knapp konnte verhindert werden, dass ihr Brandanschlag glückte. Am Mittwochabend versammelten sich etwa 100 Menschen vor der Synagoge, um ihre Solidarität mit den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde zu bekunden. Einige stellten Kerzen auf den Gehweg. Auf einem Pappschild war „Ihr seid nicht allein. #Niewieder“ zu lesen.

Laut Berliner Polizei warfen zwei Täter gegen 3.45 Uhr vor dem Gemeindehaus zwei mit Flüssigkeit gefüllte, brennende Flaschen in Richtung der Synagoge. Die Molotowcocktails sind auf dem Gehweg aufgeschlagen und zerbrochen. Das Feuer ist dabei erloschen. Die Täter konnten entkommen.

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Brunnenstraße in Berlin: „Bloße Anteilnahme ist hier nicht genug“

Shlomo Afanasev, 43, ist Rabbiner in Hannover. Er lebt jedoch mit seiner Familie um die Ecke des Gemeindezentrums, er hat die Gemeinde vor über 20 Jahren mit ins Leben gerufen. Kurz nach 7 Uhr morgens wollte Afanasev dort zum Gottesdienst, nun steht er vor der Polizeiabsperrung: „Als ich kam, hatten BKA und LKA Beweismittel gesammelt. Auf dem Boden lagen die Glassplitter der Flaschen der beiden Molotowcocktails. Alle sind sehr besorgt.“

Im Gebäudekomplex ist neben der Synagoge auch eine Oberschule und eine Kita untergebracht. „Viele Kinder wurden zu Hause gelassen“, sagt Afanasev. Für die Kinder, die kommen, hebt ein Polizist das Absperrband hoch, die Väter und Mütter schieben ihre Kinderwagen unten durch. Afanasev ist selbst Vater von fünf Kindern: „Den Kleinen sage ich, es gibt Menschen, die uns nicht lieb haben.“

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Rabbi Afanasev:„So besorgt war ich noch nie“

Rabbiner Shlomo Afanasev steht vor der Absperrung: „Meinen Kindern sage ich, es gibt Menschen, die uns nicht lieb haben.“
Rabbiner Shlomo Afanasev steht vor der Absperrung: „Meinen Kindern sage ich, es gibt Menschen, die uns nicht lieb haben.“© FMG | Laura Himmelreich

Mit dem versuchten Anschlag tritt das ein, wovor Sicherheitsbehörden gewarnt haben: Der Krieg im Nahen Osten kommt nach Deutschland. Afananasev lebt seit 22 Jahren hier. Er sagt: „So besorgt, so unsicher haben wir uns noch nie gefühlt.“ Er denkt laut nach, ob das Attentat in Zusammenhang mit dem Raketeneinschlag im Krankenhaus in Gaza stehen könnte, bei dem Hunderte Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Israel macht dafür den Islamischen Djihad verantwortlich. Afananasev sagt resigniert: „Vor solchen Spontanaktionen kann man uns kaum schützen.“ Das versuchte Attentat reiht sich in zahlreiche antisemitische Übergriffe in Berlin der vergangenen Tage ein. Auch in der Nacht hatte es Ausschreitungen bei pro-palästinensischen Kundgebungen in Neukölln und am Brandenburger Tor gegeben.

„Wir sind entsetzt und bestürzt über den Brandanschlag“, sagt Yehuda Teichtal, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Chabad Berlin. „Bloße Anteilnahme ist hier nicht genug.“ Jetzt müssten Taten folgen, denn das sei ein Angriff auf das jüdische Leben in Deutschland. Die betroffene Kahal Adass Jisroel Gemeinde zeigt Stärke. Keinen einzigen Gottesdienst lässt sie ausfallen, auch nicht den um 7.30 Uhr. „Wir hoffen und beten jeden Tag dreimal, dass die Situation bald vorbei ist und alles wieder friedlich wird“, sagt Shlomo Afanasev.

Ein Polizist sperrt die Brunnenstraße ab. Über Stunden war hier kein Durchkommen.
Ein Polizist sperrt die Brunnenstraße ab. Über Stunden war hier kein Durchkommen.© FMG | FMG

Um als Juden nicht erkennbar zu sein, tragen die Kinder ihre Schuluniformen nicht

Doch das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland hat sich bereits in den vergangenen zehn Tagen geändert. Bereits vergangenen Freitag begleiteten Polizeiwagen die Mitglieder der nun angegriffenen Gemeinde in Gruppen nach Hause, damit sie nicht für alle als Juden erkennbar, mit großen schwarzen Hüten, ungeschützt durch die Stadt gehen müssen. Rabbi Shlomo Afanasev trägt selbst normalerweise Kippa. „Aktuell trage ich aber ein Cappy über der Kippa, damit man mich nicht als Jude erkennt. Wir hatten bisher nie Angst hier. Würden wir im Wedding leben, wäre das vielleicht anders.“

Die Kinder der jüdischen Schule der Gemeinde Kahal Adass Jisroel ziehen, um nicht erkennbar zu sein, seit einigen Tagen ihre Uniform nicht mehr an. Die Männer verdecken ihre Kippa. Es habe gar keine Absprache dafür gebraucht, sagt Afanasev, allen sei klar gewesen, wie gefährlich die Lage sei.

Am Mittwochnachmittag besuchte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) die attackierte Gemeinde in Mitte gemeinsam mit Kultursenator Joe Chialo (CDU) und Innensenatorin Iris Spranger (SPD). „Der feige Brandanschlag auf die Gemeinde Kahal Adass Jisroel ist ein Anschlag auf uns alle“, sagte Wegner. „Jüdisches Leben ist ein Glück für Berlin.“ Man werde alles dransetzen, die Täter zu ermitteln und konsequent zu bestrafen.

Auch Innensenatorin Iris Spranger verurteilte die israelfeindliche Gewalt und den versuchten Brandanschlag scharf. „Es gibt keine Rechtfertigung, den Hass nach Berlin zu tragen“, so die SPD-Politikerin. „Es gibt keine Rechtfertigung, andere zu beleidigen, zu bedrohen, zu attackieren.“

Die Anwesenheit der Polizei, deren Objektschutz die Synagoge rund um die Uhr bewacht, habe verhindert, dass die Täter nahe genug an das Gebäude herangekommen seien. „Genau deshalb haben wir ja die Schutzmaßnahmen erhöht. Genau deshalb waren auch gestern wieder Polizistinnen und Polizisten im Einsatz, haben Straftaten verhindert sowie Straftäter und Straftäterinnen festgenommen.“

Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für den Kampf gegen Antisemitismus, sagt, es sei pures Glück, dass weder Gebäude noch Personen zu Schaden gekommen sind. „Wenn wir seit Jahren sagen, dass es unsere Aufgabe ist, jüdisches Leben in Deutschland zu schützen, dann ist spätestens jetzt der Moment gekommen, das mit aller Kraft zu tun.“

„Als ich nach dem Morgengebet aus dem Fenster blickte, hat ein Mann mit Palästinenserschal auf der Straße geschrien“

„Die abscheuliche Tat von heute Nacht zeigt, wie wichtig hohe Wachsamkeit und umfassender Schutz sind“, sagte auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD). Die Sicherheitsbehörden, heißt es aus dem Innenministerium, würden die islamistische Szene seit Beginn der Terrorangriffe der Hamas auf Israel zudem noch stärker als bislang ins Visier nehmen.

Der Co-Vorsitzende der Grünen, Omid Nouripour, fordert Konsequenzen: „Die Verantwortlichen dafür müssen schnell identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden.“ Der Anschlag habe erneut gezeigt, dass die Sicherheitslage auch in Deutschland angespannt sei, so Nouripour. Es gebe eine besondere Verantwortung für jüdisches Leben in Deutschland. „Dieser Verantwortung müssen wir gerecht werden.“

Wie schwer das wird, zeigte sich bereits am Mittwoch. Noch während der Ermittlungen am Tatort in der Brunnenstraße kam es vor der Synagoge zu einem weiteren Vorfall: Gegen 8 Uhr, so die Polizei, sei ein 30-Jähriger mit einem E-Scooter vorgefahren, habe diesen weggeworfen und sei auf das Gebäude zugelaufen. „Als ich nach dem Morgengebet aus dem Fenster blickte, hat ein Mann mit Palästinenserschal auf der Straße geschrien“, beschreibt Rabbi Afanasev den Vorfall. „Ich habe es nicht verstanden, andere sagen, er habe „Allahu akbar“ geschrien“. Für Shlomo Afanasev und seine Kinder ist heute nicht absehbar, wann sie die Cappys, die ihre Kippas verdecken, wieder abnehmen können.

FMG mit dpa