Die schwarze Acht ist eine besondere Kugel im Poolbillard. Wer sie vorzeitig versenkt, hat das Spiel verloren. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen ihrer der weißen Spielkugel entgegengesetzten Farbe und der hohen Symbolik der Acht als aufrecht stehendem Unendlichkeitszeichen wird sie gern als Schicksalssymbol verstanden, als Todesbote sogar. Martin Wong, der im KW Institute for Contemporary Art mit einer großartigen Retrospektive geehrt wird, hüllte sie in seinem Gemälde „Tell My Troubles to the Eight Ball“ in einen Ball aus Flammen und Rauch, platzierte im Hintergrund die Sternbilder des Universums und verlieh dem Ensemble einen gemalten Rahmen aus comichaften Totenschädeln. Lesen Sie auch: Auf einen Tango ins Museum – Zineb Sedira im Hamburger Bahnhof

Nicht nur Semiotiker dürften ihre Freude daran haben, wie kraftvoll hier zeitgenössische und kunsthistorisch tradierte Zeichenwelten verschränkt werden. Martin Wong, 1946 als Sohn einer aus China eingewanderten Gastarbeiterfamilie in Portland (US-Bundesstaat Oregon) geboren und in San Francisco aufgewachsen, überwand in seiner Arbeit auch kulturelle Grenzen – als Performancer und Skulpturenkünstler, als Kalligraph, auch als herausragend talentierter Maler. Die von Krist Gruijt-huijsen und Agustín Pérez Rubio kuratierte Ausstellung versammelt mehr als 100 Arbeiten aus dem Oeuvre Wongs, der 1999 in San Francisco im Alter von nur 53 Jahren an den Folgen einer Aids-Erkrankung starb. Lesen Sie auch: Graffiti – Die langwierige Suche nach den Halls of Fame

1978, mit dem unvollendeten Eight-Ball-Gemälde im Gepäck, war er nach New York gegangen, das seine Weltsicht und sein Werk entscheidend prägen sollte. Auf die lichten, euphorischen späten 1960er- und 1980er-Jahre an der Westküste folgte eine Zeit, in der Wong zu einem anerkannten Künstler an der Lower East Side im heruntergekommenen, kriminalitätsbelasteten Manhattan aufstieg und, für Drogenexperimente so offen wie für Einflüsse aus der chinesischen, indo-nepalesischen und tibetischen Kultur, hinreißend vieldeutige Gemälde hinterließ. Sie erzählen von sozialen Spannungen, von der queeren Subkultur, vom Leben in Steinwüsten, nicht zuletzt von den Rissen im Glauben an den amerikanischen Traum. Lesen Sie auch: Die zu Unrecht vergessenen Frauen der Kunstwelt

Unter den vielen wiederkehrenden Motiven sind die Hände der Gebärdensprache, die Wong oft im schlanken, edlen Stil des Art Déco gestaltete, besonders auffällig. Wong lebte erst wenige Jahre in New York, als er darauf kam. „Ich war in der U-Bahn-Station City Hall“, hat er später erzählt, „und sah dort eine Schlagzeile, die lautete: ,Psychiater bestätigen: Dämonenhunde treiben Mann zum Mord‘. Als ich dann in die U-Bahn einstieg, reichte mir jemand eine dieser 25-Cent-Karten mit der Aufschrift ,Hello, I’m deaf‘ (Hallo, ich bin taub), mit dem Fingeralphabet auf einer Seite. Ich hatte die Überschrift noch im Kopf, und so wurde dies mein erstes Bild in Fingersprache.“
Martin Wong: Die Stadt selbst beginnt zu sprechen
Diesem Bild benannte er nach der Schlagzeile, die er zuvor gelesen hatte. Die Stadt selbst war es gewissermaßen, die sich im Medium von Wongs Kreativität zum Ausdruck verholfen hatte. Die erste Übersichtsschau außerhalb der USA, entstanden in Kooperation mit dem Museo Centrode Arte Dos de Mayo (Móstoles, Madrid), dem Camden Art Centre (London) und dem Stedelijk Museum (Amsterdam) und unterstützt von der Martin Wong Foundation und der Galerie Buchholz, erlaubt einen kulturhistorisch einmaligen Einblick in das wilde, raue, aufregende Amerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vor allem aber verhilft sie einem Ausnahmekünstler zu mehr Sichtbarkeit, der sie hierzulande schon so lange verdient hat.
Martin Wong: Malicious Mischief. KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Mitte. Geöffnet Mi.-Mo. 11-19 Uhr, Do. 11-21 Uhr. Informationen: kw-berlin.de. Bis 14. Mai.



