Sie war eine Attraktion in Bologna: Die junge Künstlerin Elisabetta Sirani (1638-1665) malte öffentlich, um dem skeptischen Publikum zu beweisen, dass sie es auch als Frau konnte. Vielleicht konnte sie es sogar besser, denn sie arbeitete schnell und mit großem Schwung. Die oft prominenten Zuschauer schüchterten sie nicht ein, sondern spornten sie an, berichten Zeitgenossen. Als sie mit nur 27 Jahren starb, war ihre Beerdigung ein großes Ereignis. Danach wurde sie, wie so viele Frauen, bis zu ihrer Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert, vergessen. Anlässlich der Ausstellung „Muse oder Macherin? Frauen in der italienischen Kunstwelt 1400-1800“ hat die Direktorin des Kupferstichkabinetts, Dagmar Korbacher, einige von Siranis grafischen Arbeiten aus dem Depot geholt. Denn dass Künstlerinnen wie sie nicht nur Malerinnen, sondern auch technisch versierte Kupferstecherinnen waren, wird mit dieser Schau eindrücklich belegt.
„Muse oder Macherin“: Porträt einer Frau in Männerkleidern
Fast hat es den Eindruck, man stünde erst am Anfang der Entdeckungen, und das nach Jahrzehnten der Frauenforschung auch in der Kunst. Schon der Auftakt der Ausstellung macht neugierig. Zum einen mit einer Studie, die zeigt, wie aus einem nackten Männerkörper eine bekleidete Madonna wird. Weil weibliche Aktmodelle bis weit ins 18. Jahrhundert tabu waren, mussten sich die Künstler behelfen. Und zum anderen mit einem Porträt der Caterina Piccolomini in Männerkleidern, ein Sujet, das noch nicht gänzlich erforscht ist, in Zeiten von Transgender und Crossdressing aber neues Gewicht erhält. Das interessiert ganz besonders das seit zweieinhalb Jahren tätige Jugendgremium „Achtet Alis MB“ der Staatlichen Museen, das an dieser Ausstellung mitgearbeitet hat.
Arbeiten von alten Meistern auf Papier hätten es ja nicht so leicht: zu blass, zu spröde für die heutige, bunte Instagramwelt, sagt Dagmar Korbacher. Umso erstaunter war sie, wie genau die Jugendlichen hinschauten und etwa einen Kupferstich entdeckten, den sie mit ihren (männlichen) Kunstkriterien aussortiert hätte: Ein Stich von Diana Mantovana (1547-1612), auf dem (fast) nur Frauen zu sehen sind, weil es sich um eine Geburtsszene (des Apollo) handelt. Wie sich aber die Motive der Frauen von jenen der Männer unterscheiden, muss noch genauer untersucht werden.
Diana Mantovana arbeitete mit einem Privileg des Papstes
Dafür räumt die Ausstellung mit alten Vorurteilen auf. Frauen waren in Italien sehr wohl Mitglieder von Akademien. Die Kupferstecherin Diana Mantovana arbeitete sogar mit einem päpstlichen Privileg. Und Elisabetta Sirani gründete in ihrer kurzen Schaffenszeit eine Zeichenakademie für Frauen. Isabella Piccini, die vom Kloster Santa Croce in Venedig aus sehr gefragte Kupferstiche fertigte, ist unter anderem mit einem Porträt der Elena Piscopia vertreten, die 1678 in Padua als weltweit erste Frau promovierte.
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Anderen Vorurteilen wird nachgespürt: Giovanni Boccaccio behauptet 1374 in „De mulieribus claris“ („Über berühmte Frauen“), dass Frauen nur als Jungfrau ihre volle Schaffenskraft entfalten könnten. Der Künstlerbiograf Giorgio Vasari hat von seinen etwa 170 Viten (um 1550/68) nur eine für eine Frau reserviert, der Bildhauerin Propertia de Rossi. Er lobt ihre Schönheit und mahnt zwischen den Zeilen, ihre Anmut könnte durch die harte körperliche Arbeit leiden. Dabei litt de Rossi mehr unter Herabwürdigungen von männlichen Kollegen, die ihre Honorare drückten. Das ist – wie die Reduzierung von Frauen auf Äußerlichkeiten – ein hochaktuelles Thema.
Ein Brokatkleid wie ein Panzer
Dennoch oder gerade deshalb betraten in Italien 400 Jahre lang nur zwei Künstlerinnen die ganz große Bühne: Sofonisba Anguissola (1531-1625) für die Renaissance und Artemisia Gentileschi (1593-1654) für den Barock. Erstere ist mit einem Hauptwerk aus der Gemäldegalerie zu sehen: Ein Porträt ihrer Mutter im goldenen Brokatkleid, das die Brustpartie wie einen Panzer umgibt und das mit „virgo fecit“ signiert ist. Mieder und Jungfräulichkeit: die Fesseln der Frau bis ins 20. Jahrhundert. Artemisia Gentileschis Karriere drohte am Anfang genau daran zu zerbrechen. Sie wurde von ihrem Zeichenlehrer vergewaltigt, konnte sich aber in einem spektakulären Prozess erfolgreich wehren. Ihre Ölbilder sind erhalten – wie sie gezeichnet hat, kann nur spekuliert werden, sagt Dagmar Korbacher und verweist auf zwei Rötelzeichnungen, eine männliche und eine weibliche Kopfstudie, die ihr zugeschrieben werden könnten. Auch hier steht den Kunsthistorikerinnen noch viel Arbeit bevor, die strukturelle Benachteiligung von Frauen äußert sich auch durch mangelnde Dokumentation.
Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, Tiergarten. Geöffnet Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sbd./So. 11-18 Uhr. Informationen hier.


