Mit ihrer blonden Mähne, dem strahlenden Lächeln und der einzigartigen Stimme mit dem Wahnsinnsvibrato, die das Volumen nachgerade aberwitzig hochdrehen kann, hat Vonda Shepard Fernsehgeschichte geschrieben. Als Barsängerin in der Anwaltsserie „Ally McBeal“ hat sie den Stars mit ihren Songs immer wieder die Show gestohlen. Zwei Golden Globes und zwei Emmys gab es dafür. Jetzt, 12 Millionen verkaufte Tonträger und 25 Jahre später, begeistert die kalifornische Schönheit immer noch mit der Titelmelodie „Searchin‘ My Soul“.

Strategisch geschickt ans Ende des Konzerts gelegt, kann sich das Publikum beim Konzert im Kino Babylon davor davon überzeugen, dass Vonda Shepard auch jenseits ihrer TV-Bekanntheit eine mitreißende Live-Performerin ist. Andernfalls würde sie heute wohl auch nicht mehr auf der Bühne stehen. In Berlin brandet ihr noch vor dem ersten Ton stürmischer Applaus entgegen. Viele der Zuschauer sind tatsächlich wegen der Songs aus „Ally McBeal“ hier.

Vonda Shepard: Der Support Act dürfte einigen bekannter sein

Wer um die Jahrtausendwende auf die neurotische Bostoner Anwältin stand, war damals 30 plus und ist nun leicht in die Jahre gekommen. Der Südtiroler Support Act Max von Milland, der schon bei den Sportfreunden Stiller und den Söhnen Mannheims im Vorprogramm spielte, dürfte daher bei den Jüngeren definitiv bekannter sein als die einstige Barsängerin von Weltruhm.

Die Anwaltsserie „Ally McBeal“, hier eine Illustration von Al Hirschfeld aus dem Jahr 1999, war in den 1990er-Jahren populär.
Die Anwaltsserie „Ally McBeal“, hier eine Illustration von Al Hirschfeld aus dem Jahr 1999, war in den 1990er-Jahren populär.© Everett Collection | picture alliance

Ihre Popularität mag nach dem Serien-Aus vor einem Vierteljahrhundert ein wenig gesunken sein. Als Songwriterin, die unter anderem Carole King und Joni Mitchell zu ihren Vorbildern zählt, ist Vonda Shepard jedoch auf dem Höhepunkt ihrer Kreativität, wie sie auf ihrem neuen, 13. Album „Red Light, Green Light“ zeigt. Dem ersten seit fast acht Jahren, das der aktuellen Tour auch den Titel gegeben hat. Mit Texten, die es etwas zu sagen haben.

Der Opener „Shine Your Light“ etwa erzählt von ihrem 16-jährigen Teenager-Sohn und der lauten Welt um ihn herum, in der sich heutzutage jeder ganz leicht verlieren kann, statt seinen eignen Weg zu gehen. Ein Song, in den Vonda Shepard den Soul reingebracht hat. Grooves und leise Töne liegen bei ihr immer dicht nebeneinander. Was den Charme ihrer Lieder ausmacht.

Vonda Shepard: Der Gitarrist spielte schon für Tina Turner

Dass die 59-Jährige eine leidenschaftliche Musikerin ist, merkt man auch an der Zusammenstellung ihrer Band mit fabelhaften Instrumentalisten. Allen voran Gitarrist James Ralston, der schon für Tina Turner die Saiten zupfte und offenbar mit dem Fuß auf dem Distortion-Pedal geboren wurde. Seine verzerrten, bluesrockigen Klänge und Soli bilden einerseits einen perfekten Kontrapunkt zum gefühligen Klavierspiel von Vonda Shepard, andererseits fügen sie sich großartig in die Arrangements ein. Genau wie das wuchtige Schlagzeug von Jackson-Browne-Drummer Fritz Lewak und der teils funkige Bass von Jim Hanson, der schon mit Johnny Cash und Ry Cooder spielte und seit über 28 Jahren mit Vonda Shepard musiziert.

Natürlich werden die bekannten Serien-Songs allesamt frenetisch gefeiert. Spannender sind jedoch die ausgezeichneten, frischen Titel. Mit ihnen kann man Vonda Shepard neu entdecken. Das Material aus „Ally McBeal“ verblasst dagegen. Und daher ist der Applaus am Ende noch lauter als beim herzlichen Empfang. Wohl verdient.