Anton Corbijn

Der Mann, den Johnny Cash begrub

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Melanie Müller

Er begleitet die Stars: Camera Work zeigt Bilder des vielseitigen Fotografen und Regisseurs Anton Corbijn

Seit Wochen schon war Fotograf und Regisseur Anton Corbijn mit der Galerie Camera Work im regen Austausch über seine Ausstellung "Inwards and Onwards". Heftig wurde darüber diskutiert, an welcher Wand welches seiner Fotos wie positioniert wird. Der Mann ist da penibel. 25 seiner Arbeiten werden in der Kantstraße gezeigt, die schon in ähnlicher Zusammenstellung in Stockholm und New York zu sehen waren. Die Hängung der Fotos ist auch kein einfacher Job: ein Foto mit Rahmen samt Museumsglas wiegt schließlich knapp 30 Kilo.

Ironie mit Schnäuzer

Bei der Begrüßung scheint Corbijn unsicher, schüchtern, ja wortkarg. Die Fotografie ist schließlich seine Sprache. Er wirkt - in Jeans, leicht verknittertem Jackett und bunt gestreiften Wollschal - recht unauffällig. Ganz anders als die Protagonisten seiner Fotos: Sie schauen in Übergröße aus ihren Ecken und von den Wänden herab, darunter das skurrile britische Künstlertandem Gilbert & George, Damien Hirst oder Jeff Koons. Und dort guckt auch Mick Jagger, gestylt wie die Queen mit Mini-Pli und Strass, auf den Besucher der Galerie herab. Wie es zu diesem Foto kam? Anton Corbijn grinst: "Ich weiß es nicht, es war auf einmal so". Von ähnlicher Ironie ist auch das Porträt von Paul McCartney - der Ex-Beatles trägt einen angeklebten Schnäuzer. Das einzige Foto, das der niederländische Fotograf bisher noch nicht ausgestellt hat.

Im oberen Stockwerk hängen weitere Musiker, im hinteren Raum die bildenden Künstler. Denn nicht nur der Musik, sondern auch der Malerei gehört seine Leidenschaft. Schon sein Großvater malte, er selbst hat es nach ein paar kläglichen Versuchen sein lassen, erzählt er. Er bleibt bei einem Foto mit Bruce Springsteen, inszeniert in einer Winterlandschaft, stehen. Bei diesem Bild gefallen ihm besonders die Schrägen, das einfallende Licht, die Intimität.

Zu Johnny Cash im Auto fällt ihm der Dreh zum Musikvideo "Delia's Gone" aus dem Jahr 1994 ein. Dabei lag Anton Corbijn unter einer dicken Glasscheibe in einem düsteren Grab und Cash schippte das Loch mit Sand zu. Als alle Aufnahmen gemacht waren, dachte Cash gar nicht ans Aufhören. Er soll gesagt haben: "Oh, ich habe gerade Gefallen daran gefunden." Corbijn lacht wieder. ",Cash hat mich begraben' - wer kann das schon von sich behaupten?" Und hier unterbricht er das Interview, schaut, ob er in diesem Print vielleicht doch noch einen Fehler entdecken kann. Und wieder ein Blick. Wirken lassen. Ruhe.

Gibt es einen Corbijn-Stil? Nein, sagt der 56-Jährige. Auffallend in seinen Fotos ist der respektvolle Abstand zu den Promis, eine gewisse Unnahbarkeit bleibt, das hat durchaus seinen Reiz. Immer schwarzweiß. Reduziert. Ähnlich hat ihn auch die niederländische Filmemacherin Klaartje Quirijn porträtiert. Zeitgleich zur Ausstellung läuft ihre biografische Dokumentation "Anton Corbijn - Inside Out" im Kino. Besonders kritisch ist der Film allerdings nicht. Vier Jahre dauerten die Filmaufnahmen, das umfangreiche Material wurde auf achtzig Minuten gekürzt. Die Regisseurin versucht, Corbijn näher zu kommen. Die besten Momente sind jene, wenn sie Corbijn einfach beobachtet, an seinem Lieblingsplatz oder im Zug.

Es bleibt nicht aus, dass ein Stück des Starrummels auf ihn abfärbt hat. Schließlich hat er mit Bands wie Depeche Mode, R.E.M, Rolling Stones, U2, Nirvana, The Killers sowie Solokünstlern wie Herbert Grönemeyer und Henry Rollins zusammengearbeitet. In den dreißig Jahren seiner Karriere hat er nahezu jeden wichtigen Musiker, Maler, Designer und auch bekannte Models fotografiert.

Depeche Mode betreute er sogar einige Jahre als Art Director und drehte mit ihnen die Konzertfilme "Devotional" und "One Night in Paris". In den letzten Jahren arbeitete er zudem als Spielfilmregisseur: 2008 wurde sein Film "Control", der sich der Band Joy Division und ihrem Frontmann Ian Curtis widmet, ein großer Erfolg. 2010 folgte dann "The American" mit George Clooney in der Hauptrolle.

Die Einsamkeit des Fotografen

In beiden Filmen spielt die Einsamkeit eine wichtige Rolle. Die Protagonisten sind einzelgängerische Figuren, wenngleich vielleicht unfreiwillig. Corbijn kann sich tatsächlich gut darin spiegeln. "Ich bin gern in der Natur, allein. Und dann mag ich den Regen mehr als die Sonne."

Anton Corbijn geht noch einmal durch seine Ausstellung bei Camera Work. Für ihn ist es wohl eine Form der Meditation. Es wird nicht das letzte Mal sein in diesen Tagen in Berlin. Vielleicht wird er hier und da noch etwas ändern, einzelne Bilder umhängen. Denn der Platz im Raum beeinflusst den Ausdruck eines Fotos. Und jedes Foto hat schließlich seine ganz eigene Geschichte.

Camera Work, Kantstraße 149, Dienstag bis Samstag11 bis 18 Uhr. Bis 2. Juni.