Der Pianist Herbie Hancock (67) ist der bekannteste lebende Jazzmusiker. Mit "River: The Joni Letters" (Verve/Universal, erscheint am Freitag) hat er jetzt ein Album aufgenommen, das der Musik seiner geschätzten Kollegin Joni Mitchell ein Denkmal setzt. Dafür versammelte Hancock Stars wie Norah Jones, Tina Turner, Leonard Cohen und Joni Mitchell selbst im Studio. Nur so, meint der Pianist, könne man den Jazz am Leben halten. Mit Herbie Hancock sprach Josef Engels.

Berliner Morgenpost: Hat sich Joni Mitchell mit ihrer Hinwendung zum Jazz die Karriere ruiniert? Hätte sie nicht ein richtig großer Popstar werden können?

Herbie Hancock: Ich glaube, das interessiert sie nicht sonderlich... (lacht) Ob sie ein noch größerer Popstar geworden wäre? Ich denke, sie würde jetzt jeden Morgen als großer unglücklicher Popstar aufwachen. Jazz ist Teil ihrer Herkunft. Viele Leute wissen das nicht. Sie hat mir erzählt, dass sie schon immer Billie Holiday gehört hat. Mit neun Jahren bereits! Diesen Einfluss kann man mittlerweile ziemlich deutlich hören, wenn sie singt.

Das stimmt. Wenn man Joni Mitchell auf Ihrer CD hört, denkt man unwillkürlich an Billie Holiday oder Abbey Lincoln. Rauchen scheint doch nicht ganz so schlecht zu sein...

(lacht) Oh ja. Eines ist sicher: Sie hat was draus gemacht.

Als Sie Joni Mitchell 1979 zum ersten Mal trafen, war es für das "Mingus"-Album. Wie lief das damals ab?

Charles Mingus hatte nicht mehr lang zu leben. Ich habe gehört, dass Mingus Jonis Musik sehr schätzte und nach ihr fragte. Sie sollte eine Platte mit seinen letzten Kompositionen aufnehmen. Ich stieß dazu ins Studio, weil ich die Mitmusiker sehr gut kannte - Wayne Shorter, Jaco Pastorius. Wir drei hatten ähnliche Erfahrungen gemacht beim Versuch, den Jazz weiter zu fassen und Einflüsse von Rock und Rhythm & Blues zu integrieren. Ich hatte Joni noch nie zuvor getroffen und wusste nicht, dass sie irgendeine Verbindung zum Jazz hat. Es überraschte mich sehr, dass sie eine Charlie-Mingus-Platte machte. Wie verrückt ist das denn? Im Studio merkte ich dann, wie leicht und frei sie mit dieser Musik umgeht.

Handelt es sich bei den "Joni Letters" um eine Antwort auf "Mingus"?

So habe ich das noch nicht gesehen. Mein Impuls war einfach: Sie ist eine Freundin, jemand, den ich sehr bewundere. Ich liebe es, ihr beim Sprechen zuzuhören! Sie redet nämlich, wie sie schreibt - was sie sagt, ist immer brillant. Sie ist eine große Dichterin. Und das gab mir die Gelegenheit, an einer meiner großen Schwächen zu arbeiten...

Welche Schwäche wäre das?

Ich habe mir niemals zuvor Texte angeschaut.

Auch nicht, wenn sie Jazzstandards gespielt haben?

Nein, niemals. Unglücklicherweise habe ich das mit den meisten Jazzmusikern gemeinsam. Diesmal habe ich aber genau auf Jonis Worte geachtet.

Viele von Joni Mitchells Texten befassen sich mit der Befindlichkeit von Frauen. Wohingegen die Welt des Jazz eher von Machos dominiert wird, oder?

Ja, das stimmt. Gerade im zeitgenössischen Jazz. Da ist sehr viel Testosteron in den Noten. Das war auch in der Mitte meiner Karriere der Fall, als es dieses Jazz-Fusion-Ding gab. Das war der Heavy Metal des Jazz! So, als hätten wir lange Haarmatten gehabt, Metall am ganzen Körper und Lederhosen.

Und jetzt entdecken Sie gerade Ihre weibliche Seite?

Großartig, dass Sie das erwähnen! Das ist nämlich eine Diskussion, die ich und Wayne Shorter nun schon seit vier Jahren führen: Männer haben so jämmerliche Figuren abgegeben bei ihren Entscheidungen, wie sich die Welt entwickeln sollte. Frauen scheinen das besser raus zu haben. Männer sind oft einfach nur Egoisten, wollen die Nummer eins und der König sein. Sie müssen den Mut entwickeln, ihre weibliche Seite zu erforschen und zuzulassen.

In den vergangenen Jahren haben Sie Ihre Platten mit vielen prominenten Gastauftritten gewürzt. Kann man heute überhaupt noch Jazz ohne Popstars verkaufen?

Zuallererst: An diesem Punkt in meinem Leben denke ich an die Zukunft. An die Zukunft der Musik, der Kultur, der Menschheit - und an die Rolle, die Jazz dabei spielen kann. Wenn wir uns nicht um ein neues Publikum bemühen, wird diese Musik sterben! Man spielt ja nicht nur für sich selbst. Was die Popstars auf meinen Platten angeht: Ich bin dazu in der Lage, sie zu integrieren. Ich kann das einfach, bin mir aber nicht sicher, ob jeder Jazzmusiker daran interessiert ist.

Sie haben eben die Möglichkeiten. Meinen Sie, jeder Jazzmusiker könnte Tina Turner einfach mal anrufen und fragen, ob sie nicht auf einer Platte mitsingen möchte?

Das stimmt. Ich glaube nicht, dass sie mit jedem aufnehmen würde.

Das war eine große Überraschung auf Ihrer CD. Man wusste ja, dass Tina Turner singen kann. Hatte es aber aufgrund der Achtzigerjahre irgendwie verdrängt...

Ist sie jetzt nicht fantastisch? Diese Seiten kannte ich gar nicht an ihr. Ihr Gesang ist voller Nuancen, Subtilitäten, Sophistication. Aber offen gestanden war es nicht meine Idee, sie auf die Platte zu nehmen. Das kam von Larry Klein, dem Produzenten meines Albums und Ex-Mann von Joni. Er schlug auch vor, Norah Jones zu fragen, weil er Norah sehr mag. Er wusste, dass Joni ein Fan von Tina Turner ist. Also nahmen wir Kontakt auf. Ich kenne Tina schon sehr lange, wir praktizieren auch die gleiche Form von Buddhismus. Freunde von mir brachten sie darauf. Das half ihr, sich von Ike Turner zu trennen.

Ist es nicht seltsam, dass Joni Mitchells neue CD "Shine", die erste seit einigen Jahren, ebenfalls am Freitag parallel zu Ihrer Tribute-CD erscheint?

Jonis neue Aufnahme ist eine sehr interessante Platte. Diese Synthesizer! Ich habe noch nie so eine Herangehensweise gehört. Und das hat sie alles selbst gespielt. Wow! Die Sounds sind anders, viel Holzbläser, Oboen, Fagott, aber alles synthetisch. Mit der neuen Technologie klingt das mittlerweile ja sehr gut. Aber es ist immer noch ein Synthesizer. Diesen Stil habe ich so noch nicht gehört.