Weder die Gründung einer HipHop-Firma noch die musikalische Betreuung rüder Rockbands konnten Johnny Cash beeindrucken. Der Impresario hat ihn schließlich überredet und zur späten Meisterschaft geführt. Mit taktischem Geschick, Psychologie und Glück.
Lichtgestalten der US-Musik
Für die Musik zum Johnny-Cash-Gedenkfilm "Walk The Line" sorgte dann allerdings T-Bone Burnett. Die graue Eminenz der amerikanischen Musik war 1975/76 bereits mit Bob Dylan unterwegs, als Gitarrist in dessen "Rolling Thunder Revue". Von dort hat er Virtuosen abgeworben und die Alpha Band gegründet. Es gibt wegweisende Soloalben von T-Bone Burnett. Als sich Schauspieler Joaquin Phoenix weigerte, in "Walk The Line" die Songs von Johnny Cash zu singen, sprach Burnett das Machtwort. Produzenten wie Rick Rubin helfen ratlosen Ikonen über ihren Größenwahn hinweg. Bei Produzenten wie T-Bone Burnett wachsen selbst mäßig singende Filmstars über sich und die Musik hinaus.
Wer sich durch die Musik Amerikas bewegt, stößt unablässig auf dieselben Denkmäler. Man irrt im Kreis umher. T-Bone Burnett hat Johnny Cash mit seinem Soundtrack renoviert. Bereits vor zwanzig Jahren, als der Pop von Cash nichts hören wollte, landete Ry Cooder seinen einzigen Radiohit mit Johnny Cashs "Get Rhythm". Auf Ry Cooders neuem Album gibt es einen Song, der "Johnny Cash" heißt und dessen "Hey Porter" aus den Fünfzigerjahren allenfalls dezent verfremdet. Cooder gilt als Lichtgestalt der amerikanischen Musik. Verblüffend nur, dass sich die Wege von Ry Cooder und T-Bone Burnett nur einmal nachgewiesener Maßen kreuzten: 1983 nahm Burnett "Proof Through The Night" auf und lud neben anderen auch Cooder dazu ein.
Dafür fallen die Parallelen auf. Burnett ist 60, Cooder 61 Jahre alt. Sie musizierten emsig, wurden aber weltberühmt als Produzenten. Beide machten sich in Hollywood als Soundtrack-Lieferanten unentbehrlich, beide auch für Filme von Wim Wenders: Cooders Slide-Gitarre wimmerte durch "Paris, Texas"; "Don't Come Knocking" wurde von Burnett vertont. So wenig Zeit ihnen bei all dem bleibt, um noch persönliche Musik zu produzieren, so bemerkenswert erscheint die zeitgleiche Veröffentlichung ihrer aktuellen Alben. Beide haben etwas Dringendes mitzuteilen.
Produzenten wie Burnett und Cooder ging es immer um Geschichtsbewusstsein. Darum, wo was herkommt und wohin es gehen wird. Ry Cooder hat schon 1970 Songs von Leadbelly und Woody Guthrie aufbereitet für die Rock-Generation. Er hat das erste digitale Album aufgenommen und mit Retrorock gefüllt. Und wenn er Musikern aus Kuba mit der Bluesgitarre in die Stücke fuhr, klang das kulturimperialistisch, war aber nicht so gemeint. Er wollte nur der bessere Amerikaner sein.
Mit "Chávez Ravine" hatte er 2005 seine Kalifornien-Trilogie begonnen und darin geschildert, wie das Kapital die Hoffnungen von Einwanderern ruiniert. "My Name Is Buddy" war eine gesungene Fabel über Katze, Maus und Kröte in der Zeit der Kommunistenhatz. Dem dritten Teil, "I, Flathead", legt Ry Cooder wieder eine Moritat zugrunde: In der Nachkriegszeit macht sich ein Held namens Kash Buck daran, aus Kriegsschrott Rennwagen zu bauen. Kash betreibt auch eine Band, The Clowns, die sich durch die gesamte amerikanische Musik der Pioniertage des Pop spielt und berührende Utopien entwirft.
Der junger Wilde und der Veteran
T-Bone Burnett kehrte 2006 nach 15 Jahren Pause mit dem finsteren Werk "True False Identity" als Songschreiber zurück. Er grummelte damals vom Zombieland. Jetzt sieht es etwas besser aus. Die Stücke klingen immer noch diffus, mal nach dem Rumpeln alter Lieferwagen und mal wie eine Art Country-HipHop. Die zugrunde liegende Geschichte stammt vom Schauspieler und Schriftsteller Sam Shepard.
Ein Theaterstück von 1972, 1996 wurde es uraufgeführt. Ein Junger Wilder und ein Veteran streiten sich um den Thron des Rock'n'Roll. Sie führen einen Stellvertreterkrieg. Burnett hat die Musik von 1996 überarbeitet und sagt: "Die 30-jährige Konterrevolution ist ausgestanden." 30 Jahre lang habe die Rechte sich der Popmusik bemächtigt. Immerhin ein kämpferischer, origineller Ansatz. Der Produzent T-Bone Burnett erklärt seine Autorität bescheiden: "Ein Produzent, der etwas von Musik versteht, hört alles, was ist und was sein könnte."
T-Bone Burnett: Tooth Of Crime.
Ry Cooder: I, Flathead (Nonesuch)

