Die Staatskapelle Berlin widmete ihre Sonntagsmatinee dem Gedächtnis des vor drei Wochen verstorbenen Regisseurs Jürgen Flimm, der bis 2018 Intendant der Lindenoper war. Man hatte das Programm kurzfristig geändert, „Les Nuits d’Été“ durch zwei Mozart-Arien ersetzt. Weniger wohl des traurigen Anlasses wegen, sondern weil Cecilia Bartoli mit Mozart besser zurechtkommt als mit Berlioz. Noch überzeugender, eindringlicher gelang ihr die Zugabe, Händels „Lascia ch’io pianga“ – vielleicht etwas hoch gegriffen für einen Theatermann, aber für das Auditorium ein exquisiter Kunstgenuss. Zumal davon ausgegangen werden darf, dass kaum jemand im Saal nach dem toten Flimm fragte, sondern alle nach dem lebenden Barenboim. Ist er trotz langwieriger Erkrankung und Rückzug von der Lindenoper noch der Alte, hat er nachgelassen, müssen wir uns um ihn sorgen? Müssen wir nicht! Der Maestro gab unüberhörbar Entwarnung. Und unübersehbar.
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Als gelte es, seine Allzuständigkeit erneut unter Beweis zu stellen, trat er gleich in dreifacher Funktion auf: als Redner, als Pianist und als Dirigent. Die Trauerrede bot naturgemäß keinen Anlass für rhetorische Glanzlichter. Am Klavier und Cembalo ließ Barenboim keinen Zweifel daran aufkommen, dass er noch immer einer der drei größten Mozart-Pianisten unserer Epoche ist; dafür genügte der bescheidene Klavierpart in der Konzertarie KV 505 und in Sestos Arie „Parto, ma tu ben mio“ aus „La Clemenza di Tito“, wobei er vom Tasteninstrument aus auch das Orchester leitete.
Daniel Barenboim: Die größte Herausforderung kommt am Ende
Doch dann die Gretchenfrage: wie hast du’s mit der Religion, pardon: mit dem blasphemischen Tongedicht namens „Symphonie fantastique“? Hast du noch die Kraft für die Schwarze Messe und den Hexensabbat des Finalsatzes? Die größte Orchesterorgie vor Mahler und Strauss – acht Kontrabässe, sechs Schlagzeuger und so weiter – ist selbst für Jüngere eine Herausforderung, und es blieb in Erinnerung, wie Claudio Abbado bei seinem letzten Konzert mit den Berliner Philharmonikern genau hier an seine Grenzen geriet und sie schließlich doch triumphierend überwand.
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Barenboim geht nicht so existenzialistisch zu Werke. Noch nie ein Mann pathetischer Gesten, ist er es heute weniger denn je. Er kann, sitzend und auswendig dirigierend, das Orchester mit kleinsten Zeichen zu höchsten Leistungen animieren. Seine Souveränität und Autorität sind ungebrochen, nichts erinnert an Karajan oder Masur, die im Spätherbst ihrer Karriere einen, auch für die Zuhörer, quälenden künstlerischen Niedergang erlebten. Und nichts erinnert an Abbado, der 2013 die „Symphonie fantastique“ mit solch martialischen Glockenklängen ausstattete, dass man um die Stabilität der Philharmonie zu fürchten begann. Nein, Barenboim meidet die maximalen Effekte, begnügt sich mit dünnen, blechernen Glöcklein und überhaupt feinstgeschliffener Artikulation aller Stimmen. Das Jenseits ist noch ein gutes Stück entfernt, meldet sich auch das Dies irae im Finale mit nicht zu ignorierender Intensität.


