Es ist so ein wunderbares Benefizkonzert, aber mit einigen Schrecksekunden. Mit Bangen ist in der Philharmonie am Sonntagabend zu verfolgen, wie der Klavierbegleiter Daniel Barenboim, der seine Noten selber umblättert, aus Versehen gleich mehrere Seiten greift. Nun gehört Joseph Haydns Kantate „Arianna a Naxos“ nicht zu den Allerweltsstücken im Konzertsaal, die ein Pianist auswendig lernt. Einige Sekunden hängt der Virtuose in der Luft, denn geht es weiter. Cecilia Bartoli hat davon offenbar nichts bemerkt. Die italienische Mezzosopranistin legt gerade Samt über den Abend. Es sind fein gearbeitete, dunkel schimmernde Töne, die sie auf eigene Art verwebt. Es ist nicht zu überhören, dass Barenboim und Bartoli bereits seit Jahren miteinander musizieren, es ist ein Konzert voller Vertrautheit. Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper, konnte die Operndiva zu einem exklusiven Benefizkonzert überreden. Und die Philharmonie ist voll.
Die Italienerin ist eine ausgewiesene und vor allem sich bekennende Mozart-Interpretin, an der Staatsoper war Cecilia Bartoli bereits in „Le Nozze di Figaro“ und „Don Giovanni“ zu erleben. Nach Mozarts seelenvoller Konzertarie „Ch‘io mi scordi di te“ folgt die zweite Schrecksekunde. Beim Applaus bleibt sie mit ihrem üppigen Kleid an der Balustrade hängen. Barenboim muss sie befreien und verkündet, dass man jetzt die Pause mache.
Danach erscheint Cecilia Bartoli überraschenderweise in den Hosen des Sesto. Das historische Kostüm passt zur Opernfigur aus Mozarts „La clemenza di Tito“. Jener Sesto verliebt sich und will sogar für seine Geliebte seinen kaiserlichen Freund Tito umbringen, was misslingt, woraufhin er seine Zerknirschtheit aussingt. Zwischen diesen Leidenschaften bewegen sich die beiden Arien „Parto, ma tu ben mio“ und „Deh per questo istante solo“. Wenn die Bartoli keine Opernsängerin wäre, dann wäre sie eine Schauspielerin. Sie durchlebt mit ihrer farbenreichen Stimme die vorgegebenen Rollen, sie folgt den Texten mit artikulatorischer Akkuratesse. Sie präsentiert die Arien voller Leidenschaft und Natürlichkeit. Das Publikum bejubelt sie am Ende. Und durch die Seitentür ist zu sehen, wie sie hinter der Bühne glücklich hüpft, bevor sie die nächsten Ovationen entgegennimmt.
Dann kehrt Barenboim als Solist auf die Bühne zurück. Es ist bemerkenswert, wie er die Stimmung in Mozarts Klavierkonzert A-Dur KV 488 übernehmen kann. Die Staatskapelle begleitet ihn atemvoll durch die drei Sätze. Es ist ein Abend voller virtuoser Eleganz und Schönheit. Es ist zugleich das letzte Benefizkonzert zugunsten der Sanierung der Staatsoper Unter den Linden: Am 3. Oktober 2017 soll das Stammhaus feierlich wieder eröffnet werden.
Volker Blech

