Staatsope

Jürgen Flimm: „Ein bisschen wehmütig bin ich schon“

Intendant Jürgen Flimm verlässt nach acht Jahren die Staatsoper Unter den Linden. Das Abschiedsinterview.

Jürgen Flimm, Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden, in seinem Büro

Jürgen Flimm, Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden, in seinem Büro

Foto: Maurizio Gambarini

Eigentlich wurde Jürgen Flimm, der alterfahrene Theaterimpresario, nach Berlin geholt, damit er das Staatsopern-Ensemble in der dreijährigen Sanierungszeit des Opernhauses Unter den Linden managt. Dann verzögerten sich die Baumaßnahmen immer wieder, und Flimms Amtszeit verlängerte sich auf acht Jahre. Am heutigen Sonnabend endet sie offiziell, nach Ostern übernimmt sein Nachfolger Matthias Schulz. Das Abschiedsinterview mit Jürgen Flimm (76) fand in seinem Intendantenzimmer statt.

Herr Flimm, haben Sie Abschiedsschmerzen?

Jürgen Flimm: Ein bisschen wehmütig bin ich schon. Es sind ja nicht nur acht Jahre Staatsoper, sondern insgesamt 40 Jahre Direktor-Sein. Und 50 Jahre bin ich jetzt Regisseur, aber das wird noch ein bisschen die Intendanz überdauern. Ich werde hier aber weniger das Gebäude, als die Leute vermissen. Viele sind mir ans Herz gewachsen. Aber ich kann mich ja immer in die Kantine setzen, ein Gesicht machen und sagen: Kinder, Kinder, was macht ihr da eigentlich?

Gibt es einen Plan für Ihren letzten offiziellen Arbeitstag?

Es ist Ostern, da fahre ich wieder aufs Land. Sonnabend früh steige ich in den Zug. Ich habe ja ein Haus in der Nähe von Hamburg.

Aber Sie bleiben in Berlin wohnen?

Ja, wir bleiben in unserer Wohnung in der Bleibtreustraße. Auf dem Land ist unser Hauptwohnsitz, weil wir dort alles haben, die Bücher und mein Archiv. Das brauche ich für mein Buch.

Eine Autobiografie?

Etwas mit autobiografischen Zügen. Ich habe einen Vertrag mit Kiepenheuer & Witsch. Das Buch gibt es in Teilen schon, aber ich muss es zu Ende schreiben. Außerdem will ich noch weiter inszenieren, wenn mich jemand lässt. Jetzt im Sommer mache ich ein Stück in Innsbruck mit Alessandro di Marco. Es wird ein Stück von Mercadante, einem Rossini-Zeitgenossen, sein.

Sie waren Chef in Köln, Hamburg, bei der Ruhrtriennale in Gelsenkirchen, Salzburg, zuletzt Berlin – was war der größte Kick?

Die Antwort ist einfach, immer dort, wo die Arbeit ist. Rückblickend hatte jede Stadt ihre schönen und hässlichen Seiten. Köln war toll, weil ich Kölner bin. Mein Vater war Theaterarzt und ich jung schon regelmäßig im Theater. Als ich später Intendant wurde, habe ich mit Schauspielern gearbeitet, die ich als Kind schon bewundert hatte.

Wie sehen Sie Ihre Berliner Zeit, es waren ja auch Jahre voller Ärger?

Im Ensemble gab es keinen Ärger, das betraf nur die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden. Nachdem ich mich von meinem Schlaganfall einigermaßen erholt hatte, hat die wunderbare Elena Barenboim ihrem Mann Daniel und mir gesagt, wir sollen uns aufhören zu ärgern. Dadurch geht es auch nicht schneller. Dann haben wir uns einfach nicht mehr geärgert. Und haben sie bauen lassen, was sie wollen.

Und was ist Ihr Fazit?

Berlin war nach betrüblichen Jahren in Salzburg eine Erholung. Endlich konnte ich wieder die Ärmel hochkrempeln, und der tägliche Umgang mit den Leuten war einfach schön. Salzburg ist großartig, aber auf Dauer mochte ich den Ort nicht, man hatte ständig das Gefühl, man stört irgendjemanden. Man wusste nur nicht wen. Dann kam der Anruf von Klaus Wowereit.

Sie kamen, um den Umzug der Staatsoper in die Ausweichspielstätte zu organisieren. Sie hatten dann auch den einmaligen Titel des Intendanten der Staatsoper im Schiller-Theater?

Ja, der wird nie wieder kommen. In dem Titel steckt auch mein ganzes Leben: Oper und Theater. Ich habe immer wahnsinnig gerne Schauspiel gemacht, weil man da Reisen macht und nie weiß, wo man ankommt. Aber ich liebe auch die Musik. Wenn bei Mozart alles zusammenkommt, empfindet man als Regisseur ein großes Glück.

Sie haben in Ihrer Amtszeit drei Kultursenatoren erlebt, einer davon, Tim Renner, hat eine Reihe von umstrittenen Entscheidungen getroffen, etwa die Ablösungen von Claus Peymann am Berliner Ensemble oder Frank Castorf an der Volksbühne. Wie fanden Sie das?

Die Häuser sind einem nur geliehen, der Souverän kann sie einem wieder wegnehmen. Aber die Order per Mufti war nicht geschickt, ja katastrophal. Peymann und Castorf haben unendlich viel für die Stadt getan. Peymann hat das darniederliegende BE wieder aufgestellt. Und Castorf ist ein Kracher in der Theaterwelt, mit den Leuten muss man anders umgehen und darf sie auch nicht gegeneinander ausspielen. Castorf sagt immer, Chris Dercon kann doch nichts dafür. Der hat nur ein Angebot angenommen.

Wie bewerten Sie den künstlerischen Zustand der Volksbühne?

Ich habe immer große Achtung, wenn jemand etwas auf die Beine stellt. Ich weiß nicht, ob das Konzept tragfähig ist. Es gibt eine alte Theaterregel, wonach das Publikum seine Sänger und Schauspieler immer wieder sehen will. Man will sein Lieblinge in neuen Rollen entdecken. Es geht um die Wiedererkennbarkeit. Das wird unterschätzt beim heutigen Zwang nach dem Außerordentlichen. Aber wenn alles außergewöhnlich ist, wird es zur Normalität.

Castorf und Peymann wurden immer als Patriarchen bezeichnet. Würden Sie den Begriff auch für sich akzeptieren?

Nein. Ich habe das Schiller-Theater und die kurze Zeit hier in der Oper Unter den Linden immer auf eine gemeinschaftliche Basis gestellt. Es war die sogenannte Planungssitzung. Die war lang und fröhlich. Ich habe mich immer mehr als Moderator verstanden.

Wenn Sie als Theatermann auf all die Jahre schauen, was waren die besten Zeiten, was die langweiligsten?

Am langweiligsten waren die letzten zehn Jahre. Die Befreiung von der Literatur im Theater war wichtig, aber das können nur Leute wie Castorf. Andere haben nur die Literatur kaputt gemacht. Das hat mich immer am Theater gestört, wenn nicht mit intellektueller Sorgfalt gearbeitet wird. Man kann nicht einfach etwas nehmen und mit anderen Sachen vermengen. Man merkt zu oft den Marketinggedanken.

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