Humboldt Forum

1,5 Millionen Besucher im Humboldt Forum

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Hartmut Dorgerloh ist seit 2018 Generalintendant und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Humboldt Forum.

Hartmut Dorgerloh ist seit 2018 Generalintendant und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Humboldt Forum.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Die neue Begegnungsstätte in Berlins historischer Mitte bilanziert das vergangene Jahr – und verrät die Höhepunkte 2023.

Als Hartmut Dorgerloh, bis dahin Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, am 1. Juni 2018 für zunächst fünf Jahre zum Generalintendanten des Humboldt Forums berufen wurde, hatte er sicher ein anderes Eröffnungsszenario vor Augen als jenes, das dann tatsächlich eintrat. Wegen der Corona-Pandemie wurde das Kulturzentrum in Berlins historischer Mitte im Dezember 2020 zuerst nur digital, im Juli 2021 dann analog in einem ersten Teilabschnitt eröffnet. Erst im September vergangenen Jahres konnten mit der Ostspange des Franco-Stella-Baus die letzten Ausstellungs- und Veranstaltungsflächen des Gebäudes öffentlich zugänglich gemacht werden.

1,5 Millionen Gäste wurden im Jahr 2022 gezählt

Insofern sind die Zahlen, die Dorgerloh am Dienstag zum Publikumszuspruch vorstellte, nicht repräsentativ für die Zukunft des Humboldt Forums. Aber sie erlauben immerhin Aufschluss über die breite Akzeptanz, die es trotz einer teils irritierend wütenden Rezeption in den Medien gefunden hat. 1,5 Millionen Besucherinnen und Besucher fanden 2022 ihren Weg zur neuen Sehenswürdigkeit, wobei mit dieser Zahl auch jene erfasst sind, die auf einen Kaffee oder zu einer Veranstaltung im Schlüterhof vorbeischauten oder die Sitzgelegenheiten an der Lustgartenseite für eine Pause nutzten. 220.000 Menschen wurden im Lauf des Jahres auf der Dachterrasse gezählt. In die Ausstellungen im Haus kamen 711.054 Gäste, in die Ausstellung „Berlin Global“ der Stiftung Stadtmuseum Berlin sogar 87.800, die das dort erhobene Eintrittsgeld zu bezahlen bereit waren. Die Schauen des Ethnologischen Museums zogen 292.000 Besucherinnen und Besucher an, der Rest verteilte sich auf den Schlosskeller (68.800), die von der Humboldt-Universität eingerichtete Ausstellung „Nach der Natur“ (78.000), die temporäre „Songlines“-Ausstellung (24.100) den Schlosskeller (68.860) sowie auf das Videopanorama zur Geschichte des Ortes und den Skulpturensaal (156.000).

Rund 49 Prozent der Besucherinnen und Besucher sind nach Angaben der Stiftung Humboldt Forum weniger als 50 Jahre alt, 40 Prozent der Gäste stammen aus der Stadtgesellschaft, 60 Prozent nicht, 18 Prozent kommen aus dem Ausland zu Besuch. Fast ein Drittel der Besucherinnen und Besucher kommt auf Empfehlung dorthin. Die statistische Vermessung des Publikums soll in diesem Jahr mit noch größerer Präzision fortgesetzt werden.

Ein Programmschwerpunkt zum Thema Sterblichkeit

Auf die Frage nach der Wechselwirkung mit den Häusern der gegenüber gelegenen Museumsinsel antwortete Dorgerloh mit dem Hinweis, dass es sich beim Humboldt Forum weder um ein Museum noch um ein Ausstellungshaus handele, weshalb ein Vergleich nicht erkenntnisstiftend sei. Das Humboldt Forum versteht sich nicht als gelehrsames Vitrinen- und Schaukastenkonglomerat, sondern als internationale Dialogplattform. 480 Veranstaltungen mit 55.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben hier 2022 stattgefunden, 670 Künstlerinnen und Künstler aus 40 Nationen waren am Programm beteiligt.

Und wie geht es weiter? David Blankenstein, der bereits die kleine Humboldt-Ausstellung im Erdgeschoss des Hauses kuratierte, koordiniert nun einen Programmschwerpunkt, der sich im Frühjahr einem tabuisierten Thema zuwenden wird: dem Tod als Teil menschlicher Lebenserfahrung. Dazu gehört eine vom Schweizer Ausstellungsmacher Detlef Vögeli kuratierte und vom britischen Theaterdesigner Tom Piper in Szene gesetzte, immersive Schau, in der Stimmen aus verschiedenen Glaubensrichtungen mitsamt ihren Jenseitsvorstellungen ebenso zu Wort kommen sollen wie wissenschaftliche Positionen aus der Neurologie und Erfahrungswerte aus der medizinischen Sterbebegleitung.

Am dritten Märzwochenende ist zudem zum 175. Jahrestag der Revolution von 1848 ein „Wochenende der Demokratie“ vorgesehen – auch im Gedenken an den Ort, an dem sich das Humboldt Forum heute befindet. Gleiches gilt für eine Sonderschau zum Palast der Republik, die für 2024 im Kalender markiert ist. Und nachdem sich das Open-Air-Musikfestival „Durchlüften“ als Magnet für Besucherinnen und Besucher erwiesen hat, wird es vom 13. Juli bis 5. August zum dritten Mal im Schlüterhof des Humboldt Forums stattfinden. Für die schon länger angekündigte, umlaufende Leuchtschrift an der Kuppel als künstlerische Reaktion auf deren umstrittene Beschriftung ist nun der kommende Winter Jahres avisiert.

Ständige Veränderung als Teil der Identität

Dorgerloh reagiert auf die anhaltenden Gerüchte, die Berlin-Ausstellung könne sich aus dem Humboldt Forum zurückziehen, mit dem Verweis darauf, dass bei seinem Haus die ständige Veränderung zur Identität gehöre. Anstelle der Bestände eines weiteren Museums – diskutiert wird etwa das Museum Europäischer Kulturen in Dahlem – könne er sich aber ebenso gut eine Rückkehr zu der ursprünglich vorgesehenen Bibliothek, eine Musikschule oder andere interaktive Angebote vorstellen. Über die Verlängerung des im Mai auslaufenden Vertrages von Dorgerloh entscheide in den kommenden Monaten der Stiftungsrat des Humboldt Forums, ein Termin dafür werde derzeit gesucht. Und was, wenn die Entscheidung gegen ihn ausfällt? Er habe keinen Plan B, sagte Dorgerloh.