Deutsche Historische Museum

Die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt neu entdecken

Das Deutsche Historische Museum zeigt eine Schau über die Humboldts. Ein Gespräch über die Zeit um 1800 und die Lebensspuren der Brüder

Bénédicte Savoy und David Blankenstein vor einer Schautafel der Ausstellung.

Bénédicte Savoy und David Blankenstein vor einer Schautafel der Ausstellung.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Vom 21. November 2019 bis zum 19. April 2020 zeigt das Deutsche Historische Museum mit etwa 350 Objekten die erste große Ausstellung zu den Brüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt in Deutschland. Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und ihr Kollege David Blankenstein beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem Zeitalter der Humboldts. Wir trafen sie im Deutschen Historischen Museum zum Gespräch.

Frau Savoy, Herr Blankenstein, von den Humboldt-Brüdern gibt es fest gefügte Bilder. Alexander gilt als Weltentdecker und Naturforscher, Wilhelm eher als Privatgelehrter. Wollen Sie diese Vorstellung korrigieren?

David Blankenstein Korrigieren ist vielleicht nicht das richtige Wort. Im Grunde genommen geht es darum, dass wir als Historiker unsere Arbeit machen. Wir sind zur Vorbereitung dieser Ausstellung erst einmal in Archive und Sammlungen gegangen und haben nachgesehen, was es eigentlich zu diesen beiden Brüdern gibt. Natürlich findet so etwas im Kontext von Forschungsliteratur statt, die sehr reich ist, zu beiden Brüdern. Das fördert das Entstehen von neuen Fragen, die oft viel komplexer sind als die Folien, die es schon gibt. Eine Ausstellung ist ein sehr dankbares Format, sich dem zu nähern, weil sie mit Ursprungsobjekten und Materialien arbeiten kann.

Bénédicte Savoy Wir sind nicht mit der Absicht an das Projekt gegangen, an irgendwelchen Bildern zu rütteln. Wir forschen beide schon lange in der Zeit um 1800, der Zeit, in der die Humboldts lebten – ich seit 20 Jahren, David seit zehn Jahren. Für uns war es einfach eine Selbstverständlichkeit, das, was war, denen zu präsentieren, die mit den beiden Brüdern nicht so vertraut sind. Wir kämpfen also nicht gegen irgendwas, sondern für eine bessere Kenntnis von historischen Zusammenhängen. Ein Haus wie das Deutsche Historische Museum ist ein extrem guter Ort, dieses Wissen öffentlich zugänglich zu machen. Wir können nicht von einer historischen „Wahrheit“ sprechen. Aber wir können zeigen, was die Tatsachen waren: Mit welchen Koffern sind die Leute damals gereist und unter welchen Bedingungen? Wer hat sie getragen? Wie war es überhaupt möglich, nach Amerika zu reisen, warum hatte Humboldt einen spanischen Pass? Warum hat er 25 Jahre in Paris gelebt? So ein Haus wie dieses, mit seiner unglaublichen Offenheit auch für solche Fragen, ist der perfekte Ort dafür.

Die Humboldts und ihr Berlin: Die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt neu entdecken

Blankenstein Es ist auch ein perfekter Ort, um ein bisschen unbequemer zu werden. Auch Historiker können in Muster verfallen. Aber eine Ausstellung kann dazu anregen, diese Muster infrage zu stellen und neue Beziehungen herzustellen. Und sei es über den großen Teich hinweg: Mit Leuten in Lateinamerika zu reden, die auch ihre Humboldt-Bilder haben, die auch ihre ganz eigenen Problemstellungen haben und eine sehr lange Geschichte mit dieser Persönlichkeit verbinden. Das hilft, komplexer zu werden, wenn wir über Alexander von Humboldt sprechen. Ist es der gleiche Nationalheld, der auf dem Sockel steht wie hier?

Den Humboldts werden gern zeitgenössische Etiketten aufgeklebt. Ihnen wird dann Relevanz im Hinblick auf den Klimawandel, die Digitalisierung oder ähnliches attestiert.

Savoy Uns ist es auch ein Anliegen, dass das Interessante an solchen historischen Figuren vielleicht gar nicht diese großen Themen sind. Für mich war der Brief des 19-jährigen Alexander von Humboldt ein besonderes Fundstück. Er schreibt: „Ich fühle mich so einsam in diesem Berlin. Es gibt hier niemanden, der mit mir in den Tiergarten geht, um Pflanzen zu pflücken. Es sind 145.000 Personen hier, und es gibt keinen, der mit mir Blumen pflücken geht.“ Diese Einsamkeit des 19-Jährigen finde ich sehr rührend, und sie hat auch einen direkten Bezug zu uns. Melancholie, Einsamkeit, der Berliner Winter: Der war auch schon um 1800 genauso grau wie heute. In solchen Zeugnissen verringert sich die historische Distanz. Plötzlich sind das Leute wie wir. Weil sie mit ihren Emotionen in die Welt gegangen sind und über diese Emotionen schreiben. Diese kleinen Sachen anfassbar zu machen, war mir ein Anliegen.


Wie liefen Ihre Recherchen ab?

Blankenstein Wir sind viel gereist. Ich war mit unserem Projektleiter Arnulf Scriba in Quito, zum Beispiel in den Archiven des ecuadorianischen Kultusministeriums, wo der Reisepass Alexander von Humboldts aufbewahrt wird. Und eine Menge an Kartenzeichnungen, Briefen, die die Welt noch nicht kennt, weil sie noch nie digitalisiert wurden. Wir konnten im Baskenland in Museumssammlungen, Bibliotheken und Archive gehen und dort nachspüren, was Wilhelm von Humboldt und seine Familie für Spuren hinterlassen haben. Wir kennen den Berliner Kontext sehr gut, weil wir einfach hier forschen. Und wir kennen seit einiger Zeit auch den Pariser Kontext sehr gut, weil wir uns Zeit genommen haben, das auch einmal systematisch genau anzugehen. Selbst in den Archiven der Porzellanmanufaktur von Sèvres vor den Toren von Paris liegen Dinge, die mit Alexander unmittelbar zu tun haben.

Savoy Uns war es auch sehr wichtig, in der Ausstellung zu erklären, warum sich die Objekte heute an den jeweiligen Orten befinden. Zum Beispiel der berühmte Schreibtisch von Alexander von Humboldt, der ist in Paris, weil sich Preußen damals, als er nach Humboldts Tod versteigert wurde, dafür nicht interessiert hat. Alexander von Humboldt war damals ein französischer Held. Beide Humboldts haben Spuren hinterlassen wie wir alle. Wenn man ein bewegtes Leben hat, dann sind diese Spuren eben an vielen verschiedenen Orten. Man macht da sehr spannende Entdeckungen.

Ein Beispiel?

Savoy Alexander von Humboldt hat ein Krokodil in den Sammlungen des Papstes beschrieben. Als er aus Amerika zurückkam, hat er seinen Bruder besucht, deshalb war er in Rom. Dort hat er ein Krokodil aus Marmor beschrieben. Uns kam die Idee: Vielleicht gibt es dieses Krokodil ja noch, lass’ uns das mal überprüfen. Und plötzlich kam eine SMS von David: Ja, das gibt es noch! Und jetzt können wir es hier ausstellen.

Gab es im Fall Wilhelms ähnliche Funde?

Savoy Ja, und zwar auch einer, der sich aus der Verflechtung von Informationen ergeben hat. Wilhelm von Humboldt war mit seiner schwangeren Frau und drei Kindern im Baskenland unterwegs. Er führte damals ein Tagebuch, was üblich war, wenn man reiste. Über eine andere Quelle erfuhren wir, dass ein junger französischer Maler genau am selben Tag da war. Und dann kommt man auf die Idee: Wenn da ein Maler war an diesem Tag, und auch die Familie Humboldt – und das ist ein Dorf mitten im Nichts –, dann ist vielleicht was passiert. Wir gingen auf die Suche und stießen auf ein Landschaftsgemälde mit kleinen Figuren unten, das war die Familie Humboldt. Solche Funde machen eine große Freude.

Sie zeigen in der Ausstellung auch einen originalen Pferdekopf der Quadriga.

Savoy Meine erste Begegnung mit den Humboldts war meine Dissertation über Napoleons Kunstraub in Deutschland, und die Quadriga gehört prominent zu den Hunderten von Objekten, die damals nach Frankreich abtransportiert wurden. Sowohl Alexander als auch Wilhelm von Humboldt waren als Akteure in diesen großen Kunstraub verwickelt. Die Namen tauchen auf, und zwar oft. Bei Alexander ist das so, dass der französische Beschlagnahmekommissar Dominique-Vivant Denon, der auch Louvre-Chef war, nach Berlin kam, um sich zu bedienen. Alexander war in Berlin sein bester Freund und hat ihn überall eingeführt in der Gesellschaft.

Auch ein Stuhl vom Wiener Kongress 1815 wird zu sehen sein. Wilhelm von Humboldt hat wohl darauf gesessen.

Blankenstein Auf dem Wiener Kongress waren ja eine Menge Leute unterwegs als die Bevollmächtigten aus allen europäischen Ländern. Der Stuhl gehört zu einer Serie von 20 Exemplaren, auf denen die damals saßen und mit ihren Verhandlungen beschäftigt waren. Der Wiener Kongress war ein politisches Ereignis, wie es es nie noch nicht gegeben hatte. Nie zuvor hatte man derart konzentriert darüber nachgedacht, was Europa eigentlich ist und was es sein sollte. Das hat für uns auch eine Aktualität. Damals waren auch schon Devotionalien dieses Ereignisses begehrt, und damals hat sich der britische Außenminister Robert Stewart Viscount Castlereagh diesen Stuhlsatz aushändigen lassen und auf sein Landgut mitgenommen in Nordirland. Dort stehen sie seitdem. Die Schlösser gehören zum National Trust, und die Familienerben haben nochmal eine kulturelle Erweiterung gemacht und haben eine neue Stoffbespannung aufziehen lassen. In einem Nonnenkloster in Frankreich sind dann die Wappen aufgebracht worden. Hinten auf dem Stuhl steht allerdings der Name von Wilhelm drauf. So passieren auch Verwechslungen: Bei Hardenberg zum Beispiel ist nicht der preußische Adler abgebildet, sondern der österreichische.

Was hat es mit dem Krokodil aus dem Vatikan auf sich?

BlankensteinEs ist vielleicht ein Zufall, dass wir in Humboldts Reisetagebüchern mit der Hilfe einer französischen Wissenschaftshistorikerin herausgefunden haben, dass er oft in den vatikanischen Sammlungen unterwegs war. Es gibt dann die Tagebuchseite, auf der man das Krokodil aus weißem Marmor aus Paros sieht. Er beschreibt die Zähne, die Krallen und kritisiert, wie fehlerhaft die eigentlich gemacht sind. Er vergleicht dieses Krokodil mit eigenen Forschungen, er hat ja selbst Krokodile seziert und Zeichnungen dieser Sektionen gemacht.

Hat Ihnen ein Objekt besonders große Freude gemacht?

Savoy Der Chiffren-Brief vielleicht. Die jungen Leute haben sich damals in Berlin in Salons getroffen, die mehr oder weniger erotisch waren. Wilhelm von Humboldt brannte für Henriette Herz. Sie hat ihm und anderen beigebracht, in hebräischer Kurrentschrift deutsche Sätze zu schreiben. Wenn sie sich interessante Briefe schicken und zugleich vermeiden wollten, dass alle mitlesen, konnte man mit diesem Trick geheime, chiffrierte Botschaften übermitteln.

Und was steht drin?

Blankenstein: Sehr viel Schwärmerisches, aber auch so eine Art von Selbstoffenbarung, wie er überhaupt zu einem erwachsenen, sentimentalen, erotischen Menschen geworden ist. Eine Beschreibung seiner ersten Beziehungen körperlicher Art und wie seine Mutter das durchaus gefördert hat. Er schreibt auch, dass seine Mutter früher kein Kind von Traurigkeit gewesen sei.

.