Nachruf

Abschied von einer Legende: Zum Tod von Günter Lamprecht

| Lesedauer: 10 Minuten
Peter Zander
Ein großer Mann auf der Bühne, im Film und im Fernsehen: der Schauspieler Günter Lamprecht.

Ein großer Mann auf der Bühne, im Film und im Fernsehen: der Schauspieler Günter Lamprecht.

Foto: Henning Kaiser / dpa

Er war ein Ausnahmeschauspieler, der immer auch aus seinem eigenen Leben schöpfte. Nun ist Günter Lamprecht mit 92 Jahren gestorben

Er war immer authentisch. Auch wenn er das Wort schrecklich fand: Er musste immer hinter einer Figur stehen, musste sich ganz in sie hineindenken. Sonst konnte er sie nicht spielen. Und er spielte dann mit Haut und Haar, was bei ihm auch bedeutete: mit seiner stattlichen Statur. Damit wurde Günter Lamprecht zu einem Ausnahmeschauspieler, einem Unikat, der gleich mehrfach Film- und Fernsehgeschichte mitschrieb.

Ein Star aber war er nie. Das hat er auch nie gewollt. Den Teppichrummel hasste er. Er war wohl genauso gebrochen wie viele seiner Figuren. Das machte sie ja so realitätsnah. Am 4. Oktober ist der große Schauspieler nun, wie erst am 7. Oktober bekannt wurde, im Alter von 92 Jahren gestorben.

Proletarische Figuren verstand er besser als andere Schauspieler

Es sind zwei Rollen, die man sofort mit ihm verbindet. Zwei Figuren, die er nicht nur verkörpert, sondern geatmet, durchgrübelt und durchschwitzt hat: der Franz Biberkopf in Rainer Werner Fassbinders berühmt-berüchtigter Serienverfilmung „Berlin Alexanderplatz“.

Und sein „Tatort“-Kommissar Markowitz, den er von 1991 bis 1995 gespielt hat. Er war aber auch ein bärbeißiger Kapitän in Wolfgang Petersens „Das Boot“ (1980) und spielte immer wieder zwielichtige Machtfiguren, die diese Macht auch missbrauchen konnten, und schwierige Existenzen, die gebrochen und zerrissen waren. Wie ja auch sein Leben vielfach zerrissen war.

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Davon erzählte er in „Und wehmütig bin ich immer noch“, seinem ersten Erinnerungsband über seine Jugend in Berlin. Er beschrieb da als 70-Jähriger, wie er 1930 in einem Hinterhof in Berlin geboren wurde, in einfachen proletarischen Verhältnissen, aus denen er nie einen Hehl gemacht hat. Leicht hätte daraus eine verkorkste Existenz werden können. Sein Vater, ein überzeugter SA-Mann, schlug im Suff seine Frau, was der Sohn stets auszublenden versuchte.

Er hat sich dann in jungen Jahren selbst oft geprügelt, nicht nur in einem Boxclub, wurde noch in den letzten Kriegstagen in den Ruinen von Berlin als Pimpf eingezogen, und gehörte nach dem Krieg einer Gang junger Diebe an, die, nach seiner eigenen Aussage, „wie die Raben klauten“. Nur vier Jahre ist Lamprecht zur Schule gegangen, eine Dachdeckerlehre hat er abgebrochen. Seine spätere Karriere war durchaus nicht vorgezeichnet.

Seine Karriere begann wie durch ein Wunder

Aber dann das Wunder, als eines Nachts ein Freund im Rausch meinte: „Günter, du musst Schauspieler werden.“ Und Lamprecht, obwohl völlig unbelesen, sich wirklich auf die renommierte Max-Reinhardt-Schule in West-Berlin bewarb. Und aufgenommen wurde. Auf der Bühne, erst in kleineren Rollen am Schiller-Theater, dann in ersten festen Engagements in Bochum und Oberhausen, spielte er vor allem – proletarische Figuren, einfache Männer aus dem Volk wie den Stanley Kowalski in „Endstation Sehnsucht“ oder den John in Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“.

Seine Herkunft aus dem Proletariat hat er nie verleugnet, sie kam ihm zupass, denn diese Rollen verstand, ihre Probleme kannte er. „Darum“, erklärte er einmal mit sympathischem Hang zur Uneitelkeit und Untertreibung, „gelingen mir diese Figuren vielleicht besser.“

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Bald folgten erste TV-Auftritte. 1970 war er auch schon in der allerersten „Tatort“-Folge „Taxi nach Leipzig“ mit dabei, wenn auch nur in einer winzigen Rolle als DDR-Grenzer. Für „Das Brot des Bäckers“ (1976) erlernte er den Beruf, buk wochenlang frühmorgens Brötchen, um das nicht spielen zu müssen, sondern wirklich verkörpern zu können. In „Rückfälle“ (1977) spielte er einen Alkoholiker – und konnte dabei auch das schwierige Verhältnis mit seinem eigenen Vater aufarbeiten. Und dann kam Fassbinder, der ihn erst für kleinere Rollen in „Martha“ (1973) und „Die Ehe der Maria Braun“ (1978) besetzte und dann unbedingt für seinen Lebenstraum haben wollte.

Zwei Paraderollen: als Franz Biberkopf und Berliner „Tatort“-Kommissar

Immer schon hatte Fassbinder Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ verfilmen wollen. Und Lamprecht, der Ur-Berliner, war sein Idealwunsch als Franz Biberkopf. Die Serie hat 1980 Geschichte geschrieben: als damals längster und teuerster Fernsehmehrteiler. Vor allem aber, weil Fassbinder mit lichtempfindlichem Kinomaterial drehte – und auf den meisten Fernsehbildschirmen nichts zu sehen war.

Das ist heute, in digitalen Zeiten, längst vergessen. Die Serie hat allerdings Patina angesetzt. Aber die schauspielerische Leistung von Lamprecht ist immer noch bestechend. Auch hier war seine Herkunft aus Berliner Hinterhöfen wieder kein Hindernis, sondern eine echte Bereicherung. Er war Biberkopf, verschmolz mit dieser Figur.

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Und das gelang ihm noch ein zweites Mal mit seinem TV-Kommissar Markowitz. Das Angebot, beim „Tatort“ einzusteigen, hat er erst lässig abgelehnt, dann aber doch angenommen. Unter einer Bedingung: dass er sich die Figur selbst erfinden dürfe.

Er hat sich sogar die Rechte an der Figur gesichert. Etwas, wovon jeder andere Kommissarsdarsteller nur träumen kann. Heinz Drache war gerade als soignierter Ermittler aus den besseren Kreisen geschasst worden, für den ersten Gesamt-Berliner „Tatort“-Kommissar schwebte der ARD ein zweiter Schimanski vor.

Ein Kommissar, der die Menschen von der Straße verstand

Lamprecht entwarf stattdessen einen „Maigret für Neuköllner“, wie er es selbst nannte, mit Trenchcoat und, fast schon altmodisch, Hut. Einer, der selbst aus dem Osten kam, aber in den Westen geflohen war und in dessen Figur sich die Risse, die durch die Gesellschaft gingen, spiegeln sollte.

Einer, der die Ängste und Sorgen der einfachen Menschen verstand, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln fuhr und die Waffe stets im Büro vergaß. Die ARD-Oberen sollen nie ganz glücklich gewesen sein mit diesem Markowitz, die Quoten sprachen aber für sich. Und als Lamprecht nicht mehr weitermachen wollte, hat er die Figur, an der er ja die Rechte hielt, auf der Bühne weiterleben lassen.

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Günter Lamprecht war nie der große Schauspieler in dem Sinne, dass er hinter seinen Rollen verschwand und immer ein ganz anderer wurde. Er ging den umgekehrten Weg, hat immer die Wurzeln der Rolle in sich selbst erspürt, mit seiner Persönlichkeit aufgefüllt und so zu etwas ganz Eigenem gemacht. In den letzten 20 Jahren aber hat er sich immer rarer gemacht.

Es kamen zwar auch nach dem „Tatort“ weiter Angebote, aber „die Bücher wurden immer schlimmer“, hat er das bitter kommentiert, „und ich wurde immer zögerlicher.“ Bei der 1000. „Tatort“-Folge, die wieder „Taxi nach Leipzig“ hieß, hatte er 2016, wie andere Beteiligte der allerersten Folge, einen charmanten Gastauftritt. Und einen letzten großen Auftritt absolvierte er noch mal 2017 in der Serie „Babylon Berlin“ als Reichspräsident Hindenburg. Noch so eine schwierige Autoritätsfigur.

Die Angebote wurden „immer schlimmer“; er selbst „immer zögerlicher“

Als Ur-Berliner hat es Lamprecht in der Mitte seines Lebens in den Kölner Raum verschlagen. Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit war nicht der Einzige, der ihn immer wieder fragte, warum er nicht in seine Geburtsstadt zurückkehren wolle. Die hat er aber nie ganz verlassen, mit einem Bein (und einer Zweitwohnung) stand er immer in Berlin.

„Die Kölner sagten immer, ich sei Berliner. Die Berliner, ich sei Kölner“, meinte er dazu verschmitzt. „Ich sagte immer, ich sei Neukölner. Das konnte man sich mit einem oder mit zwei ,l‘ denken.“ Hier hat sich Lamprecht allerdings wohl getäuscht. Mit seinen Paraderollen bleibt er für immer der Inbegriff des waschechten Berliners.

Dem Tod hat der Schauspieler schon mehrfach ins Auge sehen müssen. In den letzten Tagen des Kriegs hat er, mit 15, unweit der Berliner Reichskanzlei, noch einen Streifschuss abbekommen. Und ein traumatisches Erlebnis war der Amoklauf in Bad Reichenhall, wo am 1. November 1999 ein 16-Jähriger vier Menschen erschoss und fünf weitere Verletzte, bevor er sich selbst das Leben nahm.

Der Amoklauf in Bad Reichenhall: Ein Schock, den er nie ganz verwunden hat

Lamprecht und seine Lebensgefährtin Claudia Amm waren damals schwer verletzt worden. Eine ganze Stunde lang lagen sie in ihrem Blut, bis ein Sanitäter den Mut aufbrachte, sie aus dem Schussfeld zu bringen. Ein Schock, den Lamprecht nie ganz verwunden hat.“ Alle 14 Tage“, gestand er zehn Jahre danach in der Sendung „Menschen bei Maischberger“, „träume ich, dass hingerichtet werde.“

Auch das war wohl ein Grund, warum er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Er hat gottlob noch lange weiterleben dürfen und ist nun im seligen Alter von 92 Jahren in seiner zweiten Heimat in Bad Godesberg gestorben. Seine bewegte Vita hat er mit typischem Berliner Witz, im zweiten Teil seiner Memoiren, den er 2009 schrieb, auf den Punkt (und den Titel) gebracht: „Ein höllisches Ding, das Leben“.