Serienkritik

Was "Babylon Berlin" zur besten deutschen TV-Serie macht

An diesem Freitag startet die teuerste und beste deutsche Serie „Babylon Berlin“. Erst mal nur auf Sky. Der Aufwand hat sich gelohnt.

Foto: Frédéric Batier / obs

Es brodelt hier. Unentwegt und überall. Im Vergnügungspalast Moka Efti tanzen die, die es sich leisten können, ausgelassen, als gebe es keinen Morgen mehr, und geben sich im Keller noch ganz anderen Gelüsten hin. In den Arbeitervierteln gärt es ebenfalls. Da will man das Elend nicht länger hinnehmen und plant einen bewaffneten Umsturz. Die ganze Stadt steht unter permanenter Anspannung. Wo die Verbrecher ihren kriminellen Machenschaften in wohlorganisierten "Ringvereinen" nachgehen und die Polizei lieber dazu rüstet, die Arbeiter niederzuschießen.

Und auch in Kommissar Gereon Rath brodelt es: Er ist kriegstraumatisiert und kann seine Panikattacken nur mit Morphium betäuben. All das Elend, all das Laster, das um ihn tobt, sind das nur Phantasmen in seinem Rausch, oder ist das alles echt?

Zwölf Stunden erlebte Geschichte im XXL-Format

Heute hat der Bezahlsender Sky die Nase einmal ganz vorn. Das hat er sonst ja eher bei Sportereignissen. Am heutigen Freitag aber startet eine Serie, die nicht nur die bislang teuerste ist, die je fürs deutsche Fernsehen produziert wurde, sondern, hier darf man getrost mit Superlativen um sich werfen, das Beste ist, was man hierzulande zu sehen bekommen kann: "Babylon Berlin", eine Krimiserie in zwei Staffeln.

Alles ist historisch an diesem Zwölfstünder: Gleich drei Regisseure haben die Serie geschrieben und gedreht, und nicht etwa jeder eine Folge für sich, sondern alle alles zusammen. Dafür ging erstmals ein öffentlich-rechtlicher Sender, die ARD, mit einem Bezahlsender einen Deal ein. Und die 40 Millionen Euro, die ausgegeben wurden, man sieht in jeder Szene, wo sie stecken und dass sie es wert waren: Massen von Nebendarstellern und Statisten, Milieus, die akribisch recherchiert und nachgebaut wurden.

"Babylon Berlin" wirft einen gelungenen Blick auf das Berlin des Jahres 1929, am Scheideweg zwischen der Weimarer Republik und der dräuenden NS-Barbarei. Aber all das ohne den wissenden Blick der Nachgeborenen, sondern aus dem Blickwinkel jener, die die Zeit erleben – und erleiden. Es ist das, was man gemeinhin Sittengemälde nennt. Auch wenn man hier besser gleich von einem Sittentableau sprechen sollte. Erlebte Geschichte im XXL-Format.

Niemand, nicht einmal Volker Kutscher selbst, hat sich wohl ausmalen können, welcher Erfolg seinen Büchern beschieden sein sollte, als er 2006 mit einer Krimireihe im historischen Berlin um Kommissar Gereon Rath begann. Eine Reihe, die von Anfang an kühn auf acht Bände angelegt war, wobei jeder ein Jahr später spielt, immer an einem Reizdatum dieses Jahres. Der sechste Band (1934) ist vor einem Jahr erschienen, längst plant Kutscher, noch weiterzugehen, bis 1938. Und eine immer größere Fangemeinde fiebert schon auf das nächste Buch. Zu ihnen gehörte auch Tom Tykwer, der das TV-Ereignis entscheidend vorangetrieben hat.

Die ersten zwei Staffeln beinhalten nicht etwa mehrere Bücher, sondern nur das erste, "Der nasse Fisch". Das führt zu dem seltenen Fall, dass in einer Verfilmung einmal nicht verdichtet und verknappt, sondern im Gegenteil zusätzliche Figuren und Stränge hinzu erfunden werden mussten. Kutscher will zwar Historie erfahrbar machen, bei ihm steht aber in jedem Band ein abgeschlossener Kriminalfall im Zentrum.

Bei den Regisseuren und Drehbuchautoren Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten ist der Krimi dagegen Nebensache. Ihnen geht es wirklich darum, das historische Berlin abzubilden, in all seinen Facetten. Dabei gibt es auch etliche Parallelen zur Gegenwart: Bei den Orgien im Moka Efti denkt man sofort an die Techno-Welle der 90er, und beim Thema Rechtsruck wurde das Team beim Dreh von der Realität eingeholt.

Moloch Berlin: Von Anfang an haben die Bilder einen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Der süchtig macht. Am liebsten würde man alle Folgen am Stück "binge-watchen". "Babylon Berlin" hat Weltklasse, man kann die Serie vom Aufwand, aber auch vom Anspruch und von der Sorgfalt her nur mit US-Produktionen wie "Boardwalk Empire" oder "Mad Men" vergleichen.

Und die Schlappe, die noch "Deutschland 83" getroffen hat – dass eine Serie international gefeiert wurde, aber ausgerechnet im Herkunftsland gefloppt ist –, die wird sich wohl nicht wiederholen. "Babylon Berlin" hat sich schon in 60 Ländern verkauft. Und dass Quote hier nicht das Wichtigste ist, beweist die ARD schon durch den Langmut, dass sie sich bis Ende nächsten Jahres Zeit lässt für ihre Ausstrahlung.

Sorgen muss man sich höchstens um die Regisseure machen. Die wollen unbedingt weiter machen, planen tatsächlich, sämtliche Kutscher-Romane zu verfilmen. Das wird dann ein Lebensprojekt. Und zwar ein dreimaliges, bei dem die Einzelkarrieren hintanstehen. Auch das ist eine Teamarbeit, wie es sie bislang nicht gegeben hat.

"Babylon Berlin" auf Sky, immer freitags eine Doppelfolge, 20.15 Uhr. Ab 24. November alle Folgen als Boxset. Ende 2018 dann in der ARD.

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