ARD-Krimi

Warum „Taxi nach Leipzig“ ein würdiges „Tatort“-Jubiläum ist

Großes Fernsehen zum 1000. „Tatort“: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) gemeinsam im Einsatz.

Müssen um ihr Leben bangen: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg).

Müssen um ihr Leben bangen: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg).

Foto: Meyerbroeker / NDR

Leipzig.  „Ich bleibe entspannt“, sagt eine seelenlose Stimme, „dieser Tag kann mir nichts anhaben.“ Man muss kein Krimi-erprobter Mensch sein, um zu ahnen, dass der junge Mann, der auf dem Weg zu seinem Taxi ist, ganz und gar nicht entspannt bleiben wird. Weil er erfahren hat, dass seine Ex-Freundin in Leipzig seinen Erzfeind heiraten wird.

Wenig später hocken zwei Kommissare gefesselt auf dem Rücksitz, und der 1000. Tatort nimmt Fahrt auf. „Taxi nach Leipzig“ hieß auch der erste Fall vor 46 Jahren. Und wenn man an einen Jubiläums-Tatort besonders hohe Ansprüche stellen mag: Dieser von Alexander Adolph erfüllt sie mit Bravour.

Zwei Ermittler im Einsatz

Zur Feier des Tages dürfen gleich zwei Ermittler ran, der kühle Sezierer Borowski (Axel Milberg) aus Kiel und die impulsive Charlotte Lindholm aus Hannover (Maria Furtwängler). Den Täter ermitteln müssen sie nicht, es geht darum, in seine Gedankenwelt einzudringen.

Ein ehemaliger Elitesoldat (Florian Bartholomäi) sitzt am Steuer, der die beiden Polizisten samt ihrem nervtötenden Kollegen Affeld (Hans Uwe Bauer) auf der Flucht vor einem gräulichen Fortbildungsseminar zum Braunschweiger Bahnhof kutschieren soll. Doch da kommen sie nicht an: Als Affeld den Taxifahrer zum Anschnallen zwingen will, bricht der ihm mit einer Handbewegung das Genick, Borowski und Lindholm überwältigt er. Sein verhasster Rivale und ehemaliger Vorgesetzte (Trystan Pütter) feiert fröhlich Junggesellenabschied, nichts ahnend, dass sich ein Taxi mit menschlicher Zeitbombe nähert.

Faszinierendes Machtspielchen

Kann man zwei Drittel eines Krimis ins Innere eines Fahrzeugs verlegen? Kann man. Und es funktioniert, weil die drei Insassen ein faszinierendes Machtspielchen aufziehen, in dessen Verlauf als besonderer Clou umherschwirrende Gedanken zwischen Lösungssuche und Kindheitserinnerungen hörbar werden. „Ich zwinge mich, nicht zu schwitzen“, sagt Borowski, als er hinter seinem Rücken an den Fesseln herumpuhlt. Ein wunderbarer Kniff.

Axel Milberg dabei zuzusehen, wie sein Borowski mit Psychotricks versucht, die Regie im Wagen zu übernehmen und sich über die Kollegin ärgert (sensibel wie ein Schneepflug), deren Strategie die Provokation ist, um den Mann am Lenkrad aus der Reserve zu locken, ist ein Vergnügen. Vor allem, weil die meisten Versuche kläglich scheitern. Aber auch Furtwängler hat ihre starken Momente, nicht nur, wenn der Entführer Lindholm mit der Pistole am Kopf demütigt und sie auf Knien um ihr Leben flehen muss.

Zwischen Bedrohlichkeit und Empathie

Florian Bartholmäi ist ein würdiger Gegenspieler, der auf dieser nächtlichen Fahrt über Landstraßen die Verzweiflung unterdrückt, aber jederzeit durchdrehen kann, wie es einst Scorseses „Taxi Driver“ Travis Bickle tat, der den Abschaum von New Yorks Straßen spülen wollte. Bartholomäi gelingt der Spagat zwischen Bedrohlichkeit und Empathie vortrefflich, dieser Entführer ist keine Maschine.

Alexander Adolph spitzt die Konflikte bis zum dramatischen Finale perfekt zu und dringt in dieser Mischung aus Thriller und Psycho-Kammerspiel erstmals auch tief in die Seelen der beiden Ermittler ein, denen man nie so nahe gekommen ist: Lindholm mit ihren Ängsten vor dem Alleinsein, Borowski mit dem Eingeständnis, dass man ihn einfach fürchterlich finden muss. Die Sympathien seiner Kollegin Lindholm hat er am Ende immerhin sicher. Und wie er einen Keks in eine Waffe verwandelt, das soll ihm erst mal einer nachmachen.

Fazit: Ein würdiges „Tatort“-Jubiläum.

ARD, 13. November, 20.15 Uhr