Nachruf

Wolfgang Petersen ist tot: „Eine große, liebevolle Seele“

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Wolfgang Petersen starb mit 81 Jahren im Kreis seiner Familie.

Wolfgang Petersen starb mit 81 Jahren im Kreis seiner Familie.

Foto: Franck Robichon / dpa

Er drehte Klassiker wie „Das Boot“ und „Air Force One“: Mit Wolfgang Petersen ist einer der ganz großen deutschen Filmregisseure gestorben.

Die bewegendste Reaktion auf die Nachricht vom Tode Wolfgang Petersens kam von Jürgen Prochnow. Der Schauspieler hat schon früh mit dem Regisseur gearbeitet – nicht erst für „Das Boot“, das beide weltberühmt machte, auch schon in frühen „Tatort“-Folgen und im Schwulendrama „Die Konsequenz“, der vor 50 Jahren ein kleiner TV-Skandal war. Aber auch in Hollywood haben Petersen und Prochnow zusammengearbeitet. Und sie verband eine lebenslange Freundschaft.

„Danke, Wolfgang, für die vielen Tage und Stunden, die ich mit Dir verbringen durfte“, schrieb der Schauspieler nun, den der Tod des gleichaltrigen Freundes „zutiefst erschüttert und sehr, sehr traurig“ macht: „Was bleibt, sind die Erinnerungen, Erinnerungen an einen wunderbaren Regisseur und Freund.“

„Wolfgang war eine große, liebevolle Seele“

Petersen ist bereits am vergangenen Freitag mit 81 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben, wie seine Assistentin erst am Dienstag bekannt gab. Er sei friedlich im Kreise seiner Familie in seinem Haus in Los Angeles gestorben. Auch andere Größen der Filmwelt drückten ihre Bestürzung aus. Er war „ein Mann voller Lebensfreude, der das tat, was er am meisten liebte“, schrieb Glenn Close, die „Air Force One“ mit ihm drehte. „Mein Herz ist heute traurig“, attestierte Diane Lane, die in „Der Sturm“ mitspielte: „Wolfgang war eine große, liebevolle Seele.“

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1941 in Emden geboren, gehörte Petersen zur berühmten ersten Generation der Film- und Fernsehakademie Berlin 1966. Neben Hartmut Bitomsky und Harun Farocki, die mit Film vor allem politische Agitation leisten wollten. Petersen stand dagegen für ein ganz anderes Kino: große Emotionen, Spektakel, Stars, Unterhaltung. Schon mit 12 Jahren, gestand er uns einmal in einem Interview, wollte er Filmregisseur werden: „Und größenwahnsinnig hab‘ ich immer von Hollywood geträumt.“ Die Kommilitonen nannten ihn naserümpfend „Kuchenfilmer“.

Er drehte Filme, an die in Deutschland keiner glaubte

Sie rümpften auch die Nase, als er zum Fernsehen ging. Aber keiner hatte damals auf Filmhochschulabsolventen gewartet. Petersen wollte einfach arbeiten. Und sagte sich: „Mach erst mal Fernsehen, Kino muss dann halt noch warten.“ Er drehte für die noch junge Krimireihe „Tatort“ sechs Folgen, die letzte, „Reifezeugnis“, für die er 1977 Nastassja Kinski entdeckte, gilt noch heute als beste Folge der Reihe.

Politisch waren seine Fernsehfilme aber auch: In „Smog“ (1973) wurde erstmals das Thema Umweltverschmutzung verarbeitet und in „Planübung“ (1977) der Kalte Krieg heiß gemacht. Diese Arbeiten fuhren damals Traumquoten ein und wurden breit diskutiert.

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Mit „Das Boot“ bekam Petersen 1981 endlich die Chance auf einen Kinofilm. Und schuf einen Klassiker, berühmt für seine klaustrophobischen Bilder. Dafür aber erhielt der bis dahin erfolgsverwöhnte TV-Mann seine ersten, teils hämischen Verrisse.

Man warf ihm eine falsche Haltung vor, weil er nicht die üblichen bösen Klischee-Nazis zeichnete, ja sogar Kriegsverherrlichung. Im Ausland wurde „Das Boot“ dagegen frenetisch gefeiert, in Hollywood gab es dafür gleich sechs Oscar-Nominierungen. Kein anderer deutscher Film hat das je erreicht.

Nach den bösen Kritiken zum „Boot“ kehrte er Deutschland den Rücken

Damit war für Petersen die Entscheidung gefallen, seinen Traum zu verwirklichen und nach Hollywood zu gehen. Zwei Filme drehte er noch in München, „Die unendliche Geschichte“ nach Michal Ende - ein Fantasyfilm. Und „Enemy Mine“, ein Science-Fiction-Film mit Alien. Beides Genres, die im deutschen Kino keine Tradition hatten. Beide Filme aber schon auf Englisch mit internationalem Cast. Als Ticket für den endgültigen Umzug.

„Tod im Spiegel“ war 1991 dann seine erste reine Hollywood-Arbeit. Fortan arbeitete Petersen nur noch mit Topstars an Blockbustern wie „In the Line of Fire“ (1993) mit Clint Eastwood, „Outbreak“ (1995) mit Dustin Hoffman oder „Air Force One“ (1997) mit Harrison Ford. Petersen war damit der erfolgreichste Deutsche in Hollywood – neben Roland Emmerich.

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Beider Filme wurden damals gern gegeneinander gestartet: 2000 Petersens „Sturm“ mit George Clooney gegen Emmerichs „Patriot“ und vier Jahre später erneut, als Petersens „Troja“ mit Brad Pitt gegen Emmerichs Klimakatastrophenfilm „The Day After Tomorrow“ anlief. Ein Duell, von den Studios geplant, über das die beiden Regisseure nie glücklich waren.

Auch Claudia Roth würdigt die Maßstäbe, die Petersen gesetzt hat

In den 90-ern war Petersen einer der Erfolgreichsten im Business. Seine Filme knackten stets die 100-Millionen-Dollar-Grenze. Doch in den 00er-Jahren sank sein Stern. 2006 floppte „Poseidon“, das Remake eines alten Katastrophenfilms. Seinen letzten Film drehte er zehn Jahre später erstmals wieder in Deutschland: „Vier gegen die Bank“, das Remake seines eigenen frühen Fernsehfilms. Aber auch dieser Film floppte – trotz der deutschen Topstars Til Schweiger, Bully Herbig, Matthias Schweighöfer und Jan Josef Liefers.

Petersen blieb in den USA. Bis zuletzt soll er noch an neuen Projekten gearbeitet haben. Über seinen 80. Geburtstag im März 2021 wollte er noch „ganz locker drüben weg segeln.“ Die Nachricht von seinem Tode kam deshalb für viele überraschend. Aber auch wenn Petersen früher als „Kuchenfilmer“ bespöttelt wurde und ihm einige die Hollywoodkarriere neideten: Längst gilt er als einer der ganz Großen des deutschen Films.

„Wolfgang Petersen hat Filmgeschichte geschrieben“, würdigt ihn etwa Martin Moskowicz, der Chef der Constantin, die „Das Boot“ produzierte. Und auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) erklärte: „Mit Wolfgang Petersen verlieren wir einen großartigen Regisseur, der mit seinen Arbeiten für Fernsehen und Kino Maßstäbe für gleichermaßen packendes wie ambitioniertes Erzählen gesetzt hat.“