Berliner Festspiele

Das sind die Pläne der Berliner Festspiele

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Intendant Matthias Pees (r.) und das künstlerische Leitungsteam der Berliner Festspiele.

Intendant Matthias Pees (r.) und das künstlerische Leitungsteam der Berliner Festspiele.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Intendant Matthias Pees hat sein Amt angetreten. Nun stellte er sein Leitungsteam und das Programm für die kommende Zeit vor.

Ein feines Gespür für Spannungsbögen gehört bei Matthias Pees, seit 1. September Intendant der Berliner Festspiele und eingefleischter Theatermann seit Jahrzehnten, zum Berufsbild. Die zweistündige Pressekonferenz am Donnerstag, auf der das künstlerische Leitungsteam und das umfangreiche Programm der Festspiele vorgestellt wurden, widmete sich erst gegen Ende dem Theatertreffen – und damit einem Flaggschiff, um das es in den vergangenen Wochen nervöse Spekulationen gegeben hatte.

Der Stückemarkt des Theatertreffens wird zum Jubiläum auslaufen

Zur Erinnerung: Die Dramaturgin und Kuratorin Yvonne Büdenhölzer, die elf Ausgaben des Theatertreffens betreut und es dabei um wichtige Impulse bereichert hatte – etwa um die Einführung einer Geschlechterquote bei den zehn bemerkenswerten Inszenierungen aus dem deutschen Sprachraum – hatte das Festival nach der Ausgabe im Frühjahr verlassen, um in Richtung des Suhrkamp Theaterverlages weiterzuziehen. Im Juli hatten daraufhin die Festspiele verkündet, an ihrer Stelle ein gleichberechtigtes, vierköpfiges Leitungsteam aus Deutschland, Polen und der Ukraine einzusetzen: die Theaterregisseurin Olena Apchel, die Produktionsleiterin Marta Hewelt, die Dramaturgin Carolin Hochleichter und die Kulturmanagerin Joanna Nuckowska. Sie solle „die Zusammenarbeit mit der Kritiker:innen-Jury gemeinsam“ koordinieren, hieß es.

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Schnell kam die Befürchtung auf, es könne sich hier um eine Volte gegen die unabhängige Jury und die beliebte 10er-Auswahl handeln, die Drohkulisse einer vollständig von oben durchkuratierten Veranstaltung wurde beschworen. Matthias Pees versicherte in mehreren Interviews, nichts dergleichen vorzuhaben und mit dem Leitungsteam auf dem Wege der Enthierarchisierung die anderen Sparten des Theatertreffens – das Internationale Forum, den Stückemarkt, den Blog und das Diskursprogramm – aufwerten zu wollen. Auf der Pressekonferenz, die auf der großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele stattfand, hoffte man nun auf Konkreteres.

Und das gab es auch. So wird das Viererteam den Stückemarkt, auf dem sich Autorinnen, Autoren und Theaterkollektive mit Texten und Projekten bewerben konnten, zum 60. Jubiläum des Festivals im kommenden Jahr noch einmal besonders würdigen, dann aber auslaufen lassen. Zur Begründung hieß es, die nur in in Deutsch und Englisch einreichbaren Texte würden einen erheblichen Nachteil für Angehörige anderer Sprachräume begründen. Gleichzeitig wird – auch im Sinne der Öffnung des Festivals in Richtung Mittel- und Osteuropa, über das Matthias Pees schon öffentlich nachgedacht hatte – „mit zehn unterschiedlichen, transdisziplinären Begegnungsformaten der Aspekt des ,Treffens’ auf europäischer Ebene herausgearbeitet und eine Reihe von Veranstaltungen konzipiert, die einen deutlichen Resonanzraum für das traditionsreiche Festival bilden“, heißt es in der Pressemitteilung. Darin können auch bestehende Formate wie die bereits genannten Sparten aufgehen.

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Was das im einzelnen heißt und wer wie welche Auswahl dafür trifft, soll in den kommenden Monaten erarbeitet werden. Für das Theatertreffen, das im Zeitraum vom 10-28. Mai stattfinden soll, ist eine Pressekonferenz im Januar kommenden Jahres vorgesehen.

Zu den Berliner Festspielen gehört mit dem Gropius Bau auch ein hochrenommiertes Ausstellungshaus. Hier steht ein Führungswechsel an. Die Kunsthistorikerin Stephanie Rosenthal, die das Museum seit 2018 geleitet hat, ist im September als Direktorin zum Guggenheim Abu Dhabi Projekt gewechselt, ihre Stelle soll Mitte Oktober öffentlich neu ausgeschrieben werden. Weil aber die Ausstellungsplanung eine sehr langfristige Angelegenheit ist, war es nur konsequent von Pees, sie auf die Bühne zu bitten und die Höhepunkt der kommenden Monate vorzustellen – nicht ohne ihre Verdienste um den Gropius Bau in den vergangenen vier Jahren zu würdigen.

Pallavi Paul wird „Artist in Residence“

Bereits angekündigt ist eine Einzelausstellung mit Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Ellen Gallagher, die sich mit Malereien, Arbeiten auf Papier und immersiven Filminstallationen mit ihrer malerischen Praxis auseinandersetzen wird. Sie wird schon vom 11. November an zu sehen sein. Im März 2023 folgt der australische Künstler Daniel Boyd, die Gruppenausstellung „Indigo Waves & Other Stories“ über den Indischen Ozean und viele weitere. Für das Programm des „Artist in Residence“, bei dem Künstlerinnen und Künstler den Gropius Bau als Ort der Kreativität entdecken, ist die indische Künstlerin Pallavi Paul eingeladen, die in den Medien Film, Installation, Text, Fotografie und Performance zuhause ist und derzeit auch mit einer Arbeit im IBB-Videoraum der Berlinischen Galerie entdeckt werden kann. Pees kündigte an, die Ausstellungen im Gropius Bau auch mit Veranstaltungen im Haus der Berliner Festspiele zu flankieren.

Viel gab es auch zur Musik zu hören – ein weiteres Herzstück der Berliner Festspiele. Kurz nachdem das Musikfest mit 40.000 Besucherinnen und Besuchern zu Ende gegangen ist und auch „Tanz im August“ noch gut in Erinnerung ist, steht nun, vom 3.-6. November, das Jazzfest Berlin bevor. Die künstlerische Leiterin Nadin Deventer wird auch die beiden kommenden Ausgaben betreuen. Passend zur Nachrichtenlage werden diesmal die Musiktraditionen aus Osteuropa und der Region um das Schwarze Meer eine wichtige Rolle spielen. Hinzu kommt die MaerzMusik im kommenden Frühjahr, deren Leitung die aus Ägypten stammende Musikwissenschaftlerin Kamila Metwaly übernimmt. Sie wird im kommenden Jahr mit dem Komponisten und Dirigenten Enno Poppe als Gastkurator zusammenarbeiten.

Kontinuität bei den Festspielen – wenn man so will

Nicht zuletzt und unmittelbar bevorstehend sind die Festivals der jungen Szene, die seit 2021 von der Regisseurin und Autorin Susanne Chrudina geleitet werden. Vom 17.-21. November findet das Treffen junger Autorinnen und Autoren statt, vom 23.-28. November trifft sich die junge Musikszene im Haus der Berliner Festspiele. Viele Zeichen stehen also auf Kontinuität – wenn man bei den überbordenden und oft erfrischend unberechenbaren Programm der Berliner Festspiele denn davon sprechen mag.

Weitere Informationen:berlinerfestspiele.de