"Babylon Berlin"

Volker Bruch: "Es gibt Momente, wo es auch richtig knistert"

Volker Bruch ist bald wieder als Kommissar in "Babylon Berlin" zu sehen. Er spricht über die Dreharbeiten und den Erfolg der Serie.

Der Schauspieler Volker Bruch in der Mauerstraße, vor der markanten Übergangsbrücke.

Der Schauspieler Volker Bruch in der Mauerstraße, vor der markanten Übergangsbrücke.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Nanu, wo bleibt er denn? Unser Spaziergang mit Volker Bruch beginnt mit einem Missverständnis. Man hat uns eine falsche Hausnummer genannt. Wir warten an der Mauerstraße 26 in Mitte. Aber der Schauspieler kommt nicht. Bis wir einen Block weiter, vor Hausnummer 29, einen Mann in dickem Parka eingemummt stehen sehen.

Und wirklich, er ist es. Irgendwie steht er da auch wie ein Kommissar auf Beobachterposten. Ist aber auch eine billige Assoziation. Spielt Volker Bruch in der Serie „Babylon Berlin“ doch den Kommissar Gereon Rath, der im Berlin der späten 20er-Jahre ermittelt.

"Babylon Berlin": Das große Serien-Prestigeprojekt

Eine Serie der Superlative. Die teuerste Produktion, die bislang in Deutschland gedreht wurde. Die, das gab es noch nie, von gleich drei hochrangigen Regisseuren, Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries, gemeinsam geschrieben und inszeniert wurde.

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Wofür, auch das gab es noch nie, die öffentlich-rechtliche ARD einen Deal mit dem Pay-TV-Sender Sky einging. Und ihm sogar die Erstausstrahlungsrechte überließ. Was im Vorfeld zu mancher Kritik führte, ging es dabei doch um öffentliche Gelder. Aber das ist längst vergessen.

Die ersten beiden Staffeln, die am Stück herauskamen, waren ein Quotenhit, bei der Erstauswertung im Herbst 2017 auf Sky wie ein Jahr später, im September 2018, im Ersten. Die Serie wurde auch ins Ausland verkauft, und die dritte Staffel schon gedreht, während die ersten noch liefen.

"Babylon Berlin" demnächst auf Sky zu sehen

Ein Selbstläufer. Und Prestigeprojekt, das sich mit internationalen Formaten messen kann. Staffel Drei wird in der ARD, genaueres vermag der Sender noch nicht zu sagen, „irgendwann im Herbst“ ausgestrahlt. Ab kommenden Freitag läuft sie nun aber wieder zuerst auf Sky. Und deshalb wollen wir mit Volker Bruch, dem Kommissar der Serie, spazieren gehen.

Die Mauerstraße war 2016 für mehr als ein halbes Jahr sein Arbeitsplatz, wie Bruch grinsend meint. Wir stehen vor dem alten, ursprünglichen Gebäude der Deutschen Bank mit seiner markanten Verbindungsbrücke im ersten Stock zum Nachbargebäude über die Französische Straße hinweg. Zu Mauerzeiten saß hier das Innenministerium der DDR, nach Mauerfall wurde es von verschiedenen Behörden und Ministerien genutzt. 2016 dann von den „Babylon Berlin“-Machern.

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"Babylon Berlin" wurde an historischen Orten gedreht

Für die Serie wurde zwar in den Filmstudios Babelsberg eigens die Neue Berliner Straße errichtet (nachdem die alte erst 2013 abgerissen worden war). Eine Dauerkulisse für sämtliche Straßenszenen. Doch die Filmemacher haben immer auch in der Stadt selbst gedreht, an historischen Orten wie der Charité, dem Rathaus Schöneberg, dem Roten Rathaus oder dem ehemaligen Stummfilmkino Delphi. Das Herz der Produktion aber war hier, an der Mauerstraße.

In dem Gebäude nördlich der Französischen Straße wurden die Settings für Innenräume eingerichtet, etwa die Büros von der „Roten Burg“, dem Polizeipräsidium, das eigentlich am Alexanderplatz stand, aber im Krieg zerstört wurde. Im Gebäude auf der südlichen Seite befanden sich die Masken- und Garderobenräume und Etagen voller teurer 20er-Jahre-Kostüme und Schupo-Uniformen. Es war quasi das Hauptquartier der Serie, hier hatten auch schon die Castings und Leseproben stattgefunden.

Natürlich hätte man das alles auch im Studio Babelsberg aufbauen können. Aber „ein echter Altbau hat eine andere Seele als eine Kulisse“, meint Bruch. „Da steckt Geschichte und Aura drin. Das kann man nicht beschreiben, aber man spürt es. Das kriegst du mit Rigipswänden nicht hin, so täuschend echt die auch aussehen.“

Rote Burg für die dritte Staffel von "Babylon Berlin" musste neu gebaut werden

Nun steht der 39-Jährige vor dem Gebäude und ist fassungslos. Weil die halbe Mauerstraße eingerüstet ist und die Französische Straße dazwischen wegen der Bauarbeiten gesperrt ist. Die Häuserzeilen werden komplett saniert. Und standen, eine Katastrophe, für die dritte Staffel nicht mehr zur Verfügung. Deshalb laufen wir nun die Glinkastraße entlang einen guten Kilometer weiter bis zum Robert-Koch-Forum in der Dorotheenstraße 96. Der neue Arbeitsplatz, das Herz von Staffel Drei.

„Mich hat das richtig schockiert, dass die Rote Burg für die dritte Staffel komplett neu gebaut werden musste“, gibt Bruch zu. Die Räume dort sahen auch erst mal ganz anders aus. Aber Uli Hanisch, Tom Tykwers Szenenbildner, wusste sie täuschend echt zu verwandeln.

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„Babylon Berlin“ basiert auf den Kriminalromanen von Volker Kutscher

Dem Zuschauer wird der Unterschied kaum auffallen. Aber, welch Ironie, auch dieses neue Zentrum ist schon wieder Geschichte. Das Koch-Forum wird bereits anderweitig genutzt. Wenn voraussichtlich 2021 die vierte Staffel gedreht wird, muss man wieder neu auf Suche gehen.

„Babylon Berlin“ basiert auf den Kriminalromanen von Volker Kutscher, die der Autor im historischen Berlin angesammelt hat. Staffel Drei folgt dem Kutschers zweitem Krimi „Der stumme Tod“ und handelt von dem Mord an einem Filmstar mitten in den Studios von Babelsberg. Also genau da, wo ein Teil der Serie entsteht. Das sei natürlich lustig, findet Bruch, wenn Handlungs- und Drehort identisch sind. „Man kriegt so auch noch mal einen ganz anderen Blick auf das Metier, in dem man arbeitet.“

Es knistert auch in der neuen Staffel zwischen Gereon Rath und Charlotte Ritter

Eine große Frage ist natürlich, wie es mit ihm und der grandios von Liv Lisa Fries verkörperten Kriminalassistentin Charlotte Ritter weitergeht. Vieles wird in der Serie nämlich ganz anders erzählt als in den Büchern. Dort sind sie von Anfang an ein Paar, in der Serie nicht.

„In der neuen Staffel, da verrate ich sicher nicht zu viel, gibt es sehr schöne Momente zwischen ihnen, wo es auch richtig knistert“, so viel lässt Volker Bruch schon mal durchsickern. „Eine konventionelle Beziehung werden sie allerdings nicht führen. Es bleibt auf jeden Fall spannend zwischen den beiden.“

"Babyblon Berlin": Der Durchbruch für Liv Lisa Fries

Für Liv Lisa Fries war die Serie der Durchbruch. Volker Bruch kannte man da längst, aber auch für ihn war die Serie eine Zäsur. Und sowas wie die letzte Krönung. Bruch ist 1980 in München geboren, als Sohn eines Deutschen und einer Österreicherin, weshalb er auch beide Staatsbürgerschaften besitzt. Früh wollte er zum Film. Weil man ihm riet, dafür auf eine Schauspielschule zu gehen, hat er sich in seiner Geburtsstadt bei der Otto-Falckenberg-Schule beworben, fiel aber in der letzten Runde raus.

Er wollte es dann erst recht wissen, hat sich überall beworben. Und wurde schließlich am Max-Reinhardt-Seminar in Wien angenommen. Erste Rollen spielte er ab 2003. Fünf Jahre später war er gleich in drei großen Filmen zu sehen: „Der rote Baron“ neben Matthias Schweighöfer und Til Schweiger, „Der Baader Meinhof Komplex“, bei dem das halbe deutsche Kino mitspielte, und die internationale Produktion „Der Vorleser“ mit Kate Winslet.

Volker Bruch seit dem Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ bekannt

Seine große Liebe verdankt er „Goethe“: 2010 lernte Bruch bei den Dreharbeiten zu „Goethe!“ seine Lebensgefährtin Miriam Stein kennen. Mit ihr zusammen spielte er 2013 auch in dem Fernseh-Dreiteiler, der sein endgültiger Durchbruch wurde: „Unsere Mütter, unsere Väter“.

Den Gereon Rath in der Ausnahmeserie „Babylon Berlin“ spielen zu dürfen, war quasi der letzte Adelsschag. Viele von Bruchs Freunden haben sich ebenfalls für die Rath-Rolle beworben. „Das war schon klar, dass das etwas Besonderes wird“, meint Bruch, „wenn es denn überhaupt passieren würde. Daran haben viele gezweifelt damals.“ Das Casting hat sich über ein Jahr hingezogen. Bis Bruch von Tom Tykwer die endgültige Zusage erhielt. Und selig war.

Volker Bruch bleibt im Kapuzenpulli in Berlin unerkannt

Jetzt sind Fries und er die Gesichter dieser Serie, die zum Hit, zur Marke geworden ist. Kann Volker Bruch jetzt eigentlich noch unerkannt durch Berlin laufen? Ach, das sei ganz entspannt, lacht er. Es passiert schon, dass er mal angesprochen wird. Aber das sei die Ausnahme. Weil man die Figur schon sehr mit dem Kostüm und der Zeit verbinde.

„Wenn ich im Kapuzenpulli über die Straße gehe, reicht das meist schon, um nicht erkannt zu werden.“ Es reicht auch, wenn er im weiten Parka und mit Mütze unterwegs ist. So wie er jetzt mit uns durch die Straßen laufen, hält jedenfalls keiner an. Oder guckt auch nur.

Bar 1000 in Berlin: Hier wurden Tanz- und Kneipenszenen gedreht

Wir haben jetzt über die Luisenstraße die Spree überquert und laufen am Schiffbauerdamm entlang. Unter der S-Bahn-Brücke bleibt er stehen, vor der unscheinbaren Metalltür, hinter der sich die Bar 1000 verbirgt. Hier wurden für die Serie die lasterhaften Tanz- und Kneipenszenen gedreht. Hier fanden auch die Feten nach dem Ende der Dreharbeiten statt.

Volker Bruch schildert gerade, wie die ganze Crew nach dem monatelangen Drehstress kollektiv abstürzte, als ein junger Mann neugierig an uns vorbeiläuft und auf Englisch fragt, was wir hier wollen. Wie sich herausstellt, arbeitet er in der Bar. Und wie Bruch in makellosem Englisch erklärt, dass er hier „Babylon Berlin“ gedreht habe, ist das wie ein Sesam-öffne-dich. Wir dürfen eintreten – auch wenn es gerade erst Mittag ist. Und „noch ein bisschen früh für den ersten Gin Tonic“, wie der Barkeeper lachend meint.

Solch komische Geschichten erlebt Volker Bruch jetzt häufiger. Plötzlich hat er ganz viele Bezüge zu dieser Stadt, auch zu Ecken, an denen er nie zuvor gewesen ist und die er erst durch die Serie kennen gelernt hat. Er ist jetzt quasi ein Berlin-Experte, scherzen wir. Nee, widerspricht er: „Ich bin leider ganz schlecht in Geografie und Orientierung.“

Seit jüngstem wohnt er auch nicht mehr in der Stadt. Im Mai ist er mit Miriam Stein aufs Land, ins Brandenburgische, gezogen. Dass habe aber nicht damit zu tun, dass er zu populär geworden wäre oder durch die Serie einen Stadtkoller bekommen hätte. „Ich hatte schon immer einen Stadtkoller“, meint er lakonisch. Er sei nach Berlin gezogen, weil er das Gefühl hatte, da mal für ein bis zwei Jahre gelebt haben zu müssen. Daraus wurden dann zehn. „Aber ich wollte immer schon raus.“

Volker Bruch hat sich mit Miriam Stein ein Tiny House liefern lassen

Jetzt hat er das mit Miriam Stein wirklich umgesetzt. Und sich dabei sogar noch bewusst verkleinert. Gerade haben sie sich ein Tiny House liefern lassen. Dafür musste der Spaziergang sogar zwei Mal verschoben werden, weil die Lieferung nicht kam. Jetzt steht das Minihaus aber im Garten. „Auf dem Land ist viel Platz, überall. Deshalb haben wir gedacht, dass man sich da vielleicht ein bisschen reduzieren kann.“

Andere Schauspieler bauen sich ja gern ganze Lofts in der Stadt aus, oft zum Ärger der Nachbarn. Zwei Stars auf 30 Quadratmeter, das klingt erfrischend anders und ganz sympathisch. Und Berlin ist ja nur eine Stunde weg und auch mit dem Zug erreichbar.

Volker Bruch: "Ich hab’ noch einen Schlüssel in Berlin"

Bruch hat aber auch noch einen Schlüssel in Berlin: für die Wohnung eines Freundes, wenn es mal später wird. „Berlin liegt also vor der Haustür und ist mir dadurch seltsamerweise wieder näher gerückt.“ Weil er die Stadt jetzt wieder wie ein Gast und ganz bewusst erlebt. Die Luft auf dem Land sei aber trotzdem besser.

Wie wir nun das letzte Stück bis zum Berliner Ensemble laufen – in dem Schlüsselszenen für die zweite Staffel gedreht wurden und die „Babylon Berlin“-Premiere gefeiert wurde - müssen wir noch eine Schicksalsfrage stellen: Wie lange will Volker Bruch den Kommissar Rath denn spielen? „Open End!“, platzt es aus ihm heraus. „Also ich bin bereit.“

Dabei wollte er einen Fernseh-Kommissar eigentlich nie spielen. Das wäre für ihn „wie eine schauspielerische Verbeamtung“. Außerdem seien die Gastrollen da immer spannender als die Ermittler. Bei „Babylon Berlin“ sei das anders. Da wird schließlich ein ganzes Zeitalter erzählt.

Volker Bruch: „Ich muss nicht mehr alles drehen“

Da arbeite man auch, wie Bruch schwärmt, mit dem besten Team der Welt. Und man binde sich auch nicht vertraglich auf Ewigkeiten. Nach jeder Staffel wird neu entschieden, ob man auch für eine nächste Staffel Lust hat. Aber alle machen weiter mit. Das allein ist ja ein Gütesiegel.

Wenn man aber so das Gesicht einer Ausnahmeserie ist, ist man dann nicht aus dem Rennen für andere Angebote? „Nein“, stellt Bruch klar. „Babylon Berlin“ sei nicht exklusiv. Mit der Serie hat sich gerade ein Drehrhythmus von zwei Jahren eingependelt. Bruch ist dann für ein halbes Jahr blockiert, hat aber auch anderthalb Jahre Zeit für anderes.

„Das Schöne ist, dass ich jetzt freier auswählen kann. Ich muss nicht mehr alles drehen, weil die Miete gezahlt werden muss.“ Das mit der Miete hat sich mittlerweile auch durch das Tiny House erledigt. Das Problem ist jetzt eher ein anderes: „Neue Projekte müssen sich mit ,Babylon Berlin’ messen. Und da gibt es einfach nicht viel.“

Die letzte Klappe für die dritte Staffel fiel bereits im Mai 2019. Seitdem hat Bruch nicht mehr gearbeitet. „Aber das, sagt er, sei einer der größten Vorteile: „Man kann sich Auszeiten nehmen und in Ruhe abwarten.“

„Babylon Berlin“ Staffel Drei: ab 24. Januar auf Sky TV