Film

„Selbst denken ist unsexy, macht aber das Leben schöner“

Florian David Fitz über Konsumwahn, was soziale Netzwerke damit zu tun haben und wie er sich bei Nacktszenen auf Berliner Straßen fühlt

Florian David Fitz

Florian David Fitz

Foto: Anikka Bauer

Er ist ein wenig angeschlagen. Und entschuldigt sich gleich dafür. Das Interview wurde mit Bedacht erst am späten Vormittag terminiert. Aber am Abend zuvor war eben die Premiere von Florian David Fitz’ neuem Film „100 Dinge“, das musste entsprechend gefeiert werden. Doch voller Disziplin steht der 44-Jährige im Regent Hotel ein Interviewmarathon durch. Denn der Film, bei dem er zum dritten Mal auch Regie geführt und das Drehbuch geschrieben hat, ist ihm ein besonderes Anliegen. In „100 Dinge“, der am Donnerstag ins Kino kommt, geht es darum, dass wir alle viel zu viel Dinge besitzen – und mit wie wenig man zufrieden wäre. Für das Interview brauchte Fitz vor allem eins: einen starken Espresso.

Herr Fitz, wie viele Dinge haben Sie selbst zuhause? Haben Sie das mal gezählt?

Florian David Fitz: Im Film heißt es, jeder von uns hat heute gut 10.000 Dinge. Wenn man das so grob überschlägt, kommt das bei mir auch hin. Aber das ist wie aktiver und passiver Wortschatz. Aktiv gebrauchen wir wahrscheinlich nur zehn Prozent der Worte, die wir zur Verfügung haben. Und so ist es auch mit den Dingen. Der Großteil liegt rum.

Und wenn Sie sich, wie im Film, auf 100 Dinge beschränken müssten, was wäre das?

Da gibt es erst mal die eine, eher uninteressante Antwort, nämlich die mit den Basics, die man zum Überleben braucht. Spannend wird es erst, wenn es um Luxusgüter geht, die du nicht unbedingt brauchst, die aber dein Leben erst ausfüllen, Musik, Bücher, oder Dinge, die einen sentimentalen Wert haben.

Können Sie denn auch loslassen, können Sie sich von Sachen trennen?

Mittlerweile ja. Ich hab’s nicht gerne vollgestellt. Ich verstehe auch Nippes nicht. Sachen, die einfach rumstehen und mich anglotzen, sind nicht so meins. Ich falle aber sehr auf den Spruch rein: „Die guten, echten Sachen, die ein Leben lang halten“. Das ist ja am Ende auch nur ein cleverer Werbetrick.

Deutsche Filmkomödien handeln gern von Beziehungen. Sie überraschen dagegen mit Konsum- und Kapitalismuskritik. Ist das ein Thema, das Sie umtreibt?

Was Sie da sagen, ist ein guter Punkt. Das war genau ein Grund, diesen Film zu machen. Ich habe mich gefragt: Was haben wir noch nicht tausend Mal erzählt? Was ist aber ein Thema, das wichtig ist und uns alle angeht? Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich ein Konsumopfer bin. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, wie stark wir der Logik des Kapitalismus unterworfen sind. Das kann man sich ruhig mal bewusst machen. Der Kapitalismus hantiert mit dem Versprechen von Glück. Deshalb funktioniert er ja so gut: Wir glauben, wir machen uns glücklich, wenn wir uns immer noch mehr anschaffen. Würde das aber funktionieren, dann wäre man ja glücklich und würde nichts mehr kaufen. Das ist ein Widerspruch, den ich interessant finde.

Ist die Komödie dafür die richtige Form?

Vielleicht gerade. Würde ich eine Schwarzweißdokumentation über Konsumkritik und Kapitalismus drehen, gehen da vielleicht zweieinhalb Zuschauer rein. Ich sehe es schon als meinen Job an, die Leute von ihren Laptops und Displays wegzuziehen und ins Kino zu locken. Das ist der eine, ganz pragmatische Grund. Der andere ist der: Eine Komödie verschafft dir einen Vorteil, weil dir das eine Distanz aufzwingt, die nämlich, die Welt mit Augenzwinkern zu betrachten.

Der Film startet in der Vorweihnachtszeit, wo die meisten Menschen Geschenke kaufen. Ist der Termin da ein wenig unglücklich gewählt oder absichtlich so gelegt?

Der ist tatsächlich bewusst terminiert. Ich hätte mir sehr viel mehr Zeit lassen können mit dem Film, wollte ihn aber jetzt rausbringen. Ich will keinem die Shoppinglaune verderben. Aber thematisch passt es einfach perfekt in diese Zeit. Was interessant ist: Viele Mitwirkenden des Films denken jetzt darüber nach. Die wollen jetzt keine Geschenke mehr schenken, sondern Erlebnisse oder Zeit, die man zusammen verbringt.

Ihr Film erzählt nicht nur vom Konsumzwang, sondern auch von den sozialen Netzwerken und wie sie unsere Daten nach unserem Konsumverhalten abklopfen. Wie kritisch sehen Sie das?

Ich habe da schon ein großes Misstrauen. Ich habe aber das große Glück, dass ich aus einer Generation stamme, die damit noch nicht aufgewachsen ist. Die noch analog und nicht süchtig danach ist. Ich sehe die Vorteile in den sozialen Netzwerken, sehe aber auch, was das mit den Leuten macht. Ich glaube allerdings, dass das Pendel da wieder zurückschwingen wird. Erste Studien belegen ja schon, dass Kinder, die viel in sozialen Netzwerken unterwegs sind, unglücklicher sind als andere, sogar eine höhere Selbstmordrate aufweisen. Wie bei vielen Dingen kann man leider niemandem ersparen, selbst zu denken und bewusst mit dem ganzen Kram umzugehen. Hat was mit Selbstdisziplin zu tun. Das ist unsexy, aber dafür ist das Leben dann etwas schöner.

Nutzen sie denn selbst Facebook, Instagram und ähnliches? Oder lehnen Sie das aus besagten Gründen ab?

Die sozialen Netzwerke sind ja quasi der ultimative, wahr gewordene Andy Warhol: Jeder kann sich jetzt sein komplettes Leben wie einen Film inszenieren. Ist ja gar nicht nur schlecht, ist wahrscheinlich sogar ur-demokratisch. Aber ich habe zum Glück einen Beruf, in dem ich das ausleben darf. Da brauche ich das nicht auch noch privat. Ich sehe die sozialen Netzwerke als Teil meines Berufes an. Ich freue mich ja, wenn Leute dadurch in meine Filme gehen.

Es gibt in Ihrem Film auch böse Seitenhiebe auf Herrn Zuckerberg, der in „100 Dinge“ Zuckerman heißt…

… Jede Ähnlichkeit mit realen Personen wäre zufällig. (lacht) Unser Zuckerman ist eine Kunstfigur, in den all diese Pioniere aus dem Valley eingeflossen sind. Ich glaube schon, dass all diese Elon Musks, Steve Jobs’ oder die Leute von Google anfangs geglaubt haben, die Menschheit zu verbessern. Vielleicht war auch Zuckerberg so einer. Erstaunlich ist, wie fundamental die sozialen Netzwerke unsere Weltsicht verändern. Sie verstärken unsere eigene Meinung konstant, es gibt keine Gegenmeinung mehr. Deshalb driften die jeweiligen Realitäten immer mehr auseinander. Das ist ein Riesenproblem für die Demokratie, das wird ja auch von einigen politischen Seiten massiv angefeuert. Diese Entwicklung aus einer an sich harmlosen Idee konnte niemand voraussehen, auch Zuckerberg nicht. Der steht jetzt irgendwie wie der Zauberlehrling da. Die Geister, die er rief, wird er nicht mehr los. Oder wir. (lacht)

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor von „100 Dinge“ wird sein, dass zwei Stars des deutschen Films, Sie und Matthias Schweighöfer, sich buchstäblich nackig machen. Ist das unangenehm, solche Szenen zu drehen? Oder sind Sie exhibitionistisch veranlagt ?

(grinst) Na, es gibt da vielleicht nicht nur die zwei Extreme. Ich plädiere da für mehr Lockerheit. Ich habe das Gefühl, dass wir viel spießiger geworden sind. Ich habe lange in den USA gelebt, ich weiß, wie es ist, in einer Kultur zu leben, die einerseits puritanisch, aber andererseits extrem sex-orientiert ist. Ich habe immer sehr genossen, dass die Europäer eine etwas bodenständigere Haltung zum Körper haben. Das würde ich mir gern zurückwünschen.

Und wie war das, nachts bei Minusgraden nackt über die Oberbaumbrücke rennen zu müssen?

Ich habe das ja nicht alleine getan, Matthias war mit dabei. Das hat schon sehr geholfen. Zu zweit hat das dann eher so was Challenge-Mäßiges, was man mal seinen Kindern erzählen kann. Hat man das halt auch gemacht. Wir sind da aufgeheizt aus dem Bus gesprungen und über die Bücke geflitzt. Das Rennen war nicht das Problem. Tagelang in der eiskalten Garage barfuß auf dem Betonfußboden, das war viel härter. Danach lag Matthias mit Fieber im Bett.

Es ist das zweite Mal, dass Sie mit Schweighöfer gedreht haben. Sind Sie auch privat solche Buddys wie in Ihren Filmen?

Der Wille ist da. Aber wie oft wir uns privat sehen, das kann man an einer Hand abzählen. Man muss ja mal sagen, dass Matthias’ Leben ganz schön voll ist und meines auch nicht gerade leer. Wir verabreden uns ständig und dann kommt wieder was dazwischen. Am meisten treffen wir uns tatsächlich vor der Kamera. Aber bei so einem Film hat man einige Abenteuer zu bestehen, das hat auch was sehr Verbindendes.

Sie sind beide sowohl Schauspieler als auch Regisseure. Wie ist das, wenn Sie ihm Regieanweisungen geben? Noch dazu, wo er Ihr Produzent war? Redet man sich da ständig rein, gibt es Differenzen, wer das Sagen, wer die Hosen anhat?

Nein, gar nicht. Das stellen sich die Leute wohl gerne so vor. Gerade weil Matthias auch selbst Regie führt, weiß er, was das alles bedeutet. Und freut sich, wenn er mal „nur“ Schauspieler ist und die Verantwortung nicht zu tragen hat. Mir geht das auch so, wenn ich unter anderen Regisseuren arbeite. Du kommst zum Set, machst dein Ding und gehst wieder nach Hause. Der Regisseur aber ist lange vor dir da und geht auch als Letzter. Und Matthias vertraut mir auch seit unserem letzten Film, nach der Premiere gestern hat er sich bedankt, dass ich das mit ihm gemacht habe. Für dich als Regisseur ist das einer der schönsten Momente. Regie ist eine schöne Arbeit, aber eben auch ein Arsch voller Arbeit.

Und warum tun Sie sich das dann immer wieder an?

Also erst mal habe ich natürlich Spaß daran. Aber da gibt es auch diese Seite an mir, wie ein Kind, das immer alles besonders gut machen will. Das ist in der Arbeit auch von Vorteil, aber irgendwann muss man auch mal fünfe gerade sein lassen, sonst verdirbt man sich die Freude.