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Julia Roberts: „Muttersein hat nichts mit Feenstaub zu tun“

Julia Roberts über ihren neuen Film, die Drogenproblematik in den USA, ihre eigenen Erfahrungen als Mutter – und die #MeToo-Bewegung.

Versucht, Berufliches und Privates strikt zu trennen: Hollywoodstar Julia Roberts.

Versucht, Berufliches und Privates strikt zu trennen: Hollywoodstar Julia Roberts.

Foto: Victoria Will / picture alliance/AP Images

Sie hat das breiteste und wohl auch schönste Lächeln Hollywoods. Julia Roberts hatte ihren großen Durchbruch Anfang der 90er-Jahre mit „Pretty Woman“, es folgte eine skandalfreie Bilderbuchkarriere. Die Oscarpreisträgerin dreht selten mehr als einen Film pro Jahr. Ab heutigem Donnerstag ist sie im Kino in Peter Hedges’ Drama „Ben is back“ zu sehen. Die 51-Jährige spielt darin eine verzweifelte Mutter, die um ihren drogenabhängigen Sohn kämpft und dabei durch die Hölle geht. (siehe unten). Zum Interview schwebte der Hollywoodstar in schwarzem Hosenanzug in den Konferenzraum. Man hört sie schon von Weitem aus vollem Herzen lachen.

Sie spielen in „Ben is back“ eine Durchschnittsmutter, die gegen die Drogensucht ihres Sohnes ankämpft. Das Thema Drogen scheint in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Haben Sie als Mutter Angst, dass Ihre eigenen Kinder abrutschen könnten?

Julia Roberts: Nicht nur ich als Elternteil sorge mich. Es geht uns alle etwas an. Das Thema ist mittlerweile allgegenwärtig. Es ist eine regelrechte Epidemie geworden. Mit einem Film wie diesem haben wir die Möglichkeit, das Thema wieder auf die Agenda zu setzen. Es muss darüber geredet werden. Wenn der Film das auslösen kann, haben wir schon gewonnen. Es geht nicht nur um irgendwelche trockenen Statistiken, die man tagtäglich in der Zeitung liest. Wir zeigen, dass es jede noch so durchschnittliche Familie treffen kann. Deine Nachbarn oder deine ehemaligen Klassenkameraden. Wir wollten genau dafür ein Bewusstsein schaffen.

Haben Sie zur Vorbereitung mit Betroffenen gesprochen? Vor allem mit Müttern drogenabhängiger Kinder?

Nein, darauf habe ich bewusst verzichtet. Gerade weil die Drogenepidemie schon so lange anhält, gibt es haufenweise Recherchematerial. Onlineforen, Reportagen, Zeitungsartikel, die sich genau auf die Mütter konzentrieren. Und ein paar sehr gute Dokumentarfilme.

Eine Figur wie Holly haben Sie in ihrer Karriere noch nie gespielt.

Das stimmt. Ich versuche immer, etwas Neues auszuprobieren, und vermeide es mittlerweile, mich zu wiederholen. Das Gute am Älterwerden ist der Perspektivwechsel. Ich spiele hier mit einer ganz neuen Generation. Lucas Hedges und Kathryn Newton sind mehr als talentiert. Ich habe die beiden vor den Dreharbeiten zu mir nach Hause eingeladen. Wir haben ein ganzes Wochenende mit meinem Mann und meinen drei eigenen Kindern verbracht, waren Fußballspielen, schwimmen, haben abends gegrillt. So etwas mache ich nicht oft mit meinen Film-Kindern.

Was hat das gebracht?

Die emotionalen Szenen gingen leichter von der Hand. Denn wir hatten eine ganz andere Bindung zueinander. Ich konnte jede noch so kleine Geste, jeden noch so kleinen Blick der beiden deuten. Unser aller Spiel hat eine ganz neue Form der Selbstverständlichkeit gewonnen. Das ist selten.

Haben Ihre eigenen Erfahrungen als Mutter Ihr Spiel beeinflusst?

Ich versuche, mein Privatleben immer auszublenden. Gerade bei so einem Thema. Ich hoffe, dass ich mit meinen Kindern nie in eine solche Situation kommen werde. Bei meinem Film „Vor ihren Augen“ wurde die Tochter meiner Figur brutal ermordet. So etwas darf ich mir nicht zu Herzen nehmen, sonst würde ich solch einen Dreh emotional nicht überstehen.

Haben Sie dafür einen Trick?

Tom Hanks hat mir da mal den Tipp gegeben: Wenn du eine verheiratete Person spielst, trage nie deinen eigenen Ehering, sondern lass’ dir einen anderen geben. Das sind zwei Paar Schuhe. Oder in dem Fall zwei Paar Eheringe. So halte ich das auch mit meinen Kindern.

Blenden Sie das Elternsein dann aus?

Ja, denn ich spiele ja nicht als Mutter, sondern als Schauspielerin. Klar, kann ich darauf zurückgreifen, wie es sich anfühlt, Mutter zu sein. Aber meine eigenen Kinder lasse ich da außen vor. Alles andere wäre zu kompliziert. Und würde mich auf Dauer mürbe machen.

Wo holen Sie sich den emotionalen Status dann vor der Kamera her?

Vieles stand einfach schon im Drehbuch. Der Film spielt innerhalb von 24 Stunden. Da bleibt keine Zeit, rationale Entscheidungen zu treffen oder das eigene Handeln moralisch zu hinterfragen. Am Ende kann ich immer nur hoffen, dass meine Darstellung authentisch ist.

Was ist das Besondere an der Beziehung von Müttern zu ihren Kindern?

Ich würde Väter da gar nicht von Grund auf ausschließen, wobei Mütter schon einen biologischen Vorteil haben. Meine eigene Mutter habe ich sehr bewundert. Sie war unglaublich.

Hat sie Ihnen geholfen, Ihre eigene Mutterrolle zu finden?

Ich erinnere mich an einen Schlüsselmoment. Meine Mutter war alleinerziehend, voll berufstätig und hatte drei Kinder. Ich hatte den Luxus, als meine Kinder klein waren, nicht arbeiten gehen zu müssen und mich voll und ganz auf die Kinder zu konzentrieren. Irgendwann rief ich sie an und fragte fast entsetzt: „Mom, wie zum Teufel hast du das damals alles geschafft?“ Ihre Antwort kam prompt und trocken: „Kinderbetreuung, Süße“.

So einfach?

Ja, und ich rechne ihr hoch an, dass sie kein Fass aufgemacht hat von wegen: „Tu halt dein Bestes, gib dich den Kindern voll und ganz hin“. Sie hat uns einfach morgens um sieben Uhr abgegeben und abends um fünf wieder eingesammelt. Dieses Bekenntnis war für mich unglaublich befreiend und hat dafür gesorgt, dass ich sie noch mehr liebe. Denn sie hat ihr Bestes gegeben. Muttersein hat nichts mit magischem Feenstaub zu tun. Muttersein ist einfach perfekte Organisation.

Ein großes Thema im vergangenen Jahr war die Rolle von Frauen im Film. Vor und hinter der Kamera. Sie hatten ihren Durchbruch mit „Pretty Woman“. Ein Film über die Beziehung einer Prostituierten zu ihrem reichen Freier. Wäre solch ein Film heute im Zeitalter von #MeToo überhaupt noch möglich?

Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht. Der Film ist 30 Jahre alt. Nicht alles, was früher gut war, muss auch heute noch funktionieren. Aus ganz verschiedenen Gründen, egal ob aus politischen, kulturellen oder auch aus modischen. Der Film ist ein angemessenes Zeitdokument, aber natürlich keine Vorlage für heute. Das konnten wir damals aber noch nicht ahnen. Ob der Film ohne #MeToo heute eine andere Lesart hätte? Ich habe keine Ahnung. Verschweigen wir einfach, dass der Film 30 Jahre alt ist. Denn sonst fühle mich sehr alt.

Unterstützen Sie die Bewegung?

Eigentlich schon. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns ein wenig verzetteln. Ja, es gibt ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Ich will mir da nichts anmaßen, denn ich hatte immer großes Glück in meiner Karriere. Aber wenn wir uns weniger damit aufhalten würden, die Welt zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden, und mehr darauf konzentrieren würden, uns alle als Künstler zu feiern – egal ob Männer oder Frauen –, dann wäre uns allen geholfen. Immer diese Betonungen: „Oh, sieh mal. Sie hat einen tollen Film gemacht. Und das als Frau.“ Über so was müssen wir langsam drüberstehen.