Neuer Film

Bunga Bunga und ein gewisser Silvio B.

Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino hat eine bitterböse Filmsatire auf Silvio Berlusconi gedreht: „Loro“. Doch sie zündet nicht immer.

 Als Schnulzensänger  hat er einst begonnen,  Lieder singt Silvio B. (Toni Servillo) auch noch im Alter gern.

Als Schnulzensänger hat er einst begonnen, Lieder singt Silvio B. (Toni Servillo) auch noch im Alter gern.

Foto: DCM

Berlin. Das dümmliche Dauerlächeln zur Maske erstarrt, das Haar perückenhaft zementiert, das Gebaren opernhaft, als ob er stets vor ein Millionenpublikum träte, selbst wenn er ganz alleine ist – so begegnet er dem Kinozuschauer: Italiens ewiges Enfant terrible Silvio Berlusconi. Auch wenn der Film, der von ihm handelt, gleich im Vorspann betont, dies alles sei reine Fiktion. Und auch wenn sein Nachname nie genannt, wenn er immer nur beim Vornamen gerufen wird. Geschenkt: Die Bedeutung eines Menschen kann man auch daran ermessen, dass man ihn selbst in der Andeutung, in der Karikatur, in der Übertreibung erkennt.

Sinnenfroh-lüsterne, metaphernreiche Bilder

„Loro“, Paolo Sorrentinos neues Opus, das am Donnerstag in den Kinos startet, kommt diesem windigen Politiker, Multimilliardär und Medienzar, diesem großen Träumeverkäufer fürs einfache Volk, den die ganze Welt ausgelacht hat und der das doch immer wieder weggelacht hat, ganz nah. Indem er das Fernrohr erst einmal umdreht und ihn von ganz fern zeigt. „Loro“ beginnt im Jahr 2006, da war Silvio B. schon drei Mal Ministerpräsident, ist aber gerade abgewählt und verschanzt sich nun, ausgebrannt und zermürbt, auf seinem pompösen Landsitz auf Sardinien. Er muss sich zahlloser Anklagen erwehren. Und Intrigen seiner einstigen Weggefährten, die seine Position als Anführer des Mitte-rechts-Bündnisses beerben wollen.

Die Annäherung gelingt dem Film über die – fiktive – Figur von Sergio Morra (Riccardo Scamarcio), einem Zuhälter aus der Provinz. Der hat sich schon zahllose Kommunalpolitiker durch seine aufreizenden, willigen Escort Girls gefügig gemacht, jetzt will er höher hinaus. Und hat nicht auch Berlusconi einst in der Provinz als Schnulzensänger begonnen?

Ergo will er an ihn heran, will er durch ihn an große Ämter und Macht gelangen. Dafür richtet Morra zahllose Partys, nein: Orgien aus, voller junger Schönheiten, die in Pools, Alkohol und Drogen baden. Morra mietet sich dafür sogar im Haus gegenüber von Berlusconis sardischem Palast ein, um die Aufmerksamkeit des alten Lustmolchs zu erhaschen.

Es dauert eine geschlagene Dreiviertelstunde in diesem zweieinhalbstündigen Film, bis Silvio B. selbst in Erscheinung tritt. Aber keine Szene vergeht, in der nicht von ihm die Rede ist, in der man nicht in seine Nähe gelangen oder ihn hinweg intrigieren will. In der sich nicht alle abarbeiten an dem noch immer mächtigsten Mann des Landes. Dann tritt er endlich selbst auf.

Erst mal verkleidet in einem orientalischen Frauenkostüm, mit dem er durch seinen Landsitz wandelt. Eine Travestie, von Anfang an. Der Mann ist hier zur Einsamkeit verdammt, wie ein Napoleon auf Elbaso, aber immerhin auf einem mons­trösen Cäsaren-Anwesen mit Karussell und Miniatur-Ätna. Die Orgien vom Haus gegenüber, sie erreichen diesen Mann gar nicht. Aber die
Intrigen der alten Mitstreiter stacheln ihn zu neuem Ehrgeiz an.

Es ist ein rauschhafter Bilderbogen, den Paolo Sorrentino da entwickelt. Wie immer in seinen Filmen. Der italienische Regisseur ist der Fellini unserer Zeit, der seine Geschichten in große, sinnenfroh-lüsterne, metaphernreiche Bilder gießt, die oft zu gemäldehaften Tableaus gerinnen. Mit dieser seiner unverwechselbaren Ästhetik in Filmen wie „Youth“ oder dem oscar-
gekrönten „La grande bellezza“ hat es Sorrentino zum Großmeister des italienischen Kinos gebracht. Und wie er sich in „Il Divo“ schon einmal einen mächtigen wie skandalumwitterten Politiker vorgenommen hat, Giulio Andreotti, und damit ein Sittenbild der 80er-, 90er-Jahre entwarf, so knöpft er sich nun Berlusconi und die Nullerjahre vor.

Wieder verlässlich an seiner Seite ist dabei der Schauspieler Toni Servillo, der immer wieder in Sorrentinos Filmen mitwirkt, der in „Il Divo“ den Andreotti gab und nun in die Rolle von Berlusconi schlüpft. In einer Maske, hinter der er kaum zu erkennen ist und die das Maskenspiel dieses Politikers karikieren soll. Dabei geht es in „Loro“ weniger um Berlusconi selbst als um das Phänomen: die Gesellschaft, die ihn möglich gemacht und die er entscheidend geprägt und manipuliert hat. Ein dekadentes, amoralisches „Dolce vita“ also, ein nur leicht überzeichnetes Gesellschaftspanorama und Sittengemälde des jüngsten Italien.

Dabei gelingen dem Regisseur herrlich absurde Bilder, die sich einprägen. Wenn sich gleich anfangs ein Schaf in Berlusconis Palast verirrt und von der dortigen Kälte schockgefroren wird, etwa. Wenn Berlusconis Wäsche im Innenhof im Wind flattert, eine ganze Legion schwarzer Hosen, schwarzer Hemden, schwarzer Socken in Reih und Glied. Oder wenn es bei einer der orgiastischen Poolpartys plötzlich Ecstasy-Pillen vom Himmel regnet.

Doch die eindringlichste Szene ist die, als Berlusconi in einer schlaflosen Nacht eine ihm völlig fremde Frau anruft und ihr ein Luxusappartement aufschwatzen will, das es gar nicht gibt. Nur um zu schauen, ob er „es“ noch kann, ob er noch Menschen manipulieren und ihnen Träume verkaufen kann. Als dies gelingt, ist sein alter Ehrgeiz geweckt. Da weiß der „Cavaliere“, dass er auch die nötigen Senatoren schmieren kann, um noch ein viertes Mal Ministerpräsident zu werden.

Als würde man sich durch Berlusconi-TV zappen

Aber so grandios solche Sequenzen auch in Szene gesetzt sind: So recht will Sorrentinos jüngster Bilderbogen nicht in einen Rahmen passen. Allzu oft werden barbusig-willige Damen in Scharen aufgefahren, wird kiloweise Koks geschnupft, werden Partys zelebriert, bei denen man nicht mehr weiß, ob die Massen noch miteinander tanzen oder schon miteinander kopulieren. Immer wieder laufen dazu übergroß Fernsehbilder von Rateshows und Werbeclips, mit denen der Medienzar nonstop sein Volk sediert. Ein Film über Berlusconi, inszeniert in Bildfolgen, als ob man sich durch seine TV-Programme zappen würde.

Klar will Sorrentino damit die Leere hinter der hedonistischen Oberfläche entlarven, aber die Leere schwappt irgendwann auch auf seinen Film über. Zu viele Nebenfiguren und Nebenhandlungen, die in der Luft hängen bleiben. Zu viel Bunga Bunga, zu wenig Machtspiele. Auch Sorrentino scheitert letztlich daran, Berlusconi zu entlarven. Der könnte, wer weiß, den Film sogar als zugegeben recht schräges Denkmal seiner selbst missverstehen.

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