Film

Choreographie des Grauens: „Suspiria“

Luca Guadagnino hat einen alten Horrorfilm reaktviert – und lässt ihn nun im Schatten der Mauer spielen: „Suspiria“ mit Tilda Swinton.

Foto: Alessio Bolzoni/Amazon Studios

Von Anfang an stand Tilda Swinton unter Verdacht. War das nicht sie, die da unter dickem Alters-Make-Up steckte? Oder gibt es den 82-jährigen Schauspieldebütanten Lutz Ebersdorf wirklich, der für eine größere Rolle in Luca Guadagninos „Suspiria“ aus dem Nichts auftauchte und bereits vor der Premiere auf dem Filmfestival von Venedig wieder dorthin verschwand? Erst stritt sie es ab, dann lüftete Swinton doch das Geheimnis: Sie spielt nicht nur eine der Hexen, die eine geheimnisvolle Tanzschule betreiben, sondern in einer Doppelrolle auch den greisen Psychoanalytiker Dr. Josef Klemperer.

Damit hat das Remake des gleichnamigen Horror-Thrillers von Dario Argento aus dem Jahr 1977 eines von vielen Mysterien weniger, bleibt aber so um Grunde in weiblicher Hand – mit aufregend kon­trastreicher Besetzung: Neben Swinton sind Angela Winkler und Ingrid Caven genauso zu sehen wie Chloe Grace Moretz und in der Hauptrolle die „Fifty Shades of Grey“-Darstellerin Dakota Johnson, die nach „A Bigger Splash“ bereits zum zweiten Mal in einem Film von Luca Guadagnino mitspielt.

In dem „Suspiria“-Remake kommt die junge Amerikanerin Susie (Johnson) in die Tanzakademie Markos im dauerhaft grau verhangenen Mauer-Berlin der 70er-Jahre, in der seltsame Dinge vor sich gehen. Als dem alten Klemperer das Notizbuch einer verschwundenen Tanzschülerin in die Hände fällt, kommt er den Lehrerinnen auf die Spur – und damit einem Hexenring, der für die Mutter, eine Suspiria genannte Göttin, ein geheimnisvolles Ritual vorbereitet.

Zur einfühlsamen, sonnendurchfluteten Coming-of-Age-Story „Call Me By Your Name“, für die Regisseur Guidagnino zuletzt gefeiert und Oscar-nominiert wurde, könnte man sich kein extremeres Kontrastprogramm vorstellen. Irgendwo an der Schnittstelle zwischen Kunst, Horror und Trash bewegt sich der Italiener mit „Suspiria“ und schafft dabei eine ganz eigene Version, ambitioniert wie verkopft.

Im Vergleich zum Original bläst er die nicht nur auf eine Laufzeit von knapp zweieinhalb Stunden auf. Er will diesen unbehaglichen Rausch um Tanz und Besessenheit, Manipulation und dunkle Mächte auch mit deutlich mehr Bedeutung aufladen. Bezugspunkt bleibt dabei bisweilen plakativ und prätentiös stets die deutsche Geschichte mit Referenzen zum Holocaust und immer wieder dem Deutschen Herbst. Mehr Wirkung erzielt er damit trotz all des inszenatorischen Aufwands, der Detailarbeit und Tonspur-Tamtams aber nur bedingt. Zur düster-dräuenden Musik von „Radiohead“-Mastermind Thom Yorke schwelt der Schrecken meist vor sich hin.

Der Horror fährt nicht wirklich in die Glieder – sieht man von einer extremen Ausnahme ab: einer grandios entfesselten Parallelmontage, die anhand hin- und hergeworfener Körper die Schönheit der choreographierten Bewegung und heftige Gewalt zusammenbringt. Das Knacken dieser Knochen hört man noch, wenn der Film nach seinem fiebertraumartigen Blutsudelfinale längst vorbei ist.

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