Film

August Zirner: „Doch, die Welt ist therapierbar“

In seinem neuen Film spielt August Zirner mal wieder einen Therapeuten. Privat hat der Schauspieler auch schon mal einen aufgesucht.

Foto: Alamode

August Zirner und die Psycho-Couch, das gehört irgendwie zusammen. Schon zwei Mal hat der Schauspieler für Sandra Nettelbeck einen Therapeuten gespielt, erstmals in ihrem Erfolgsfilm „Bella Martha“ und dann in „Sergeant Pepper“, aber immer nur als Nebenfigur. In ihrem dritten gemeinsamen Film „Was uns nicht umbringt“, der am Donnerstag ins Kino kommt, darf er die Figur aus „Bella Martha“ nun noch einmal spielen. Und diesmal dreht sich alles um sie. Wir haben mit dem 62-Jährigen im Hotel Sofitel gesprochen: über Therapien, neurotische Schauspieler und eine Welt, die immer verrückter wird.

Herr Zirner, stimmt es, dass Sandra Nettelbeck Ihnen einen eigenen Film schenken wollte?

August Zirner: Bei „Bella Martha“ und später nochmal bei „Sergeant Pepper“ versprach sie mir, dass sie aus dieser Therapeutenfigur mal was Eigenes machen wird. Ich gebe zu, dass ich damals gedacht habe: Klar, solche Sprüche kenne ich. Aber schon bei der ersten Begegnung mit ihr hier in Berlin habe ich gewusst, dass sie ein Mensch ist, dem ich vertraue. Dass dieses Vertrauen sich durch das Einhalten dieses Versprechens tatsächlich eingelöst hat, ist umso schöner. Das ist durchaus nicht so häufig in unserer Branche.

Es ist das dritte Mal, dass Sie für sie einen Therapeuten spielen. Warum hält Ihre Regisseurin Sie so geeignet dafür?

Gute Frage! Das kann der Therapeut aber nicht selbst beantworten. Das müssen Sie Sandra selber fragen. Möglicherweise vertraut sie auch mir.

War das eine Rückkehr, diese Figur nach 16 Jahren noch einmal zu spielen?

Nein. Dafür waren einfach zu viele andere Rollen dazwischen. Und jede Rolle ist ja auch immer wieder verschieden. Ich spiele viel Theater, und auch wenn ich da immer wieder die gleiche Rolle spiele – Nathan den Weisen etwa zum 103. Male in München – ist doch jede Vorstellung anders. Das ist Schauspielerhandwerk. Man ist nur dann gut, wenn man immer wieder neu schöpft.

Als Therapeut muss man vor allem zuhören. Ist dass schwieriger, sowas zu spielen?

Schon. Das weiß ich aber erst, seit der Film fertig ist. Danach hatte ich nach Monaten wieder die erste Vorstellung als Nathan. Da merkte ich plötzlich, dass ich den ganz anders spiele. Ich war erst irritiert. Bis mir klar wurde: Ich höre zu! Ich höre besser zu. Die ersten Drehtage haben wir nur die Therapieszenen gedreht. Also kamen diese ganzen wunderbaren Kollegen alle zu mir auf die Couch, ich durfte ihnen zussehen bei ihren rollenbedingten Neurosen und war da in einem merkwürdigen Zustand von Glück. Das überträgt sich nicht nur auf meine anderen Rollen, sondern auch auf mich persönlich. Ich rede sonst nämlich immer nonstop, wenn man mich nicht unterbricht…

Ach wirklich?

Ich bin eine Quasseltante, zum Leidwesen meiner Familie. Aber der kleine Sprung zum Zuhören ist so simpel. Es ist ein schönes Beiwerk, das gelernt zu haben. Oft wird man ja beschenkt durch eine Arbeit. Und das ist ein absolutes Geschenk.

Alle im Film leiden an Schwermut. Das wird ja gern als deutsche Krankheit bezeichnet. Wie sehen Sie das als gebürtiger Amerikaner?

Ach ja, der schwermütige Deutsche, dem der Humor ausgetrieben wurde durch die Nazis. Das stimmt ja alles, da ist dem deutschen Kulturwesen wirklich etwas verloren gegangen, und das muss sich wiederherstellen. Deutscher Humor ist ja oft leider gar nicht komisch. Da ist Heinrich von Kleist entschieden komischer als das, was man heute so in deutschen Komödien zu sehen kriegt. Das rührt meines Erachtens aber gerade daher, dass man versucht, nicht schwermütig zu sein. Man muss sich ihr einfach stellen. Das ist aber nichts genuin Deutsches.

Schauspieler gelten als besonders neurotische Klientel. Würden sie dem zustimmen?

Aber ja. Wir sind alle ein bisschen neurotisch. Narzissmus gehört notwendigerweise zu dem Beruf dazu. Man muss sich ja ständig mit sich selbst beschäftigen. Wir gieren nach dem Applaus. Und fallen dann in das Loch danach. Wir armen Mimen! Dieses Auf und Ab ist schon extrem.

Nach diversen Woody-Allen-Filmen hat man das Gefühl, Neurosen gehören zum gepflegten Intellektuellen dazu. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, lagen Sie auch schon mal auf der Couch?

Ja. Ich habe mal eine Gesprächstherapie gemacht. Das war vor zehn Jahren, da habe ich gedacht, dass sich etwas in meine Gewohnheiten hineingefressen hat. Das war sehr hilfreich, ich habe sogar eine Familienaufstellung gemacht. Da war ich bei einem Menschen, den ich noch heute ab und zu aufsuche, wenn ich mit einem Problem mal nicht weiterkomme. Es ist eben kein Familienmitglied, kein Freund, sondern einer, der neutral und unbefangen zuhören kann. Ich finde, man kann sich durchaus helfen lassen. Und kann auch offen dazu stehen. Ich habe aber nie eine Psychoanalyse gemacht. Ich bin nicht therapiebedürftig oder gar –süchtig. Ein gelegentliches Gespräch hilft.

Ist Schauspielerei auch eine Art Therapie?

Nein. Weil man oft in Verletzlichkeiten oder Eitelkeiten kommt, wo man sich wirklich ganz blöd benimmt. Ich auch! Das ist ganz furchtbar. Dass man beleidigt ist und mal richtig in Wut ausbricht. Inzwischen erkenne ich das und kann‘s noch rechtzeitig abwürgen. Da bin ich als Schauspieler weiter wie als Privatperson. Bei mir um die Ecke hatte neulich eine Frau eine Konföderiertenflagge auf ihrem Wagen. Die Flagge der White Supremacists also. Ich habe sie gefragt, ob sie weiß, was das ist. Und sie sagte: Ja, sie steht dazu. Und beklagte nur, dass man ihre Trump-Aufkleber abgerissen hat. Da bin ich komplett ausgerastet. Da habe ich Dinge gesagt, die ich nicht hätte sagen sollen. Da wünschte ich mir, ich könnte das auch privat besser steuern.

Wie verfolgen Sie denn als Halbamerikaner die Politik Trumps? Sind Sie manchmal ganz froh, in der Alten Welt, in Europa zu leben?

Ich kann nicht über US-amerikanische Politik sprechen, ohne in unsouveräne, ineffektive, unkonstruktive Hasstiraden zu geraten. Deshalb bin ich wirklich froh, hier zu leben. Ich bin Europäer durch und durch, und sehr froh darüber. Ich habe noch immer einen amerikanischen, aber auch einen österreichischen Pass und verstehe mich als deutscher Kulturschaffender und passionierter Verteidiger der deutschen Sprache und Kultur. Und ich finde europäische Probleme so bewältigbar. Problematisch vielleicht, aber bewältigbar. Trotz dieser bescheuerten AfD und trotz Seehofer und Konsorten haben wir in Deutschland doch eine erstaunliche Auseinandersetzungskultur. Wir sind schon sehr gesegnet damit. Das lohnt sich zu verteidigen. In Amerika haben wir das momentan nicht. Und in Österreich, meiner zweiten Heimat, ist das auch schon etwas wackelig mit dieser Nähe zu Orban.

Wenn man die Nachrichten schaut, hat man das Gefühl, die ganze Welt ist verrückt geworden. Ist sie noch therapierbar?

Auf jeden Fall! Nach einer Zeit der Toleranz, der Großzügigkeit, der Gutmenschlichkeit, vielleicht auch des Zuviel von alldem, machen sich jetzt die bösen Kinder breit. Aber das ist Pirandello, das ist Dario Fo, das ist eine Realsatire. Und auch als solche erkennbar. Aber das steht alles unter Beobachtung, und es bildet sich auch schon eine Gegenbewegung. Immer mehr Menschen gehen dagegen auf die Straße. Da bin ich ganz optimistisch.

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