Irgendwann steht Faber eine Weile lang mit hinter dem Kopf verschränkten Armen alleine auf der Bühne. Es scheint, als könne er das alles nicht fassen: den ihm aus der vollgepackten Columbiahalle entgegenbrandenden Jubel, das Kreischen, das Johlen und Feiern. Er rauft sich die Haare, grinst, schlägt die Hände vors Gesicht.
Vielleicht sind das nur gekonnte Rockstar-Posen, doch die Geschichte von Faber ist wirklich zum Wundern. Der Schweizer ist gerade mal 25 Jahre jung, bürgerlicher Name: Julian Pollina, Vater: der Liedermacher Pippo Pollina. Nach Jahren als Begleitprogramm von Hochzeiten in Berghütten nimmt 2013 Sophie Hunger ihn mit auf Tour, dann Kraftklub, dann AnnenMayKantereit. Sein erstes Album, „Sei ein Faber im Wind“, erscheint im Sommer 2017. Es steigt in Deutschland auf Platz 17 der Charts, in der Schweiz auf Platz 3. Die Tour zur Platte ist restlos ausverkauft. Zack.
So krachig geht es auch zu beim aus dem Frühling nachgeholten Berlin-Konzert. Nur drei Songs brauchen Faber und Band, um die Halle zum Wippen zu bringen. Nach einer Stunde zieht er das klatschnasse Hemd aus, zeigt für ein paar Minuten seinen Model-Oberkörper. Vom Publikum rinnt der Schweiß. Wimpel werden geschwenkt, junge Männer grölen irgendwas im Chor. Selbst in den hintersten Reihen, wo man Fabers Texte kaum versteht, können alle seine Texte mitsingen.
"Besser jung und dumm, als nur noch dumm"
Bei aller roher Energie der Band, ihrem gekonnten Stilverschnitt zwischen Polka, Disco, Chanson und Moritat, sind es diese Texte, die das Faber-Phänomen ausmachen. Sie produziert T-Shirt-taugliche Slogans wie „Besser jung und dumm / als nur noch dumm". Und politisch kann Faber auch, je dreckiger, desto lieber: „Besorgter Bürger, ich besorg’s dir auch gleich“. Ein Dylan-mäßiges Anti-Liebeslied beginnt: „Einer von uns beiden war ein Arschloch / und das warst du“. Dazu fluchen ein paar Mädchen im Publikum wie die Rohrspatzen.
Zartes gibt es manchmal auch, im nächsten Atemzug gleich wieder gebrochen – aber, ach, es war ja trotzdem schon gesagt. Irgendwie schafft Faber es sogar, mit Charme und Posaune Depressionen zum Tanzen zu bringen: „Wenn du dann am Boden bist / weißt du wo du hin gehörst // Mit dem Rücken zur Wand / Hältst du dir selber die Hand“.
Ist das alles Pathos, ist es Ironie, oder beides? Sind es pure Punchlines oder vielmehr Rollenlyrik, wenn Faber schwer zuhälterisch croont: „Baby, Beine wie die deine, die hat hier keine Zweite. / Ich trink dich aus als wär ich Alkoholiker / und du Tanquarey“. Gerade diese breitbeinigen Stellen liebt das Publikum, diesen seltsamen, sanften Macho-Jungen.
Da werden Arme in die Luft gefeuert, da rollt die Polka-Party-Maschine mächtig über alle hinweg. Mensch und Kunstfigur, Pose und Wahrhaftigkeit verschmelzen in solchen Momenten, wie man das seit, sagen wir, Serge Gainsbourg nicht mehr erlebt hat. Ein als Proll getarnter Intellektueller – oder andersrum? Egal. Passend dazu kann man beim Rausgehen schnell noch ein pseudosilbernes Zigarettenetui erwerben. Geile Geste: ein Zigarettenetui in Zeiten zunehmenden Nichtrauchens. Gainsbourg wäre stolz auf Faber.
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