Er ist mit nur einem Song zur Legende geworden. 1971 landete der amerikanische Singer/Songwriter Don McLean mit „American Pie“ einen Jahrhunderthit, der auf immer mit seinem Namen verbunden ist. Seit den 60er-Jahren schreibt er unermüdlich Songs und steht auf den Bühnen der Welt, doch nie konnte er diesen phänomenalen Hitparadenerfolg wiederholen. Er hat die Latte für sich damit einfach zu hoch angesetzt.
Am Montagabend steht er mit seiner in Nashville rekrutierten Vier-Mann-Band vor dem Altar der ausverkauften Passionskirche in Kreuzberg und blättert mit großer Geste und charmantem Understatement im Great American Songbook des Pop. Zuvor hatten Jarrod Dickensen aus Waco/Texas und seine Frau Claire mit ihren wehmütigen, eher leisen Countrysongs auf den Abend eingestimmt. So richtig leise wurde es danach nicht mehr.
Denn obwohl Don McLean seine stilistisch abwechslungsreichen Lieder zur akustischen Gitarre singt, ist der Sound der Band recht mächtig. Offenbar versuchen sie, dem typischen Kirchen-Hall mit Lautstärke entgegenzutreten. Das kommt nicht bei allen Besuchern gleich gut an. Immerhin: im Laufe des langen Abends wird es etwas besser.
„Singin‘ The Blues“ und „Everyday“
Der 73-jährige Don McLean hat ein großes Herz für die frühe amerikanische Popmusik, für Blues und Jazz, Country und Rock ’n’ Roll. In Jeans und schwarzem Satinhemd steht er an der Rampe und eröffnet den Abend mit dem Guy-Mitchell-Klassiker „Singin‘ The Blues“ und legt mit „Everyday“ gleich noch ein Stück seines Idols Buddy Holly nach. Er ist gut bei Stimme, singt sich mit klarem Tenor durch ein Repertoire, das er bei jedem Konzert variiert.
Mit „Winterwood“ kommt das erste eigene Stück, 1971 auf seinem zweiten Album „American Pie“ veröffentlicht, gefolgt von „And I Love You So“ vom noch wenig erfolgreichen Debüt „Tapestry“ von 1970. Populär wurde der Easy-Listening-Song allerdings durch eine Vielzahl anderer Interpreten, Perry Como sang ihn ebenso wie Elvis Presley, Shirley Bassey, Emmilou Harris oder Rick Astley.
Seine eigenen Songs von „Crossroads“ und „Castle In The Air“ über die nur mit Pianobegleitung vorgetragene Ballade „O My What A Shame“ bis zu „The Lucky Guy“ vom aktuellen Album „Botanical Gardens“ mischt er immer wieder mit Interpretationen von Klassikern. Da gibt es Elvis Presleys „Are You Lonesome Tonight“ ebenso wie Roy Orbisons „Crying“, „Hide Nor Hair“ von Ray Charles oder „Drinkin‘ Again“ von Dinah Washington.
Die Band rumpelt mitunter ein wenig, doch die Musiker haben sichtlich Spaß. Gitarrist Carl „Vip“ Vipperman, Bassist Brad Albin, Pianist Tony Migliore und Schlagzeuger Jerry Kroon zählen alle zur Elite der Studiomusiker von Nashville. Dann endlich kommt der Song, auf den alle sehnlichst gewartet haben. Eine gefühlt viertelstündige Version von „American Pie“ setzt den furiosen Schlusspunkt unter dieses Konzert. Es darf mitgesungen werden.
McLean besingt den Rock ‘n‘ Roll
In „American Pie“ singt Don McLean in poetisch verschlüsselten Zeilen vom Rock ‘n‘ Roll der 50er- und 60er-Jahre, ohne groß Namen zu nennen. Das Stück ist eine Hommage an Buddy Holly und eine Erinnerung an den tragischen Flugzeugabsturz am 3. Februar 1959 in Iowa, bei dem die Rock-’n’-Roll-Stars Buddy Holly, The Big Bopper und Richie Valens ums Leben kamen. Darauf bezieht sich die Songzeile „The day the music died“, die zum geflügelten Wort wurde. Im Jahr 2000 hat Madonna „American Pie“ gecovert. Daran mag es liegen, dass der Altersdurchschnitt des Publikums ein wenig gesenkt wurde.
Längst haben sich die Besucher von den harten Holzbänken erhoben. Der Applaus ist atemberaubend. Die Zugabenrufe lang anhaltend. Und drei Zugaben gibt es auch. Als erstes gleich noch einmal eine lange Reminiszenz an „American Pie“ und zum Abschluss den zweiten großen Hit von Don McLean. Mit „Vincent (Starry Starry Night)“ von 1971, seiner schwärmerischen Hymne auf den Maler Vincent van Gogh, schickt er ein zumeist zufriedenes Publikum in die kühle Berliner Nacht.


