Film

Von Opfern und Tätern: „Werk ohne Autor“

Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck sucht die ganz große Allegorie auf die deutsche Geschichte – und verhebt sich dabei.

Foto: ©2018 BUENA VISTA INTERNATIONAL / Pergamon Film / Wiedemann & Berg Film

Berlin. „Sieh niemals weg!“ Ein Film über deutsche Schuld und faschistische Schatten, ein Film, der davon erzählt, dass die Vergangenheit nie aufhört, sondern in die Gegenwart spielt, ein Film, der unter diesem Motto steht – und es im internationalen Verleih „Never look away“ sogar im Titel trägt –, scheint gerade das Werk zur Stunde.

Florian Henckel von Donnersmarck erzählt in seinem dritten Film ein Drama, das deutlich an die Vita von Gerhard Richter, dem bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler, angelehnt ist. Richter heißt hier nicht Richter, weil sich der Künstler weder in Jürgen Schreibers Biografie, die ihm zugrunde lag, noch in dem Film wiedererkennen mag.

Gleichwohl ist er klar zu erkennen. Vor allem in einem biografischen Schlüsselmoment: dass eine Tante Gerhard Richters von den Nazis im Zuge der NS-Euthanasie zwangssterilisiert und schließlich ermordet wurde, während Richters Schwiegervater selbst in der NS-Zeit Zwangssterilisationen an sogenanntem unwerten Leben vornahm.

„Sieh nicht weg!“ Das sagt die Tante im Film dem Jungen, der nun nicht Gerhard Richter, sondern Kurt Barnert heißt. In der Schlüsselszene des Films hält sich der Bub die Hände vors Gesicht, als die geliebte Tante abtransportiert wird, spickt aber doch hindurch. Er sieht auf seine Finger, die späteren Malerhände, während die traumatische Erfahrung vor ihm in Unschärfe verschwimmt.

Diese Tante besuchte mit ihm in Dresden die Ausstellung „Entartete Kunst“, mit der die Nazis die Moderne verteufeln wollten. Für den Knaben eher ein Erweckungsmoment. Von da an will er Maler werden. Kann sich aber im sozialistischen Realismus der DDR nicht entfalten. Flieht in den Westen. Schafft es auf die Kunstakademie in Düsseldorf. Und ringt dort, quälend lange, mit einer eigenen Ästhetik, einer Idee, mit sich selbst.

Bis die Rückbesinnung auf das traumatische Erlebnis die Erleuchtung bringt. Er malt eine Fotografie seiner Tante nach, verfremdet sie in Unschärfe. Und verschmelzt sie mit dem Konterfei seines Schwiegervaters. Der hat die Ehe seiner Tochter mit dem in seinen Augen schwachen, minderwertigen Künstler mit allen Mitteln verhindern wollen. Dass der angesehene Arzt zur NS-Zeit selbst an der Euthanasie beteiligt war, im Film sogar das Schicksal der Tante besiegelt hat, das weiß der junge Künstler nicht, das ahnt er höchstens. Und findet mit seinem Gruppenbild von Opfer und Täter endlich zu einer künstlerischen Sprache.

Es ist eine dämonische Geschichte, die Henckel von Donnersmarck da entwirft, und eine unglaubliche dazu, die kein Drehbuchautor sich zu erfinden getraut hätte. Ein großes Sittengemälde von gleich drei Systemen, Nationalsozialismus, Sozialismus und Wirtschaftswunder-BRD, mit ihrem jeweiligen Kunstverständnis, und das über vier Jahrzehnte hinweg.

Ein groß angelegtes Epos – unter groß macht es von Donnersmarck ja nie –, bei dem auch andere Künstler wie Günther Uecker und Josef Beuys, ebenfalls unter fremdem Namen, auftauchen. Und Richter auf den Weg geben, dass er eine Idee finden müsse (Uecker), dass er rausfinden müsse, wer er sei (Beuys). Wobei Donnersmarck historische Figuren und Momente wie ein Schwamm aufsaugt, um daraus ein doch fiktives Drama um Schuld, Liebe und Kunst zu machen.

„Werk ohne Autor“ ist das dritte Werk des Film-Autors Donnersmarck, nach dem Oscar-prämierten Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ (2006) und dem missglückten Hollywood-Einstand „The Tourist“ (2011). „Werk ohne Autor“, das er nun wieder in Deutschland gedreht hat und das eine dezidiert deutsche Geschichte erzählt, kann man als eine Art Komplementärfilm zum „Leben der Anderen“ verstehen. Dort ging es darum, wie die Kunst das Leben beeinflusst, hier, wie das Leben in die Kunst hineinwirkt. Aber unschwer kann man in der Schaffenskrise des Protagonisten auch die des Regisseurs erkennen, der sich nach seinem Hollywood-Flop neu aufstellen muss.

Donnersmarck ringt hier mit der Erzählform des epischen Kinos. Er sucht ganz klar die große Allegorie auf die jüngste deutsche Geschichte. Aber er verhebt sich dabei. Obschon er mit einigen der besten deutschen Schauspieler gearbeitet hat, treibt er sie immerzu zu Übertreibungen an. Am besten kann da noch Tom Schilling bestehen, der Richters Alter Ego spielt. Und Sebastian Koch, der Hauptdarsteller auch beim „Leben der Anderen“, wiederholt hier seine Rolle als Euthanasie-Arzt aus „Nebel im August“ (2016). Weniger überzeugen dagegen Donnersmarcks Frauenfiguren, Paula Beer als Ehefrau und Saskia Rosendahl als Tante, die hier oft zu reinen Projektionen verkommen, ja manchmal unfreiwillig komisch wirken.

Auch sonst geht Donnersmarck wenig subtil vor, trägt im Gegenteil mit ähnlich kräftigen Pinselstrichen auf wie sein Protagonist. Alles in diesem 188-Minüter ist überlang in Szene gesetzt, von keiner seiner lang ausgefeilten Dialogzeilen konnte sich der Regisseur im Nachhinein trennen. Und dann drückt er immerzu aufs ganz große Pathos. Keine feinen Anspielungen, nein, immerzu winkt Donnersmarck mit dem Zaunpfahl. Als ob er seinem eigenen Stoff nicht vertrauen würde oder, schlimmer noch, seinem Publikum. So verstimmt Florian Henckel von Donnersmarck, dessen „Leben der Anderen“ doch gerade dadurch überraschte, dass da ein Filmdebütant sein Metier so gekonnt beherrschte, mit einem ständigen Zuviel. Als habe er das Gespür fürs filmische Erzählen verloren.

Der Verleih unterstreicht dieses Pathos noch, indem er dieses Drama über deutsche Geschichte am Tag der Deutschen Einheit ins Kino bringt. Ob man sich freilich einen Gefallen damit getan hat, „Werk ohne Autor“ als deutschen Kandidaten ins Rennen um den Auslands-Oscar zu schicken, bleibt abzuwarten. Auf dem Filmfestival in Venedig, wo er im Wettbewerb lief, ist „Werk ohne Autor“ jedenfalls recht verhalten aufgenommen worden. Wohl gerade wegen seines hohlen Pathos und dem Zuviel an allem.

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