„Babylon Berlin“

Liv Lisa Fries über ihre Rolle: „Die 20er-Jahre liegen mir“

Liv Lisa Fries spielt die weibliche Hauptrolle in der Serie „Babylon Berlin“. Und wird damit zum Star werden.

Im TV-Event „Babylon Berlin“ verkörpert Liv Lisa Fries die Polizei-Anwärterin Charlotte Ritter

Im TV-Event „Babylon Berlin“ verkörpert Liv Lisa Fries die Polizei-Anwärterin Charlotte Ritter

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Es mutet etwas seltsam an, über eine Produktion zu sprechen, die schon vor einem Jahr Premiere hatte. Und für die man auch vor einem Jahr schon Interviews gab. „Ein bisschen ist das schon ein alter Hut“, gibt die Schauspielerin Liv Lisa Fries zu. Selbst der Ort ist derselbe, wieder sind wir im ersten Stock über dem Restaurant „Borchardt“ in Mitte. Aber so ist das eben, wenn erstmals ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender mit einem Pay-TV-Kanal zusammen eine Serie produziert. „Babylon Berlin“ war zuerst im Oktober 2017 auf Sky zu sehen und wird ab dem heutigen Sonntag in der ARD ausgestrahlt. Ungewöhnliche Finanzierungswege fordern eben auch ungewöhnliche PR-Aktionen.

Immerhin kann man das erneute Zusammentreffen nutzen, um über die Zeit seither zu sprechen. Denn die spektakuläre Produktion über das Berlin der Zwanzigerjahre, von gleich drei Regisseuren gedreht und bislang die aufwendigste und teuerste deutsche Serie, glänzt mit lauter großen Stars, selbst in kleinen Rollen. Aber die zweite Hauptrolle neben Volker Bruch als Kommissar Gereon Rath, die spielt Liv Lisa Fries. Und die ist unter all diesen Promi-Namen noch, pardon, das muss man jetzt so formulieren, die große Unbekannte. Sie ist zwar trotz ihrer erst 27 Jahre schon seit elf Jahren im Geschäft und kann auf eine stattliche Reihe von Filmen blicken. Sie hat auch schon zwei große Achtungserfolge erzielt: 2011 wurde sie für ihre Rolle als gewalttätige Jugendliche im ARD-Drama „Sie hat es verdient“ bei der Goldenen Kamera und 2014 für ihre Mukoviszidose-Kranke in „Und morgen bin ich tot“ beim Max-Ophüls-Preis jeweils als beste Nachwuchsschauspielerin geehrt. Aber dennoch hat sich ihr Name noch nicht eingeprägt, kennen die meisten ihr Gesicht bislang nicht.

Sie ist das Herz dieser Mammutserie

Das wird sich durch „Babylon Berlin“ ändern. Da spielt sie ganz selbstverständlich neben all den Großen der Branche, neben Peter Kurth, Lars Eidinger, Misel Maticevic, Matthias Brandt, Fritzi Haberlandt und, und, und. Sie weiß nicht nur gegen diese geballte Prominenz zu bestehen, sie ist das eigentliche Herz dieser Mammutserie, sie bringt die Produktion erst recht zum Strahlen. Und wird damit, das darf man prophezeien, zum Star. Wohl nicht nur in Deutschland.

Aber davon will die gebürtige Berlinerin erst mal nichts wissen. Sie ist da ganz bodenständig geblieben. Es kränkt sie auch nicht, wenn man sie als „große Unbekannte“ sieht. Nach „Sie hat es verdient“ hat man sie kaum erkannt, weil sie im Film sehr anders aussah. Bei „Und morgen Mittag bin ich tot“ fing das dann an, dass man sie ansprach. Das will sie gar nicht auf sich beziehen. Das Filmdrama habe die Leute wohl sehr bewegt. Aber jetzt wird sie erstaunlich oft auf „Babylon Berlin“ angesprochen, egal wo sie gerade ist. Es passiert auch schon mal, dass sie als Charlotte Ritter angeredet wird, ihre Serienfigur. „Viele meinen auch, ich würde dieser Schauspielerin Liv Lisa Fries ähnlich sehen.“ Das findet sie am lustigsten. „Vielleicht hat das aber auch, ohne mich jetzt selbst zu loben, mit einer gewissen Wandelbarkeit zu tun.“ Genau so würde sie nämlich ihre Rollen auswählen: Dass die möglichst unterschiedlich sind, dass ihre Person dahinter verschwindet. „Ich selbst muss gar nicht so präsent sein.“ Das klingt unheimlich bescheiden. Und unheimlich sympathisch.

Sympathisch, das ist sowieso der erste Eindruck, den man gewinnt, wenn man ihr gegenübersitzt. Fast zierlich wirkt sie, noch zierlicher als in der Serie. Und doch geht eine große Kraft von ihr aus. Und ein starkes Selbstbewusstsein. Als das Angebot für die Serie kam, blieb Liv Lisa Fries ganz cool. So wie die drei Regisseure Tom Tykwer, Henk Hand­loegten und Achim von Borries beim Casting „geguckt haben, ob sie mich haben wollten, so habe auch ich geguckt, ob ich mit denen arbeiten möchte“. Selbst als sich die drei für sie entschieden haben, wollte sie erst mal die Drehbücher lesen. Aber schon nach den ersten Seiten sei ihr klar geworden, dass sie das machen will, machen muss.

Die Serie bietet mehr Konturen als die Bücher

Die Figur der Charlotte Ritter ist anders angelegt als in Volker Kutschers Kriminalromanen, die als Vorlage dienen. Nicht so bürgerlich. Ihre Charlotte kommt aus einfachsten, proletarischen Verhältnissen, muss die ganze Familie ernähren, bewirbt sich deshalb beim Polizeipräsidium und assistiert bald dem Kommissar Rath. Nachts verdingt sie sich aber, ganz anders als in den Büchern, noch zusätzlich als Animierdame im Vergnügungslokal Moka Efti. Womit sie als Polizei-Anwärterin eigentlich ziemlich angreifbar ist und bald auch erpresst wird. Da die Serie viel mehr Umfang hat als die Buchvorlagen, erhält auch ihre Figur viel mehr Konturen. Und wird denn auch nicht Charly genannt wie in den Romanen, sondern Lotte.

Die Zeit, in der die Serie spielt, die 20er-Jahre, das liegt der Fries: diese Ästhetik, die kulturelle Blüte, die Moderne und, klar, „auch was das Bild der Frau angeht“. Die Interieurs, die Musik, die Mode von damals, darin fühle sie sich sehr wohl. „Teilweise wohler als in der heutigen Zeit.“ Aber man weiß ja, was auf die vermeintlichen „Goldenen Zwanziger“ folgte, als die Nazis an die Macht kamen. Und das war dann auch wieder unheimlich: zu sehen, wie parallel zu den Dreharbeiten der politische Ton in der Gegenwart immer rauer wurde, wie auch heute wieder ein Rechtsruck zu erleben ist. Das macht die vermeintlich so historische Serie gespenstisch aktuell.

Während die ersten zwei Staffeln jetzt im Ersten laufen, wird die dritte ab Anfang November gedreht. An dieser Stelle müssen wir allerdings freundlich nachhaken: Hat Liv Lisa Fries nicht mal gesagt, sie wolle nie Serien drehen? Tja, grinst sie, „die Äußerung fällt auf mich zurück.“ Eigentlich tue sie sich immer schwer mit derlei Aussagen, hin und wieder lasse sie sich aber doch mal zu einer hinreißen. Wie in diesem Fall. „Und jetzt werde ich dauernd darauf angesprochen“, stöhnt sie. Aber man müsse auch berücksichtigen, dass sich auf diesem Sektor in der letzten Zeit eine unglaubliche Dynamik entwickelt hätte. „Die Serien, die ich damals gemeint habe, sind nicht mehr die, die heute gedreht werden.“

Das Niveau der Serie wurde ihr erst später klar

Wenn man sich für eine so lange Serie bindet – bislang sind sechs Kutscher-Romane erschienen, der siebte erscheint im November, und die ersten zwei Staffeln beinhalten lediglich das erste Buch –, blockiert man sich da nicht auch langfristig für andere Projekte? Nein, das sieht sie komplett anders. Sie war nie in einem Theaterensemble, es ist eine ganz neue Erfahrung für sie zu wissen, was sie das ganze Jahr über zu tun hat. „Sonst weiß man höchstens, dass man im Sommer einen Kinofilm dreht und vielleicht im Herbst den nächsten.“ Und erst im Nachhinein wurde ihr so richtig klar, was für ein unglaubliches Niveau die Serie habe.

Sie dreht mit drei der tollsten Regisseure in Deutschland, macht eine unglaubliche Reise und darf eine so vielschichtige Figur spielen, da wäre sie schön blöd, wenn sie nicht weitermachen würde. Jetzt müsse man allerdings erst mal abwarten, wie die Serie beim großen Publikum fernab vom Pay-TV ankomme. Wobei man sich da keine Sorgen machen muss: Die Kritiken sind teils euphorisch, die Serie ist auch in andere Länder verkauft, und alle Geldgeber haben die dritte Staffel längst abgesegnet, bevor sie die Quote prüfen konnten. Liv Lisa Fries dürfte also noch eine ganze Weile die Charlotte Ritter spielen.

Alle machen jetzt Serien fernab vom Kino

Alle machen jetzt Serien. Auch ein Tom Tykwer ist erst mal weg vom Kino. Aber geht da nicht auch etwas verloren? Ist der grassierende Serienboom womöglich das Ende vom Kino, wie wir es kennen? Auch da ist die Berlinerin wieder ganz bodenständig. Erst mal, sagt sie, sei es natürlich toll, eine Figur über eine längere Zeit entwickeln zu können. Sie hat neulich die erste Folge von „Columbo“ gesehen, Peter Falk war da noch gar nicht so genial. Eine Serienfigur, stellte sie fest, entwickelt sich also mit der Zeit.

Auch Liv Lisa Fries ist da mit „Babylon Berlin“ vielleicht erst am Anfang. Aber, setzt sie gleich nach, „das darf nicht das Ende vom Kino sein. Bitte nicht.“ Sie liebt Kino. Und will Filme auf der großen Leinwand sehen, als gemeinschaftliches Erlebnis. Ein Fernseher könne das nicht im Ansatz ersetzen. Nach „Babylon Berlin“ möchte sie deshalb auch nicht gleich die nächste Serie drehen. „Ich werde mich stark bemühen, wieder auf die große Leinwand zu kommen.“ Sie hält inne, dann lächelt sie. Ein Charlotte-Ritter-Lächeln. „Oje, schon wieder so eine Äußerung.“

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