Literatur

Lila ist nicht weit von Rosa

Filmregisseur Chris Kraus hat einen sehr amüsanten Roman über seine Anfänge geschrieben – und seinen „Filmvater“ Rosa von Praunheim.

 Musste die Schatten der Vergangenheit gleich mehrfach verarbeiten: Filmregisseur Chris Kraus

Musste die Schatten der Vergangenheit gleich mehrfach verarbeiten: Filmregisseur Chris Kraus

Foto: Reto Klar

Es ist immer so ein Ding mit der Wahrheit. „Manch ein Leser mag einige der Dinge, die auf den nächsten Seiten geschildert werden, für hysterisch oder gar erfunden halten“, heißt es zu Beginn des Romans „Sommerfrauen, Winterfrauen“. Das impliziert einen gewissen Wahrheitsgehalt. Doch als Motto vorangestellt wird ein Zitat Boris Vians: „Diese Geschichte ist komplett wahr, da ich sie von A–Z erfunden habe.“ Im neuen Buch von Chris Kraus geht es um Sex, schräge Vögel und Nazis. So was zieht ja immer. Nazis, weil die Familie des Protagonisten Jonas eine Täterfamilie ist und der vorbelastete Filmstudent auf keinen Fall „Nazischeiß“ drehen will. Sex, weil sein Filmprofessor fünf Studenten nach New York schickt, um dort Filme über Sex zu drehen. Als Mutprobe.

Chris Kraus (55) ist selbst Filmregisseur, von ihm stammen preisgekrönte Filme wie „Vier Minuten“ und „Poll“, er hat an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert und war tatsächlich in New York. Der Professor im Buch heißt Lila von Dornbusch, das ist hübsch, weil lila ja nicht weit von rosa ist. Und Dornbusch ein Stadtteil von Frankfurt, wie Praunheim. Da weiß also jeder, wer gemeint ist. Nur: Wie viel Wahrheit steckt nun in dem herrlich komischen Buch? Ist es gar ein Schlüsselroman?

Alles ist irgendwie wahr. Und doch wieder nicht

Wir treffen den Berliner Filmemacher und Buchautor in einem Straßencafé. Bei der Frage rührt er etwas verlegen in seinem Cappuccino und muss doch schmunzeln. „Ich liebe das Subjektive“ gibt er zu, „das muss aber nicht heißen, dass es im objektiven Sinne wahr sein muss.“ Vor 25 Jahren sollte er wirklich Sexfilmchen in New York drehen. Mit Kommilitonen, deren Namen hier aber nicht genannt werden sollen. Kraus hat dort auch Tagebuch geschrieben wie sein Protagonist. Klar gibt es also Analogien. Und doch sei dieser Jonas eine absolute Kunstfigur.

Aha. Versuchen wir es also selbst mit einer Deutung. Erst 2001 hat Chris Kraus über eine Fußnote in einem Sachbuch erfahren müssen, dass sein Großvater ein Nazi und Holocaust-Täter war. Weil der Lieblingsenkel nicht nur Film, sondern auch Geschichte studiert hatte, ging er in die Archive und arbeitete die Familiengeschichte auf. Das hat ihn zehn Jahre seines Lebens gekostet. Und viel Kraft. Denn er fand mehr heraus, als man verkraften kann. Er hat darüber ein Buch geschrieben, eine Art Familienchronik, die er aber (noch) nicht veröffentlichen will.

Danach musste er die erschreckenden Erkenntnisse in kürzester Zeit gleich mehrfach verarbeiten, wie in einer Schaffenswut: in dem dickleibigen Roman „Kaltes Blut“, der vieles aus der Chronik als gar nicht so überspitzte, aber rabenschwarze Satire erzählte. Und im Kino in der Tragikomödie „Die Blumen von gestern“, in der sich der Sohn eines Nazi-Täters in die Nachfahrin eines Holocaust-Opfers verliebt.

Das hat immer noch nicht gereicht, um die Schatten der Vergangenheit abzuschütteln. Also plante Kraus einen rein komödiantischen Stoff, der von etwas ganz anderem handeln sollte. Da er immer irgendwie autobiografisch ar­beitet, ging er diesmal zurück an den Beginn seiner Filmkarriere. Und ist am Ende doch wieder bei „Nazischeiß“ gelandet. Ein Stoff, gibt Chris Kraus zu, „von dem ich akzeptieren muss, dass es mich, wahrscheinlich bis ich in die Grube steige, begleiten wird.“ Wenn er so zurückschaue, merke er schon, dass er in gewisser Weise doch immer am selben Buch arbeitet. „Das ist einerseits bestürzend, weil man die Welt ja immer neu fassen will. Andererseits gibt es einen Steinbruch, der offenbar noch nicht leer ist.“ Und da seien jetzt halt wieder „ein paar Felsbrocken“ in dieses Buch „hineingeplumpst“.

Chris Kraus kennt dabei keine Scham. Weder in der Darstellung des faszinierenden, aber unheimlich egomanischen und divenhaften Filmprofessors, erst recht aber nicht in der Darstellung des eigenen Alter Ego. Das macht den großen Reiz dieses Buches aus. Und irgendwie gewinnt man sie doch alle lieb, diese unheimlich schrägen, stets mit sich beschäftigten Figuren. Auch wenn Kraus selbst ganz ­anders und sehr strukturiert an seine Filme herangehe, habe Rosa von Praunheim ihn als Filmemacher stark beeinflusst. „Zu den Vaterfiguren, an denen ich mich abarbeite, ist er aber ganz klar ein Gegenprogramm.“ Eine zwar sehr exzentrische, groteske Vaterfigur. Aber aus seiner Bürgerlichkeit kommend, würden ihn extreme Menschen immer faszinieren. Und Praunheim war es auch, der Kraus riet, seine Themen bei und in sich selbst zu suchen. Das könne er ihm gar nicht hoch genug anrechnen.

Vor sechs Jahren schon haben so unterschiedliche Regisseure wie Tom Tykwer, Robert Thalheim, Axel Ranisch, Julia von Heinz und eben Kraus dem Mann, der sie alle geprägt hat, die wundervolle filmische Hommage „Rosakinder“ gemacht. Auch das Buch ist nun eine Verneigung vor Praunheim. Wenn auch eine sehr schräge. Aber anders würde man dem Berliner Paradiesvogel auch nicht gerecht werden. Dem Roman vorangestellt ist eine ganz persönliche und doch auch ganz politische Widmung: „Für Rosa. Und alle Farben (bis auf Braun natürlich).“

Chris Kraus: Sommerfrauen, Winterfrauen. Diogenes, 413 Seiten, 24 Euro.Buchpremiere am 1. Oktober, 20 Uhr, im Pfefferbergtheater mit Chris Kraus und Paula Beer.