Seine Bettnachbarn im Krankenhaus kann man sich nicht aussuchen. Das weiß jeder aus leidiger Erfahrung. So schlimm wie den Hippie Basti in Chris Kraus’ Roman „Das kalte Blut“ aber kann es einen eigentlich nicht treffen. Der Anfang 30-Jährige, der an die Grundharmonie allen Seins glaubt, hat mit seiner untertassengroßen Titanschraube im Kopf eigentlich genug zu schaffen.

Aber der alte Mann mit dem Schussprojektil im Schädel, der in sein Zimmer verlegt wird, will erst mal gar nichts von sich geben. Fängt dann doch an. Und hört nicht mehr auf. Auch nicht, als der Hippie längst nicht mehr zuhören mag. So schrecklich ist die Lebensbeichte, die ihm da erzählt wird.

Man möchte nicht weiterlesen und tut es dann doch

Es ist eine Geschichte von deutscher Schuld, von Völkermord, Spionage-In­trigen und lauter menschlichen Abgründen. Der Hippie ist nur eine Randfigur, das Krankenzimmer stellt lediglich die Rahmenhandlung. Das Buch erzählt aus der Ich-Perspektive die Geschichte von Konstantin Solm, genannt Koja, die auch die seines Bruders Hubert ist. Und die von Ev, einer Waisen, die in die Familie aufgenommen wird, also eine Art Schwester ist, und doch für beide Männer mehr wird. Eine quasi-inzestuöse Dreiecksgeschichte, die ein Dreivierteljahrhundert umfasst.

Von der Kindheit in Riga, von der russischen Revolution, die die Familie in Armut stürzt, den deutschnationalen Strömungen im Baltikum, die den Bruder aus tiefster Überzeugung – Koja eher aus passiver Trägheit – zur NSDAP führen und in die SS. Als Baltendeutsche werden sie nach Posen umgesiedelt und sind dort hauptverantwortlich für die Vertreibung und Ermordung von Polen und Juden.

Nach dem Krieg wird einfach weiter gemacht

Wann kommt die Wandlung, fragt der arme Hippie immer wieder, wann werden Sie zu einem guten Menschen? Aber, so gibt der Bettnachbar zu verstehen: Es gibt keine Wandlung. Er ist und bleibt ein finsterer Zeitgenosse. Und das über 1200 Seiten hinweg. Dem Leser geht es bald wie dem Hippie: Man mag nicht mehr zuhören, mag sich die Ohren zuhalten beziehungsweise das Buch in die Ecke pfeffern. Und kann doch nicht davon lassen. Immer wenn man glaubt, schlimmer könne es nicht werden, kommt eine noch unglaublichere Wendung. Als das Nazi-Reich untergeht, schwimmen die SS-Offiziere weiter wie Fett auf der Suppe. Machen in der jungen Bundesrepublik munter weiter. Im Bundesnachrichtendienst.

Ein Schelmenroman über einen NS-Täter: Geht das? Das ist die Frage, die sich der Leser ständig stellt. Die der Autor aber mit einem klaren Ja beantwortet. Mit großer Fabulierkunst und -lust schickt er den trägen Antihelden in russische Kriegsgefangenschaft, lässt ihn den BND für den KGB und den KGB für den BND bespitzeln. Dass er als getarnter Jude dann auch noch beim Mossad landet, ist so aberwitzig, dass man, allem Grauen zum Trotz, das Buch doch nicht weglegen kann.

Für acht Lolas nominiert: Kraus’ "Blumen von gestern" mit Adèle Haenel und Lars Eidinger
Für acht Lolas nominiert: Kraus’ "Blumen von gestern" mit Adèle Haenel und Lars Eidinger © dpa | Edith Held

Der Berliner Autor Chris Kraus ist ja eigentlich Filmregisseur („Vier Minuten“). Und als solcher gerade der große Favorit beim Deutschen Filmpreis: Seine „Blumen von gestern“ sind gleich acht Mal nominiert und haben damit sogar den viel beschworenen „Toni Erdmann“ ausgestochen. Auch „Die Blumen von gestern“ sind ein Balanceakt, eine Zumutung, bei der man lange nicht weiß, ob man sich das so erzählen lassen will.

Immerhin geht es da um zwei Holocaust-Forscher, den durchgeknallten Enkel eines Nazi-Täters und die durchgeknallte Enkelin eines Nazi-Opfers, die sich erst lange beharken, um dann das schrägste und neurotischste Paar des vergangenen Kinojahres zu werden. Nicht dass sich Kraus über den Holocaust lustig gemacht hätte, aber über die offizielle Geschichts- und Schuldaufarbeitung schon. Und wie.

Die eigene Familiengeschichte aufgearbeitet

Dabei ist dieser Film, das ist nicht ohne Ironie, eigentlich nur entstanden, weil Kraus ein leichteres Gegengewicht zu seinem erdschweren Buch brauchte. Kraus stammt selbst aus der dritten Generation, er hat spät und schmerzhaft erfahren müssen, dass sein Großvater ein SS-Offizier war. Kraus hat das alles für eine Familienchronik akribisch recherchiert, über zehn Jahre lang. Das hat ihn so verfolgt, dass er es dann auch fiktiv verarbeitet hat.

Dabei hat er zunächst wieder an einen Film gedacht, das Mittelstück einer Trilogie, die mit „Scherbentanz“ begann, wo er seine eigene Generation verarbeitet hat, und mit „Poll“ weitergeführt wurde, wo es um seine Großtante Oda Schäfer in Riga ging. Aber die Geschichte um die SS-Brüder weitete sich immer weiter aus, man überzeugte ihn, dass ein Roman das bessere Medium sei. Und was da jetzt alles drinsteckt, das würde in der Tat eine ganze Serie füllen.

Ein Sachbuch und eine Satire zum selben Thema

Wo die Familienchronik endete, der Roman aber entscheidend weitergeht, ist der Fakt, dass es nach der Kapitulation der Deutschen die berühmte Stunde null eben nie gab und die Täter von einst weiterhin fröhlich die Strippen zogen. Umstrittene Figuren wie Arnold Gehlen, der erste BND-Chef, kommen leibhaftig vor. Und man liest den Zorn, der Kraus dabei befeuert hat, und bleibt auch deshalb dran.

Inzwischen arbeitet der BND seine braune Vergangenheit ja selbst auf. Erst vor Kurzem sind die ersten vier Bände „Die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes. Von den Anfängen bis 1968“ erschienen, von denen der erste ebenjenem Gehlen gewidmet ist. Kraus konnte deren Erkenntnisse noch nicht wissen, sie bestätigen aber seinen Roman. Fast gleichzeitig sind damit ein Sachbuch und eine Satire über den braunen Filz im BND erschienen. Fehlt natürlich zwingend noch ein Film dazu.

Buchcover
Buchcover© Verlag | Verlag

Chris Kraus:
Das kalte Blut.
Diogenes, 1200 Seiten, 32 Euro.