Theater

Plötzlich Papst: Georg Preuße – wieder im Rock

Alle kennen ihn als Mary. Mit der Bühne hatte der Travestie-Star schon abgeschlossen. Jetzt kehrt Georg Preuße zurück – als Pius XII.

Foto: Reto Klar

Berlin. Eigentlich hat er sich von der Bühne ja schon verabschiedet. Still und heimlich, so dass man es kaum mitbekam. Seine letzte Show als Mary, seine legendäre Travestie-Figur, hatte Georg Preuße 2012, und den „Jedermann“ im Berliner Dom hat er 2014 das letzte Mal gespielt. Aber jetzt meldet sich der 68-Jährige aus seinem selbstgewählten Ruhestand zurück. Wieder mit einer Kleiderrolle – als Papst. Am Schlosspark Theater spielt er Pius XII. in Rolf Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“. Mit dieser Produktion startet das Haus in die neue Saison, Premiere ist am Sonnabend.

Die Idee stammt von Dieter Hallervorden, dem Intendanten des Hauses. „Wir haben seit Jahren überlegt, was man mal zusammen machen könnte“, erklärt Georg Preuße. „Er hatte auch schon Vorschläge gemacht, die mich alle nicht vom Hocker gerissen haben. Aber kürzlich rief er mich an und meinte: Jetzt habe ich eine Rolle für dich, die kannst du nicht ablehnen.“ Das habe er so bestimmt gesagt, dass Preuße automatisch zugesagt habe.

Sein Bühnenjubiläum hat er nicht zelebriert

Hallervorden wirbt gern mit prominenten Namen. Aber Moment mal, der Papst kommt im „Stellvertreter“ doch nur in einer einzigen Szene vor, höchstens fünf Minuten. Ist die Rolle nicht viel zu klein für einen Georg Preuße? Der lacht. Es sei für ihn nicht wichtig, wie groß eine Rolle sei. Aber ungewohnt sei es schon, gibt er zu: Sonst kam er, als Mary, immer auf die Bühne und ging nicht mehr. „Aber genau deshalb wollte ich ja eigentlich nichts mehr machen.“

In diesem Sommer war es genau 40 Jahre her, dass er dass erste Mal als Mary in Frauenkleidern auf die Bühne trat, damals noch im Duo Mary & Gordy. Zelebriert hat er das Jubiläum nicht. Im Gegenteil. „Das ist abgehakt. Ich habe genug Bühne gehabt im Leben“, zieht er jetzt Bilanz. Und es klingt ein wenig verbittert. Tag für Tag habe er für die Vorstellung am Abend geprobt. Er heiße eben nicht nur Preuße, er sei auch einer. „Ich kannte eigentlich nur die Nacht“, stöhnt er. „Und das war 40 Jahre so.“ Die Angst, den Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden, habe mit den Jahren nicht nachgelassen, sie sei immer größer geworden. „Die Angst hat mich blockiert. Ich war am Ende. Ausgelaugt.“ Überraschend nüchterne Worte von einem Menschen, den man auf der Bühne immer nur strahlen sah.

Stattdessen ist Preuße seiner langjährigen Liebe in die Schweiz gefolgt. Die Mary-Kleider, die ganze Wohnungen füllen könnten, sind alle ausgelagert. Aber vakuumiert. Weil der Ex-Travestie-Star sich kennt. Weil er nie nie sagen will. Aber vermissen würde er das nicht. Plötzlich habe er ein Privatleben, merke er, wie viel vom Leben er verpasst hat. „Ich kannte ja nur die Bühne.“ Hat es da geholfen, dass die meisten Menschen ihn nur als Mary kennen – und als Georg Preuße vielleicht gar nicht erkennen? „Nein“, auch diese Antwort überrascht, „das war ja überhaupt der Grund, warum ich die Mary erschaffen habe!“

Selbstdarstellung – auch wenn man ihm das getrost unterstellt hätte – läge ihm fern. Er habe die schrillen Frauenkostüme gebraucht, „weil ich mein wahres Gesicht nicht zeigen wollte. Ich musste das Publikum nicht als Georg Preuße langweilen.“ Stattdessen habe er sie als „Zauberfee“ in eine andere Welt entführt. Wobei er als Mary auch die Rolle des Narren spielen und Dinge sagen konnte, die man ihm als Georg Preuße nie verziehen hätte.

Wir sind eine ganze Viertelstunde zu früh zum Gespräch ins Schlosspark Theater gekommen. Aber Georg Preuße steht da längst da. Das stimmt also, das mit dem Preußischen. Lässig steht er da – und raucht doch eine Zigarette nach der anderen. Kleine Anzeichen für die Angst, dem Publikum nicht gerecht zu werden. Die habe er immer. Auch bei kleinsten Rollen. Auch jetzt. Die „Stellvertreter“-Offerte habe er auch nur angenommen, weil er in Berlin spielt. Er hat zwar kein Domizil mehr in der Stadt, was er bedauert. Aber er sei immer wieder gern und viel hier. „Ich weiß auch nicht, ob ich das in einer anderen Stadt machen würde. Der Wohlfühlfaktor ist sehr wichtig. Und dieses Haus gibt mir eine Ersatzfamilie.“

Wir müssen jetzt mit einem müden Scherz kommen. Der aber doch ausgesprochen werden muss, weil vielleicht auch Dieter Hallervorden so auf seinen Besetzungs-Coup kam. Ist so ein Papst nicht auch nur ein Mann im Fummel? Eine Travestienummer für den Travestiestar? Preuße muss schmunzeln, geht aber nicht darauf ein, sondern wird hier ganz ernst. „Es sind jedenfalls nicht die kleinen Priester, die das Übel in der Kirche verursachen. Es sind die Oberen.“

Preuße trägt ein Kreuz an der Kette. Das sei aber nur Accessoire. „Ich hadere mit der Kirche, es fällt mir schwer zu glauben“, gibt er zu. „Alle Religionen bestehen letztlich nur aus Versprechen, die sie nicht einhalten müssen.“ Als Kind hatte er aber eine intensive kirchliche Vergangenheit, als Messdiener, im Kirchenchor, in der Landjugend, im Kolping-Verein, bei allem, was die katholische Kirche an Vereinigungen hergab. Manchmal hat er vier Messen am Tag gemacht. Allerdings wurde er damals schon sehr skeptisch. „Dass ich da mitgemacht habe“, sagt er nicht ohne Ironie, „war wohl auch mein Hang zum Theater.“ Zur Kommunion habe er ein Foto des Papstes geschenkt bekommen, das hing dann über seinem Bett. Und hat ihm Alpträume beschert. Dabei war „sein“ Papst, Johannes XXIII., vergleichsweise milde. Seine etwas ältere Schwester aber hatte ein Foto von Pius XII. So schließt sich ein Kreis.

Hochhuths „Stellvertreter“ ist ein zutiefst kirchenkritisches Stück, eine Anklage an Papst Pius XII., der sich nicht entschieden gegen Hitler und den Holocaust eingesetzt hat. Aber so leicht will es sich Preuße nicht machen. Er habe mehrfach Wim Wenders’ Dokumentarfilm „Papst Franziskus“ gesehen und dabei verstanden, wie machtlos letztlich Macht ist. „Ob Papst oder Merkel, du wirst zwar als moralische Instanz wahrgenommen, aber du musst immer verhandlungswürdig bleiben. ,Die Staatsräson verbietet es anzuklagen’, sagt Pius im Stück. Aber machen unsere Politiker heute nicht dasselbe? Ob Merkel oder Macron, wenn sie Trump umarmen?“

Die Machtlosigkeit der Macht

Das klingt fast wie eine Verteidigung, zumindest wie eine Relativierung. Preuße hat sogar vorgeschlagen, seinen Pius in einer Zwangsjacke zu spielen. Damit konnte er sich bei Regisseur Philip Tiedemann nicht durchsetzen. Aber ambivalent anlegen will er die Figur schon. Zieht er sich da nicht gleich den Unmut von Hochhuth auf sich, der doch bekannt dafür ist, mit Argusaugen über sein Oeuvre zu wachen? Nein, wiegelt Preuße ab.

Die Inszenierung sei sowieso radikal, von vier Stunden auf anderthalb gekürzt. Und den streitbaren Autor habe er vergangenen Sonntag erstmals persönlich getroffen, als sie bei einer Matinee am Haus einem interessierten Publikum vorgestellt wurden. „Ich habe schon viel von Herrn Hochhuth gehört“, sagt Preuße, „aber nichts entsprach dem, was ich erlebt habe.“ Pius bloß als Reinkarnation des Bösen zu spielen, ist Preuße schlicht zu einfach. „Dann hätte ich das Gefühl, unterfordert zu sein.“ Da ist dann wieder dieses sardonische Lächeln, wie man es von Mary kennt.

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