Der Pariser Platz ist verheert und voller versprengter Steine. Vom Brandenburger Tor her nähert sich langsam ein älterer Herr, bleibt vor der Ruine stehen, die einmal das Hotel Adlon war. Nach einigem Zögern betritt er das, was vom Vestibül übrig geblieben ist. Steigt vorsichtig über die Balken und Trümmer im ehemaligen Saal.
Sogleich wird er von einem Sowjet angeherrscht, was er hier zu suchen habe. Man hält ihn für einen Dieb, aber er kann sich ausweisen: „Ich war hier angestellt. Ich war Direktor des Hotels.“ So begann 1955 – nur zehn Jahre, nachdem das mondäne Haus fast völlig ausgebrannt war – der Film „Hotel Adlon“.
Die kleinen Geschichten spiegeln die große Historie
In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ zeigt der Zoo Palast gemeinsam mit der „Berliner Morgenpost“ an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film. Einen Film, der nicht nur hier spielt, sondern in dem die Stadt auch wirklich eine Rolle spielt. Das trifft in besonderem Maße auf „Hotel Adlon“ zu. Der Film konnte zwar – zwangsweise – kaum an Originalschauplätzen gedreht werden. Arbeitet aber gleich fast 40 Jahre Stadtgeschichte auf. Und damit kann die Filmreihe sogar gleich zwei Berliner Legenden huldigen: dem berühmten Hotel, das vor 111 Jahren eröffnet wurde, und dem Filmproduzenten Artur Brauner, der gerade seinen 100. Geburtstag feierte .

„Hotel Adlon“ war 1955 mit einem Budget von 1,5 Millionen DM eine für damalige Verhältnisse immens aufwändige Produktion – und eine riskante obendrein. Filme, die im Hotel spielen, wie „Grand Hotel“ (1932) mit Greta Garbo, gab es zwar schon einige, und es sollten noch viele folgen. Aber hier diente die Kulisse einmal nicht nur dazu, möglichst viele illustre Personen aus unterschiedlichsten Kreisen an einem Ort zusammenzuführen. Hier ging es wirklich um die Geschichte des Hotels, in der sich auch die Geschichte und die Wunden des ganzen Landes widerspiegeln. Historie durch die Drehtür.
Gespiegelt wird sie in der (fiktiven) Figur des Paul Rippert, der da anfangs zum Hotel kommt. Und nach einem Zeitsprung zurück ins Jahr 1907 gleich noch mal als junger Steppke ankommt, um als Page seinen Dienst anzutretent. Keine durchgehende Handlung wird hier erzählt, sondern Schlaglichter auf Eckpunkte und Reizdaten gesetzt. Auf Gäste der Nobelherberge, aber auch auf die Angestellten.

Oben und unten – fast wie bei „Downton Abbey“ . Wobei Rippert dabei von Episode zu Episode immer eine kleine Stufe mehr auf der Karriereleiter erklimmt, bis er am Ende Direktor ist. Eine sicher eher ungewöhnliche Karriere, die aber wie der ur-amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär ganz gut zum Wirtschaftwunderpathos der 50er-Jahre passte.
Und mit Ripperts Augen erlebt man die kleinen Geschichtchen und die große Geschichte. Den Attentatsversuch auf Zar Nikolaus II. 21913. Die Spartakisten, die nach dem Ersten Weltkrieg das Hotel stürmen, und die Reichswehr. Die ausgelassenen Feste der Inflationsgewinnler in den vermeintlich Goldenen Zwanzigern. Und dann marschieren auch schon die Nazis auf, die 1933 mit Fackelzügen durchs Brandenburger Tor marschieren – und sich gleich danach im Adlon-Salon als die neuen Herren gebärden.
Mit Rippert erlebt man auch die Olympischen Spiele 1936, die Verfolgung der Attentäter vom 20. Juli 1944 und die Einquartierung nazitreuer Diplomaten kurz vor der Kapitulation. All das übersteht das Adlon. Bis es eine Woche nach Kriegsende einer Brandstiftung zum Opfer fällt.

Brauners star-besetzte Produktion Produktion basiert auf den Memoiren „Hotel Adlon. Das Haus, in dem die Welt zu Gast war“ von Hedda Adlon, die zuerst in einer Revue erschienen. Brauner sah darin sofort einen Stoff fürs große Kino und erwarb sich die Rechte. Es gibt ein Foto, wie Brauner und die Hoteliers-Witwe bei den Dreharbeiten traut unterm Adlon-Portal der Filmkulisse stehen.
So einträchtig dürften die Verhandlungen zwischen ihnen wohl nicht vonstatten gegangen sein. Am Ende ließ es Hedda Adlon dennoch zu, dass Emil Burri und der spätere Bestseller-Autor Johannes Mario Simmel ihr Buch, in dem sie selbst schon Erinnerung und Legende verdichtet hatte, recht frei bearbeiteten.
Plötzlich steht der Pariser Platz vorm Olympiastadion
Und die Figur des Paul Rippert erfanden, an dem sie auch die problematische Haltung zum Nationalsozialismus – wie überhaupt zu all den Herrschaften, die da ständig ein und aus gingen – aufarbeiten konnten, ohne der Familie Adlon zu nahe treten zu müssen. Solche Erfindungen mag man kritisieren oder dramaturgisch rechtfertigen. Usus sind sie bis heute. Beim großen TV-Dreiteiler „Hotel Adlon“ 2013 ging man noch viel weiter und erfand eine ganze zweite Familie Schadt, die mit den Adlons liiert sein sollte. So weit ging Brauner nicht.
1955 konnte man noch, trotz der Teilung der Stadt, im Osten Berlins drehen, zumindest die verrußte Außenfassade des Adlon. Kniffliger war das Brandenburger Tor, das damals noch stark beschädigt war. Brauner ließ es beherzt an der Olympischen Straße neben dem Olympiastadion nachbauen, wie auch das Portal des Hotels. Die Autofahrer staunten nicht schlecht, als sie mitten im Westend plötzlich am Pariser Platz vorbeifuhren. All die mondänen Salons des Adlon mit ihren Seidentapeten, Marmorkaminen und Mahagonimöbeln, all der Prunk einer untergegangenen Zeit wurden dagegen in der Halle 4 der CCC-Studios in Haselhorst mit großem Aufwand nachgebaut.
Kleine Notiz am Rande: Auch Regisseur Josef von Báky hatte erst ein Hotel geleitet, bevor er zum Film kam. Und 1999 – zwei Jahre, nachdem das neu errichtete Hotel Adlon seinen Betrieb aufnahm –, sollte auch Produzent Artur Brauner ein eigenes Hotel eröffnen: das Hollywood Media Hotel am Kurfürstendamm, das sich als Hommage an die Stars und Sternchen des Films versteht.
Zoo Palast am Dienstag, 4. September, 20 Uhr in Anwesenheit von Alice Brauner.






