Film

Detlev Buck: „Das deutsche Kino ist zu ängstlich“

Regisseur Detlev Buck hat einen ganz wilden Film gemacht. Genau das fehlt ihm im deutschen Kino: Lust und Risikobereitschaft.

Foto: David Heerde

Detlev Buck hastet in Shorts, Trainingsshirt und sichtlich verschwitztem Haar in das Büro der Boje Buck Produktionsfirma am Kurfürstendamm. Er ist zu spät gekommen, raste gerade mit seinem Fahrrad durch die Stadt. Er entschuldigt sich, obwohl es doch nur ein paar Minuten waren. Und gibt die Hand, auch wenn die noch etwas feucht ist.

Aber diese Rast- und Atemlosigkeit passt eigentlich ganz gut zu unserem Besuch. Denn innerhalb von zwei Monaten kommen gleich zwei neue Filme von Buck ins Kino: Am 25. Oktober startet „Wuff“, ein Film über Vierbeiner und was sie über ihre Frauchen und Herrchen aussagen. Seit Donnerstag aber läuft bereits „Asphaltgorillas“ in den Kinos, eine Ganovenkomödie, die auf Berlins Straßen spielt. Und zumindest dieser Film legt ein Tempo und eine Atemlosigkeit vor, die einen ganz schön aus der Puste bringen können.

Zwölf Jahre nach „Knallhart“ wieder in Kreuzkölln

Über die enge Taktung der Filme ist der Regisseur selbst nicht ganz glücklich. „Asphaltgorillas“ sollte schon im März herauskommen, der Film war längst fertig. Aber dann hat sich der Start immer wieder verzögert, dann kam die Fußball-WM und der heiße Sommer – beides traditionell schlechte Zeiten für Kinobesuche. Jetzt startet der Film – „leider“, grollt Buck – zu einer Zeit, in der ganz viele deutsche Filme ins Kino kommen. Aber, wehrt er mit einem Achselzucken ab, „das kann man halt nicht selbst bestimmen.“

Mit „Asphaltgorillas“ hat Buck sich mal wieder neu erfunden. Er ist ja ohnehin einer, der mühelos zwischen Genres wechseln kann, von Komödien („Wir können auch anders“) zu Dramen („Knallhart“), von Literaturadaptionen („Die Vermessung der Welt“) zu Kinderfilmen („Hände weg von Mississippi“). Zuletzt hat er mit gleich vier „Bibi & Tina“-Filmen die Teenies erobert.

Mit „Asphaltgorillas“ hat er nun einen richtig knalligen Film um Macker, Miezen, Karren und Knarren gedreht. Dass er sich damit neu erfindet (auch wenn sein Verleih selbst damit im Presseheft wirbt), das ist ihm zu pathetisch: „Ich wollte einfach immer mal einen Ganovenfilm drehen. Das kann man aber nicht in elegischen, ruhigen Bildern machen. Deshalb haben wir so einen schrillen Neon-Stil entwickelt.“

Und schon redet sich Buck in Rage. Das ist ihm ja ein bisschen zu eigen, in der ihm eigenen, norddeutsch-spröden Art. „Asphaltgorillas“ richtet sich klar an ein jüngeres Publikum. Viele behaupten ja, die jungen Leute seien längst fürs Kino verloren und würden Filme nur noch auf Handys oder Streamingportalen schauen. „Aber da wird immer nur geklagt und lamentiert. Man muss halt was ändern, damit die wieder ins Kino gehen!“ Und gleich noch ein Seitenhieb: „Man darf nicht nur Filme für Best Ager machen.“ Eine Watsche für Produktionen wie „Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ mit dem 74-jährigen Elmar Wepper, der zeitgleich mit „Asphaltgorillas“ gestartet ist.

Zwölf Jahre nach „Knallhart“ hat Buck wieder in Kreuzkölln gedreht. Und wieder in einer ähnlichen Szene von Drogendealern und Kleinkriminelle. Teils sogar mit denselben Darstellern. Aber diesmal keine sozialkritische Milieustudie, sondern eine krass-überdrehte Krimikomödie. Ein Gegenentwurf zu „Knallhart“? Da berühren wir einen wunden Punkt, über den Detlev Buck nicht so gern spricht.

„Knallhart“ war 2006 ja der Film zur Stunde, als die Diskussion um die Rütli-Schule entbrannte und der Film quasi zum Beweismaterial für die unhaltbaren Zustände an Berliner Schulen und überhaupt für Gewalt unter Jugendlichen wurde. Genutzt hat es dem Film trotz durchweg guter Kritiken eher wenig. Der sonst so erfolgsverwöhnte Buck hat mit diesem seinem vielleicht reifsten und erwachsensten Film nicht viele Zuschauer erreicht. Und das nie so ganz verwunden. All seine späteren Werke sind deshalb umso deutlicher publikumsorientiert.

So auch „Asphaltgorillas“. Ein Film, der wie ein deutscher Tarantino wirkt. Oder eine Komödie auf Koks. Das war ihm wichtig: „dass das mit Lust erzählt wird, bloß nicht dezent, sondern richtig mit Schmackes.“ Wenn jemand im Lamborghini mit 170 km/h über den Kudamm rase, könne man das einfach nicht dezent in Szene setzen.

„Natürlich gibt es dann wieder Kritiker, die meinen, das sei doch alles nur Klischee. Aber hallo“, Buck echauffiert sich mit Lust, er könne uns die Ecken zeigen, wo solche Macker rumsitzen und die Miezen in Reihen stünden, wenn die den Motor aufheulen lassen. Klischees kämen ja nicht von nirgendwoher. „In meinem Film“, das ist seine Überzeugung „sind so viele Klischees drin, dass man damit der Wahrheit ein Stück näher kommt.“

Diese Experimentierfreude, wenn nicht Experimentierwut, diese Lust, in die Vollen zu gehen, ist das etwas, was ihm fehlt am deutschen Film? Buck weicht erst mal aus. So einen „saftigen Film“ zu machen, das sei ihm einfach nah. Aber dann sagt er es halt doch: „Natürlich mach’ ich das schon auch, weil ich selber gern solche Filme schaue.“ Kurze Pause. „Und nicht so viele finden kann.“ Ihm fehlt „eine gewisse Neugier und Risikobereitschaft im deutschen Film“. Das liegt einfach daran, „dass alle so ängstlich sind“.

Kürzlich habe er, Buck, mit Tom Tykwer zusammen gegessen. Der hatte lamentiert, dass sein „Hologramm für den König“ gar nicht gut gelaufen ist. „Jetzt macht er Serie, tobt sich richtig aus, auch zeitlich, und muss sich nicht um Kinokonventionen kümmern.“ Das aber sei die Hauptgefahr fürs Kino: dass nicht nur die jungen Zuschauer abspringen, sondern auch die versierten Filmemacher. „Tom wird erstmal Serie machen und kaum noch Kino, das ist doch auch wieder schade.“

Ist das etwas, was Buck auch einmal reizen könnte: Serien? Da schüttelt er den Kopf. „Ich weiß nicht. Alle reden immer vom horizontalen Erzählen. Ich liebe aber auch die kompakte Farbe des Vertikalen.“ Momentan gebe es eigentlich nur noch zwei Pole: große Events im Kino oder Serien auf Stream. „Alles dazwischen an Geschichtenerzählen scheint zu verschwinden.“ Und das, jetzt fängt er selbst an zu lamentieren, „das fehlt mir so“.