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Alexander Scheer: „Ich geh’ jetzt amtlich als Sänger durch“

| Lesedauer: 8 Minuten
Alexander Scheer macht am Gendarmenmarkt auf cool. In „Gundermann“ musste er das Gegenteil von cool spielen

Alexander Scheer macht am Gendarmenmarkt auf cool. In „Gundermann“ musste er das Gegenteil von cool spielen

Foto: Christian Kielmann

Der Schauspieler über seine bisher größte Herausforderung, den Ost-Liedermacher Gundermann zu spielen, und das Ende der Volksbühne.

Vor genau 20 Jahren wurde er schlagartig bekannt mit „Sonnenallee“. Seitdem hat er sich auf den Bühnen von Bochum oder der Berliner Volksbühne als wandlungsfähiger Theatermime entwickelt. Und ist auch in Filmen wie „Carlos“ oder jüngst „Gladbeck“ zu erleben – nicht selten verkörpert er dabei historische Figuren. Andreas Dresens Film „Gundermann“, der am 23. August ins Kino kommt, war seine bisher größte Herausforderung: Er spielt darin den Ost-Berliner Liedermacher Gerhard Gundermann. Nach 20 Jahren der erste Film mit Ost-Thema. Wir trafen den 42-Jährigen im Hotel Regent.

Herr Scheer, was wussten Sie über Gerhard Gundermann, bevor Sie von dem Filmprojekt hörten?

Alexander Scheer: Ich wusste, wie er aussah und dass er Ost-Rock spielte. Selbst die Mädchen, die ich spannend fand in der Schule, haben den gehört. Der war ’ne große Nummer. Aber mir war er einfach zu ostig. Ich wollte nach dem Mauerfall Westplatten hören, hab’ mich mit Jimi Hendrix, den Stones und Zappa eingedeckt. Und wie der Typ schon aussah, mit dieser Brille und den Hosenträgern. Und diese Ost-Beats! Erst zur Vorbereitung auf den Film habe ich richtig hingehört. Soundmäßig fühlte ich mich bestätigt, aber was ich damals verpasst habe, war: Gundermann ist einer der größten deutschen Songschreiber aller Zeiten. Seine Texte sind wunderbar, gerade, ehrlich und zugleich von einer berückenden schönen Poesie.

Wie kam die Rolle überhaupt zu Ihnen? Weil Sie eine gewisse Ähnlichkeit haben?

Welche Ähnlichkeit, hallo? (lacht) Als ich hörte, dass Andreas Dresen Gundermann verfilmen will, habe ich mir zum ersten Mal ein Lied von ihm angehört. Das hat mich umgehauen. Und da ich eine Antenne für gute Rollen habe und immer auf der Suche nach meinen Wurzeln bin, habe ich Dresen sofort geschrieben, dass ich ihm den spielen würde, mit allem, was ich habe. Wir haben uns dann getroffen, und für mich war das eigentlich ganz klar. Kollegen haben sich nicht mehr beworben, weil sie meinten, das musst du machen. Gleich beim ersten Treffen bin ich mit Brille, diesem Zopf und den Zähnen erschienen. Das hat Dresen nicht beeindruckt. Aber gleich nach dem ersten Vorspielen hat er sich entschieden. Dresen ist einer, der dreht, was er meint. Und wenn er einen Film über den Osten macht, dann meint er das ernst.

Sie haben Ihre Karriere auch mit einem Film angefangen, der im Osten spielte. Ist das ein Grund, warum Sie das danach eigentlich nicht mehr gemacht haben?

Wir haben den Film zu einer Zeit gemacht, als niemand Ost-Filme machen wollte. Als wir dann einen Knaller landeten, haben alle nachgezogen.Das wäre sehr einfach gewesen, ich habe ganz viele solche Angebote bekommen. Aber man soll es sich in der Kunst nicht zu einfach machen. Ich wollte erst mal mein Handwerk beherrschen, bin dann mit dem Herrn Haußmann nach Bochum ans Theater und habe auf den Brettern meinen Beruf erlernt. Ich wollte ja eigentlich Rockstar werden. Aber dann lief das eine besser als das andere. Aber wenn beides zusammenkommt, dann bin ich glücklich.

Sie haben schon Blixa Bargeld gespielt, Keith Richards. Und Dieter Degowski. Lauter biographische Figuren. Ist das eigentlich schwieriger, weil jeder den Vergleich hat? Hat man da Angst, zu viel zu machen?

Ach, die Angst hab‘ ich immer. (lacht) Nein, ich finde biographische Rollen ja leichter. Die Hälfte der Arbeit ist bereits getan. Die Figur muss nicht mehr entwickelt werden, die ist schon da. Diese Charaktere sind meist von sich aus sehr interessant. Kein Drehbuchautor hätte sich Gundermann ausdenken können.

Ist das eine andere Sorgfaltspflicht? Schränkt das das Spiel ein?

Sorgfaltspflicht ja. Einschränken nein. Al Pacino sagte mal bei den Golden Globes auf diese Frage, einen echten Menschen zu spielen, sei ein Geschenk für Schauspieler. Das stimmt. Die Limitierung schränkt nicht ein, sie birgt eher eine große Freiheit. Du kennst den Rahmen, in dem du dich bewegst, sehr genau, und kommst viel schneller ins Spiel. Die Frage ist nur: Kriege ich das hin? Keith Richards kennt jeder. Da kannst du dich schon mal ein halbes Jahr vorbereiten. Das habe ich auch getan – für sechs Drehtage. Das ist so effizient wie DDR-Wirtschaft. Aber anders geht’s nicht. Diesmal musste ich schneller sein. Gundermann ist eine Hauptrolle mit 40 Drehtagen. Ich musste den reinkriegen, mit all seinen Ticks, seiner Körpersprache, und auch noch die Lieder selber einspielen. Ich hatte nur acht Wochen! Und da war auch noch die letzte Spielzeit an der Volksbühne, wo wir noch mal all die Sieben-Stunden-Castorf-Klopper gespielt haben. Das Pensum war grenzwertig. Wenn man da anhält, kann man einpacken.

War immer klar, dass Sie selber singen?

Darüber haben wir nie gesprochen. Weil Dresen und ich derselben Meinung sind, was du siehst und was du hörst, muss im Moment entstehen. Er wollte die Songs neu aufnehmen, etwas den musikalischen Zeitgeschmack abstauben, die Texte wieder freilegen. Wir haben dann in zehn Tagen 18 Lieder aufgenommen. Die Platte ist ziemlich gut geworden.

Sie haben in diversen Bands gespielt. Verfolgen Sie das weiter oder kommt darüber die Schauspielerei zu kurz?

Musik ist mein Ausgleich. In Bands zu spielen geht immer. Jetzt geh ich sogar amtlich als Sänger durch. Und wir sind jetzt auch auf Tour, ich als Gast mit der Dresen/Prahl-Band. Wir spielen in jeder Stadt, in der der Film Premiere hat, eine Stunde Konzert mit Gundermann-Liedern. Und danach gehts ans Hamburger Schauspielhaus, da spiele ich im November „Lazarus“, das Musical, das David Bowie für den Broadway geschrieben hat, bevor er starb. Das hätte ich mich vorher nicht getraut.

Sie sprachen von der letzten Saison der alten Volksbühne. Wie bewerten Sie die kurze Phase von Dercon? Und wird die Volksbühne sich wieder fangen?

Es hat nur sieben Monate gedauert und rund 25 Millionen gekostet, um das einflussreichste Schiff in der Theaterlandschaft auf Grund laufen zu lassen. Da steht dieser Tanker jetzt erst mal. Alle Maschinen auf Stopp. Das haben sie wirklich sauber hingekriegt! Zwei kulturpolitische Flachzangen, die nichts anderes auf der Pfanne haben, als ihre eigene Inkompetenz zu kaschieren. Ein Bier über den Kopf, das reicht da nicht. Mein Freund Milan Peschel nannte das einen politischen Mord, und da muss ich ihm zustimmen. Wir waren das gefährlichste Theater der Welt. Letztlich hat man uns abgesägt, weil da immer noch OST auf dem Dach stand.

Und würden Sie wieder in der Volksbühne spielen, wenn man Sie fragen würde?

Die Frage stellt sich nicht. Im Film „Let it Be“ sieht man die Beatles, wie sie ihre letzte Platte aufnehmen. Dann wollten sie noch mal live spielen, oben auf dem Dach. Und unten bricht der Londoner Verkehr zusammen. Nach sechs Jahren spielen die wieder! Und die Bobbys überlegen, ob sie das Dach stürmen. Das haben sie dann gelassen, es waren schließlich die Beatles. Ringo meinte später, das wäre ein toller Schluss für den Film gewesen, wenn die Polizisten sie von den Instrumenten weggezerrt hätten. Uns hat man das Theater unterm Arsch weggerissen. Und das war der passende Schluss für unseren Film.