Ein lachendes und ein weinendes Auge: Das ist das Gefühl, das die Macher der Kudamm-Bühnen derzeit umtreibt. Bis vor Kurzem haben noch die Krokodilstränen überwogen, als man das alte Domizil am Kurfürstendamm räumen musste, vor allem, als man am 27. Mai die letzte Vorstellung in den historischen Sälen spielte, die nun abgerissen werden. Am Tag danach wurden bereits die Umzugskisten gepackt. Seit 25. Juni ist man mit Sack und Pack im Schiller Theater angekommen, das, wie einst bei der Staatsoper, zum Langzeit-Provisorium wird, bis an der alten Adresse, wo ein komplett neues Areal entstehen soll, ein neues Theater im Keller gebaut ist.
Gerade haben nun die Proben für das Stück begonnen, mit dem die Kudamm-Bühnen am 23. September ihre erste Spielzeit am Schiller Theater eröffnen: „Willkommen bei den Hartmanns“ nach der gleichnamigen Filmkomödie über eine Familie, die einen Flüchtling aufnimmt. Montagfrüh, 10.15 Uhr: Die Schauspieler sind schon alle da, nur der Regisseur, Theaterintendant Martin Woelffer, steckt noch im Stau. Wir nutzen die Zeit und gehen schon mal mit der Pressesprecherin Brigitta Valentin durch die Räumlichkeiten.

Größere Bühnen im Schiller Theater
Die stellen das Boulevardtheater vor große Herausforderungen: Die alten Bühnen hatten einen Durchmesser von 15 mal 15 Meter, die Bühne des Schiller Theaters ist mit 25 mal 25 Meter deutlich größer. Das kleine Haus bot 600 Plätze, das große 800, das Schiller Theater aber bietet 949, die zwei hinteren Reihen sollen auch noch bestuhlt werden, dann sind es 1100. So viel Raum will erst einmal bespielt sein, so viel Publikum erst einmal angezogen werden, weitab vom Kudamm-Rummel. Als sie hier angekommen sind, stand außer den Stühlen nichts mehr. Nur nackter, leerer Raum. Scheinwerfer, Tontechnik, alles hat die Staatsoper mitgenommen.
Die Technik vom Kudamm ist hier aber auch nicht einsetzbar. Die wurde erst mal eingelagert. „Wir haben“, sagt Brigitta Valentin nicht ohne Galgenhumor, „ja jetzt so viel Platz.“ Stattdessen hat das Berliner Immobilien Management (BIM) hier 400 neue Scheinwerfer und eine ganz neue Akustikanlage installiert. Nicht nur für die Kudamm-Bühnen. Auch für potenzielle Nachfolger.

Die Schauspieler sammeln sich jetzt, um gemeinsam in die dritte Etage in den Probenraum zu gehen: Rufus Beck, Gesine Cukrowski und Marion Kracht. Die ersten beiden haben noch nie an den Kudamm-Bühnen gespielt, aber natürlich kannten sie die Häuser. Sie kennen auch das Schiller Theater. Und sind alle gespannt, wie die Akustik hier sein wird. Dafür ist das Haus ja nicht so berühmt. „Und man will“, meint Gesine Cukrowski, „so ein Konversationsstück ja nicht durchbrüllen.“
Marion Kracht hat schon auf den Kudamm-Bühnen gestanden. Auch sie spricht von dem kleinen, weinenden Auge, „dass es diese schönen Räume nicht mehr gibt“. Die Bühne hier sei nicht mehr so intim, da müsse man sich neu erfinden. Aber das sei ja auch eine Chance, eine Herausforderung. „Hier habe ich schon viele tolle Stücke gesehen“, sagt sie – und fügt selbstbewusst an: „Das werden wir fortsetzen.“

Während die Schauspieler die Textprobe angehen, laufen wir durch den Bauch dieses Theaters. Entlang an den Requisiten und Bühnenbildern aus alten Produktionen, die hier überall stehen, in die neue Tischlerei, die hinter der Bühne eingerichtet wurde. Und hoch in den dritten Stock, wo die Requisiten gelagert werden. Man kann sich hier schon verlaufen in den vielen, langen Gängen. Und das ist auch schon passiert. Ohne Handy in der Tasche würde sie hier nie losgehen, meint Brigitta Valentin.
Dekorateur Boris Feist, seit 28 Jahren für die Kudamm-Bühnen tätig, hat sich hier oben fast häuslich eingerichtet. Mit alten Bühnenbildentwürfen. Ein Stück Teppich vom alten Foyer hat er sich ausgeschnitten und in einem barocken Rahmen an die Wand gehängt. Seine Werkstatt ist hier deutlich größer, und Arbeitsräume, die mal frisch sind, seien durchaus erfreulich. Aber noch immer könne ihm keiner erklären, warum man ein neues Theater baut und zwei alte dafür abreißt. Da hätte man doch lieber ein altes aufgeben, aber das zweite erhalten sollen.
Dekorateur Boris Feist mit alten Bühnenbild-Entwürfen – und dem Foyerteppich im Rahmen
Nun ist auch Martin Woelffer endlich angekommen. Leise setzt er sich in einen Stuhl und hört von Weitem zu, wie die Schauspieler den Text durchgehen. Es sei befreiend, seufzt der Intendant, endlich das machen zu können, was sie machen wollen: nämlich Theater. Und nicht Theater ums Theater. Und es sei heilsam, „dass wir das nun in einem verhältnismäßig sicheren Rahmen tun können. Das war ja 15 Jahre lang nicht so.
Nie wussten wir, wie lange das noch dauern und wann es zu Ende gehen würde“. Langsam, aber sicher kämen sie hier an. Das Schiller Theater sei ganz toll, das spüre man an jeder Ecke, nachdem man hier alles erforscht und erkundet hat. „Wenn wir in eine B-Location hätten ausweichen müssen, wäre das ganz furchtbar. Dann würde das Abschiedsgefühl überwiegen. Aber dieser Ort gibt uns eine gute Perspektive.“

Klar gibt es noch Momente der Wehmut. „Das ist wie der Tod eines engen Freundes“, meint Woelffer. „Der Schmerz wird immer bleiben. Es ist für uns auch nach wie vor nicht wirklich zu verstehen. Aber wir müssen jetzt nach vorne gucken; und wir haben wirklich rausgeholt, was rauszuholen war.“ Die Alternative wäre gewesen, dass sie von der Bildfläche verschwunden wären. Natürlich ist es kein Zufall, dass die erste Spielzeit mit einem Stück eingeleitet wird, das „Willkommen“ im Titel trägt. Es ist aber auch kein Zufall, weil es in der Migrationskomödie um aktuelle Themen gehe. Wie aktuell, das habe man ja in den letzten Wochen in der Politik gesehen. „Wir können nicht so tun, als gebe es das nicht um uns, und nur Heititei machen“, meint Woelffer. „Im Gegenteil, es ist gerade wichtig, dass Komödien einen ernsten, ganz jetzigen Hintergrund haben.“ Da ist er schon, der alte, neue Kampfgeist. Willkommen bei den Woelffers.






