Vergiss deine Träume nicht. Bewahre das Kind in dir. Mag sein, dass die Botschaft dieses Films etwas simpel klingen mag, aber herzergreifend erzählt wird das schon. Ein Mann sitzt hier auf einer Parkbank, verzweifelt und hoffnungslos. Wäre da nicht die Parkbank, die Schultern würden ihm bis zum Boden hängen. Der Mann ist leitender Angestellter. Weil er sich ständig um seine Firma kümmern muss, kommt darüber seine Familie zu kurz, worüber nicht nur seine Frau, sondern vor allem die kleine Tochter leidet.
In kurzer Zeit der zweite Film über Christopher Robin
Nun hat der Vater sie sogar allein ins Wochenendhaus geschickt. Weil der Chef mit ihm am Wochenende einen rigiden Einsparplan durchgehen will. Da sitzt er also, dieser Mann, der nicht will, dass seine Kollegen ihre Arbeit verlieren. Und der doch nicht weiß, wie er das aufhalten soll. Da sitzt plötzlich ein Bär neben ihm, sein Plüschteddy aus Kindertagen, und spricht mit ihm.
Bis hierhin mag man sich mit dem Helden identifizieren. Aber das ist der Moment, wo der Film „Christopher Robin“, der am 16. August ins Kino kommt, zum Märchen wird. Denn der Mann auf der Bank ist – oder war doch – der Junge aus den „Pu, der Bär“-Büchern, der mit seinen Plüschtieren, dem besagten Bären, Tigger, Ferkel und I-Aah Abenteuer im Hundert-Morgen-Wald erlebt hat. Jeder kennt diese Geschichten, kennt die Bücher von A. A. Milne mit den ikonographischen Zeichnungen von E. H. Shepard. Oder den darauf basierenden Disney-Trickfilm von 1977.

In Rückblenden stapft der kleine Christopher mit den digital zum Leben erweckten Stofftieren durch den Wald, bis er sich eines Tags von ihnen verabschiedet. Weil er zur Schule muss, weil das „echte“, das erwachsene Leben beginnt. Er verspricht seinen Gefährten, dass er sie nie vergessen werde. Aber natürlich tritt genau das ein. Bis Pu den erwachsenen Christopher heimsucht. Und ihm helfen will.
Vergiss deine Träume nicht. Bewahre deine Kindheit. Das ist natürlich auch ein Motto, an dem das Kino als ausgewiesene Traum-Fabrik glauben und erinnern muss. Vor allem das Disney-Imperium. Mit „Alice im Wunderland“ hat es 2010 begonnen, seine alten Trickfilmklassiker mit digitalen Möglichkeiten real neu zu verfilmen. Mal begnügt man sich dabei, wie in „Alice“ oder „Das Dschungelbuch“, die Tiere und Fantasiefiguren am Computer zu verblüffend echten Lebewesen zu generieren. Mal schreibt man auch die bekannte, alte Geschichte komplett um, wie in „Maleficent“, wo die Mär von Schneewittchen einmal aus der Sicht der bösen Hexe erzählt wird – und die dann gar nicht böse ist. Alte Weisen, wieder- und neugesehen.

Aber noch nie ging Disney dabei so weit wie in „Christopher Robin“. Es ist ihr erster Kindertrickfilmklassiker, der jetzt noch mal neu eigentlich nur für Erwachsene erzählt wird. Jene, die mit „Pu der Bär“, dem berühmtesten Bären der Welt, aufgewachsen sind, aber jetzt wie der erwachsene Christopher Robin (Ewan McGregor) an die Träume ihre Kindheit erinnert werden müssen, um neue Kraft zu schöpfen. Der sträubt sich erst, von Pu aufgesucht zu werden, er verfrachtet ihn, wo der hingehört, ins Haus seiner Kindheit. Aber der knuffige Bär und die anderen Stofftiergefährten, sie lassen nicht locker.
Sie suchen stattdessen Christophers Tochter (Bronte Carmichael) auf, um über sie sein Ohr und sein Herz zu erreichen. Auch wenn sie mit dem kleinen Mädchen den Hundert-Morgen-Wald verlassen müssen und sich ganz allein auf den Weg in die große, für die Kleinen noch viel riesigere Stadt London machen.

Es gibt einige Déjà-Vus in diesem Film. Natürlich muss man bei einem sprechenden Teddybär vor allem an „Paddington“ denken, den anderen großen Kinderbuch-Erfolg, der auch in London spielt und dem Disney nun unverhohlen Konkurrenz macht. Die Rahmenhandlung eines leitenden Angestellten, der wieder das Kind in sich entdecken muss, lässt aber auch an einen anderen Disney-Klassiker denken, an „Mary Poppins“, wo eine Kinderfrau nicht nur die Kinder eines Bankiers bezauberte, sondern auch den Vater davon bekehrte, den Beruf nicht mehr über die Familie zu stellen.
Das merkwürdigste Déjà-Vu aber ist, dass erst vor zwei Monaten ein ganz anderer Film über den Freund von Pu der Bär ins Kino kam: „Goodbye, Christopher Robin“ erzählte die wahre, tragische Entstehungsgeschichte des Kinderbuchs, wie A.A. Milne die Kindheit seines Sohnes zum Sehnsuchtsmärchen für ganze Generationen machte, aber auch, wie Christopher Robin so um seine Kindheit betrogen wurde.

Der Christopher Robin des aktuellen Films dagegen ist eine völlig erfundene Fantasiefigur, die sich nahtlos in Disneys Märchen-Universum einreihen kann. Die einem aber so ans Herz geht, dass man verrückterweise beide Filme, die sich so diametreal gegenüber stehen, gleichermaßen lieb gewinnen kann.
Das liegt vor allem am Regisseur. Der gebürtige Bayer Marc Forster hat schon mal einen James-Bond-Film verantwortet („Ein Quantum Trost“) oder auch den Zombie-Horror „World War Z“. Sein bislang schönster Film aber war „Wenn Träume fliegen lernen“ (2004) über die Entstehungsgeschichte des Kinderbuchklassikers „Peter Pan“. Auch aus „Peter Pan“ hat das Disney-Studio 1953 einen Trickfilmklassiker gemacht, Forsters Film hätte da prima in Disneys Reihe der Neuverfilmungen und -erfindungen gepasst. Damit hat er sich zumindest wärmstens empfohlen für den nun artverwandten „Christopher Robin“. Wieder weiß Forster auf herzerweichende Weise von kleinen und großen Kindern zu erzählen. Und von den Träumen, die man sich bewahren muss.





