Hauptrolle Berlin

Ein Spurt durch die Stadt, der das Kino veränderte

Die Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ feiert Dreijähriges mit einem runden Geburtstag: 20 Jahre „Lola rennt“. Tom Tykwer erzählt vom Dreh.

Foto: ©Sony Pictures/Courtesy Everett Collection / picture alliance / Everett Collection

Als vor drei Jahren der Zoo Palast und die Berliner Morgenpost ihre Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ starteten, wusste keiner, ob das ankommen würde. Der Termin schien schlecht gewählt. Am 4. August 2015 war es 40 Grad heiß, am selben Abend lief ausgerechnet die TV-Premiere des Films, mit dem die Reihe eröffnet wurde: „Oh Boy“. Da wird keiner kommen, fürchteten alle. Und dann war der Saal ausverkauft.

Auch in den nächsten Monaten stellte sich die Frage, wie lange eine solche Reihe sich halten, vor allem: wie viele Gäste man dafür gewinnen könnte. Aber auch da wurde man eines Besseren belehrt. Bislang kamen Stars wie Katja Riemann, Martina Gedeck, Maria Schrader oder Heike Makatsch. Und Regisseure wie Wim Wenders, Doris Dörrie, Leander Haußmann, Detlev Buck und Dani Levy. Vor allem aber kam immer auch das Publikum, um ei-nen genuinen Berlin-Film zu sehen, in dem die Stadt wirklich eine zentrale Rolle spielt.

Am kommenden Dienstag feiert die Reihe nun ihr Dreijähriges. Und zele­briert das mit einem noch viel größeren Geburtstag: mit Tom Tykwers „Lola rennt“, der vor genau 20 Jahren ins Kino kam. Ein Meilenstein nicht nur des Berlin-Films. Sondern ein Kassenhit, der dem deutschen Kino einen Schub verlieh wie kaum einer sonst. Und auch nach 20 Jahren ist der Film um keine Sekunde gealtert, auch wenn es da noch um
D-Mark geht und die Leute in Telefonzellen miteinander kommunizieren.

Muss man die Handlung noch mal erzählen? Kennt nicht jeder die Geschichte von Lola (Franka Potente), deren Freund Manni (Moritz Bleibtreu) 100.000 Mark verloren hat, die er in genau 20 Minuten abliefern muss, weil er sonst geliefert ist? Die Kamera dreht sich um Lola, der zahlreiche Optionen durch den Kopf (und über die Kinoleinwand) rattern. Dann rennt sie los. Quer durch die Stadt. Atemlos. Wie bei Helene Fischer, würde man heute sagen. Wie bei Jean-Luc Godard, hätte man damals assoziiert.

Der Schmetterlingseffekt in einer Art Zeitschleife

Dennoch kommt Lola zu spät, Manni überfällt da schon einen Supermarkt. Die Polizei rückt an, ein Schuss löst sich, trifft Lola. Und dann ist der Film eigentlich, nach kaum einer halben Stunde, schon vorbei. Ist er aber nicht. „Ich will nicht“, sagt Lola, „Stopp.“ Und alles fängt noch mal von vorn an. Mit dem Anruf. Und dem Losrennen. Nur diesmal mit kleinen Veränderungen, die zu einem komplett anderen Handlungsverlauf, aber einem nicht minder bitteren Ende führen. Man ahnt, auch das wird es noch nicht gewesen sein.

Das Rad der Zeit zurückdrehen: Das kann nur das Kino. Alles auf Anfang: Der Ruf erklingt immer, wenn bei Dreharbeiten eine Szene wiederholt wird und alle zur Ausgangsposition zurückkehren. Bei „Lola rennt“ wird das zur Grundstruktur und zum Handlungskonzept. Kino im Konditional: Was wäre, wenn. Der berühmte Schmetterlingseffekt, demzufolge nicht vorhersehbar ist, wie kleine Änderungen sich auf die Entwicklung eines Systems auswirken, in einer Art Zeitschleife. „Lola rennt“ ist auch eine Verbeugung vor dem polnischen Regisseur Krzysztof Kieslowski. Dessen Film „Der Zufall möglicherweise“ von 1981, der lange verboten war und erst 1987 ins Kino kam, erzählt seine Geschichte auch drei Mal. Und immer wieder anders.

Tykwer übertrug diese Idee in einen aktionsbetonten Film. Und auf die Lethargie der Bundesrepublik und der Kohl-Ära, die gerade erst zu Ende gegangen war. Am Anfang, sagte Tykwer immer wieder, sei dieses Bild gewesen, eine Frau mit roten Haaren, die durch den Film, durch die Stadt renne. Das hat er denn auch realisiert, mit einer Rasanz und einem Tempo, wie man es damals, lange vor digitalen Kameras und digitalen Effekten, nicht kannte.

Nicht nur, dass Lola rennt und rennt und rennt. 70 Prozent des Films wurden draußen gedreht, trotz der bürokratischen Schwierigkeiten bei Drehgenehmigungen, die man damals noch bei jedem Bezirk einzeln einholen musste. Die Cutterin Mathilde Bonnefoy hat das zu einer famos-rastlosen Montage geschnitten. Und Tykwer griff ganz tief in die Trickkiste des Kinos, mit Reißschwenks, Zeitraffer, Kreisfahrten, Splitscreens, sogar Trickanimationen. Und die pulsierende Musik, die das Tempo vorgibt, hat er auch gleich noch mitkomponiert.

chönste Idee aber: Immer wieder auf ihrem Spurt begegnet Lola Passanten, von denen dann das weitere Leben in kurzer Bilderfolge angerissen wird. Und jedes Mal komplett anders verläuft. Ein Action- und Liebesfilm, der zugleich zum philosophischen Diskurs einlädt.

Der Film ist in einem ähnlichen Tempo entstanden, in dem er gedreht wurde. Die Berliner Produktionsfirma X Filme war nach ihren ersten beiden Filmen, Wolfgang Beckers „Das Leben ist eine Baustelle“ und Tykwers „Winterschläfer“ – auch wenn die inzwischen längst Kult sind – fast schon wieder ruiniert. Es musste zwingend ein Erfolg her. Die Uhr tickte, wie in „Lola rennt“. Die Firma hatte nur drei Projekte. Und entschied sich für das riskanteste.

Das Baufieber in Berlin war eine ideale Atmosphäre

Der Rest ist Geschichte. Zwei Millionen sahen den Film allein in Deutschland. Die Filmkritik war begeistert, das Publikum war es auch. Franka Potente, Moritz Bleibtreu, auch Tom Tykwer waren über Nacht Stars. Lola war eine Frischzellenkur für den deutschen Film. Nur konsequent also, dass der bis dato namenlose Deutsche Filmpreis Lola getauft wurde, was nicht nur mit Marlene Dietrich zu tun hatte. Auch international machte der Film Furore, etwa als „Run, Lola, Run“ in den USA. Und es gab Hommagen (eine Folge der „Simpsons“) und Parodien (der Kurzfilm „Lili rennt“), sogar eine Oper von Ludger Vollmer.

Nur die Route, die Franka Potente da immerzu rennen muss, die stimmt hinten und vorne nicht. Von Kreuzberg geht es über die Oberbaumbrücke, dann von der falschen Seite her über die Friedrichstraße, ins heutige „Hotel de Rome“, das damals noch eine stillgelegte Dresdner Bank war, dann über den Gendarmenmarkt. Und der Supermarkt am Ende ist in Charlottenburg! Tykwer ging es hier nicht um einen logischen Streckenlauf.

Er zeigte vor allem Ecken, die bis dahin kaum als Filmlocations dienten, die lange Baustelle waren und gerade erst frei wurden. Die Stadt schien mit ihrem fieberhaften Bauboom in den 90ern der ideale Schauplatz für diese Adrenalin-Story. „Berlin war in starkem Aufruhr und zugleich eine Geisterstadt“, erinnerte sich Tom Tykwer später. „Lola läuft in dem Film ja letztlich gegen den Tod an, und sie tut es in einer Stadt, die an vielen Stellen gerade ins Leben tritt.“

Auch wenn er seither so viele andere, auch internationale Filme inszeniert hat, wird Tom Tykwer immer wieder mit „Lola rennt“ verbunden. Manchmal scheint er fast etwas genervt davon. Als er auf der diesjährigen Berlinale Jury-Chef war, hat er aber Humor bewiesen. Und rannte für einen kurzen Clip, der die Juroren vorstellte, über die Oberbaumbrücke und durch die Straßen Berlins. Wie Lola eben. Ende September läuft dann in der ARD endlich seine jüngste Produktion: „Babylon Berlin“. Eine Serie, die in den 20er-Jahren spielt. Und in allen Ecken der Stadt.

Zoo Palast am Dienstag, 14. August, 20 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs Tom Tykwer