Film

Ingmar Bergman: Annäherung an ein Jahrhundert-Genie

Am 14. Juli wäre der Rgisseur 100 geworden. Zu diesem Anlass hat Margarethe von Trotta einen Film über den großen Kollegen gemacht.

Foto: Börres Weiffenbach Weltkino Filmverleih / © Börres Weiffenbach

Er war ein Titan des Kinos. Ein Jahrhundert-Genie. Ein Wegbereiter des Autorenfilms. Er hat ganze Generationen von Regisseuren geprägt. Die Kirche hat sich an ihm abgearbeitet wie er sich an ihr, und Millionen von Paaren fanden ihre Szenen einer Ehe in seinen Werken wieder. Längst gehört sein Oeuvre zum Kanon der Filmgeschichte. Die höchste Ehrung aber wurde Ingmar Bergman zuteil, als er auf den 50. Filmfestspielen von Cannes, genau 20 Jahre ist das her, zum größten Filmemacher aller Zeiten ernannt wurde.

Am 14. Juli wäre der schwedische Film-und Theaterregisseur, der 2007 gestorben ist, 100 Jahre alt geworden. Und obwohl schon so viel über ihn geschrieben und auch gefilmt wurde, gibt es noch immer kein Standardwerk über den Mann. Als ob keiner es wagen würde, diesen singulären Meister, der in keine Schublade zu stecken ist, einzuordnen.

Von Trotta musste lange überredet werden

Aber nun, zum Jubiläum, gibt es nicht nur eine große Filmretrospektive im Kino Babylon, in der man sein ganzes Werk studieren kann. Sondern auch eine Annäherung, höchst passend in filmischer Form. Aber nicht von einem der üblichen Verdächtigen, Woody Allen etwa oder Martin Scorsese, die sich oft und versiert über Bergman äußern. Sondern von überraschend anderer Seite: von der deutschen Regisseurin Margarethe von Trotta.

Auch sie gibt zu, dass man sie zu diesem Film lange überreden musste. Sich an Ikonen heranzuwagen, das kann eigentlich nur schiefgehen und macht einen nur selber klein. Aber die Wahl ist treffender, als man zunächst annehmen würde. Denn für von Trotta hat alles mit Bergmans „Siebentem Siegel“ angefangen.

Bis sie 18 war, war sie an Malerei, Oper und Theater interessant. Nicht am Kino. Kunststück, wo im deutschen Film damals Heimatschnulzen und Tralala-Filmchen dominierten. Aber dann kam sie 1960 nach Paris, wurde von ihren Mitstudenten förmlich ins Kino gezwungen. Sah dort besagten Bergman-Film. Plötzich fand sie alle Künste wie in einem Prisma zusammengefasst. Und hatte von da an den Traum, selbst einmal Regisseurin zu werden. Bergman war quasi die Initialzündung.

Eine Auszeichnung, die zur Pflicht wurde

Das allein hätte wohl nicht gereicht, sich an den übergroßen Kollegen heranzutasten. Aber als Margarethe von Trotta 1981 auf den Filmfestspielen von Venedig für ihren Film „Die bleierne Zeit“ als erste Frau den Hauptpreis gewann, war es Liv Ullmann, Bergmans Dauer-Muse, die ihr den Goldenen Löwen überreichte.

Und es war von Trotta, gesteht sie im Gespräch mit Liv Ullmann, „als würde Ingmar, mein Meister, hinter dir stehen und mich segnen“. Jahre später hat Bergman von Trotta gestanden, dass deren „Bleierne Zeit“ ihm in einer schweren Krise die Kraft gegeben habe, weiterzumachen. Als das Gothenburg Festival später eine Liste mit den elf für Bergman wichtigsten Filmen aufstellte, war „Die bleierne Zeit“ dabei.

Eine Auszeichnung, eine Ehrung, die von Trotta gewissermaßen zur Pflicht wurde. So hat sich die Filmemacherin aufgemacht, das Universum Bergman zu erkunden. Und zwar nicht, das war ihr schnell klar, als klassische Dokumentation. Sondern als ganz persönliche Annäherung. In „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“, der heute ins Kino kommt, ist sie gleich anfangs zu sehen, wie sie an jenem Strand steht, wo 60 Jahre zuvor „Das siebente Siegel“ gedreht wurde. Dann sitzt von Trotta Liv Ullmann gegenüber und schwärmt mit ihr über die starken, modernen, emanzipierten Frauenbilder in Bergmans Filmen, wie sie damals selten waren.

Von Trotta reist viel herum in diesem Film. Nach Paris, wo sie „ihren“ Bergman entdeckt hat. Nach Stockholm, wo er geboren ist und wo er am Dramaten Theater und in den ehemaligen Studios Filmstaden gearbeitet hat. Nach München, wo er, nachdem er wegen einer entwürdigenden Steuerklage seine Heimat verließ, eine neue künstlerische Heimat fand – und auch bei dem Ehepaar Schlöndorff/von Trotta verkehrte. Und schließlich nach Farö, die kleine Insel, auf die sich Bergman zuletzt zurückgezogen hat.

Dabei trifft von Trotta nicht nur Weggefährten von Bergman– Schauspielerinnen wie Ullmann und Gunnel Lindblom, auch Gaby Dohm und Rita Russek, mit denen er am Münchner Residenztheater gearbeitet hat, oder Katinka Farago, die 30 Jahre lang seine Assistentin war. Sie trifft auch zwei seiner vielen Kinder: Ingmar Bergman Jr. und Daniel Bergman, der selbst Regisseur ist und sich bislang jedem Film über seinen Vater verweigert hat.

Daneben spricht sie auch mit vielen Kollegen: mit Carlos Saura etwa oder Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, die wie sie von Bergman geprägt wurden. Aber auch mit jüngeren Regisseuren wie Olivier Assayas oder Ruben Östlund, die die Sicht der nächsten Generation vermitteln. Und immer wieder kommt der Meister selbst zu Wort, in Archivmaterial, das teils erstmals veröffentlicht wird und in dem Bergman, bei Aufnahmen aus München, mit fließenden Deutsch überrascht.

Die Schauspieler mehr geliebt als die eigenen Kinder

So entsteht ein faszinierendes Puzzle, ein Wechselspiel aus Innen- und Außenansichten. Östlund etwa referiert, dass es an Schwedens Filmschulen eine regelrechte Teilung gibt zwischen jenen, die sich an Ingmar Bergman, und denen, die sich an Bo Widerberg orientieren. Katinka Farango erinnert sich, dass Bergman seine Schauspieler so geliebt hat, dass er sie nie hätte anschreien können – und, wenn er sich dann doch mal über sie ärgerte, seine Wut lieber an Crewmitgliedern ausließ. Von Trotta zieht sich bei alledem nie heraus, bringt sich vielmehr immer wieder selbst mit ein. Und wird so zur persönlichen Führerin durch Bergmans Sphären.

Auch dessen Abgründe werden dabei gestreift. Die ewige, bittere Auseinandersetzung des Pfarrerssohns mit der Kirche. Seine Unmöglichkeit, Beziehungen auf Dauer einzugehen. Und die tiefe Lebenskrise, die ihn in seinem Quasi-Exil in München erfasst hat. Der ergreifendste Moment aber ist wohl der, wenn Daniel Bergman erzählt, wie sein Vater im Alter im Sessel saß und stöhnte, wie sehr er seine Schauspieler vermisse. Als seine Schwester klagte, warum er dasselbe nicht auch einmal über seine Kinder sagen könne, soll er entgegnet haben: „Weil es nicht so ist.“

Am Ende steht Margarethe von Trotta auf Farö, jener schwedischen Insel, Bergmans letzter Zuflucht, wo er auch gestorben ist. Sie steht da vor einem dieser berühmten, riesigen Rauken-Felsen, der wie eine Skulptur wirkt. Oder wie ein Filmrequisit. Es scheint ein Sinn-Bild: Die Frau ganz klein vor dem Monolith, dem übergroßen Idol. Dem sie sich doch auf ganz eigene Weise genähert hat: Bergman und ich.

Vom 12.7. bis 12.8. zeigt das Kino Babylon Kino in Mitte eine große Retrospektive „Ingmar Bergman 100“ mit vielen Gästen.

Am 16. Juli (19 Uhr) werden Margarethe von Trotta und Liv Ullmann hier vor der Vorführung des Trotta-Films persönlich über Ingmar Bergman sprechen.

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